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Bernd Späth Über ein Vier-Stunden-Coaching.
Eigentlich komisch, dass so wenig diskutiert wird, wie lange eine Coachingsitzung dauern sollte: Therapieerfahrene Klienten wissen zwar, dass therapeutische Sitzungen nach fünfundvierzig oder fünfzig Minuten zu Ende sind. Das mag bewährte Praxis sein („Machen wir seit jeher so.“), aber ehrlich gesagt halte ich beim Coaching von Führungspersonal und Selbständigen wenig davon. Auch wenn dieses System sich in bestimmten Konstellationen bewährt hat, sollte man ruhig für Anderes offen sein. Mein Haupteinwand nämlich gegen diese relativ kurze Gesprächsdauer ist, dass das „Eingemachte“ eines Klienten, - also die unbewussten Verhaltensmuster, die ihn/sie steuern, und an die man sich mühsam und unter maximaler Konzentration heranarbeiten muss - oft erst ganz zum Schluss sichtbar wird. Dann allerdings ist die Sitzung fast schon wieder vorbei. Natürlich lässt sich argumentieren, man könne in der nächsten Sitzung ja damit fortfahren. Dass es allerdings Sinn machen soll, ein mühsam eröffnetes Thema erst einmal wieder auf Standby zu schalten, überzeugt mich eher weniger. Auch brauchen Wirtschaftsleute Ergebnisse im überschaubaren zeitlichen Rahmen. – Von der oft aufwendigen An- und Abreise für eine Sitzung mal ganz abgesehen.
Deshalb habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht mit Zwei-Stunden-Sitzungen - also volle 120 Minuten -, die das Resultat meiner praktischen Erfahrungen sind: Den schon von Freud beschriebenen Widerstand des Unbewussten gegen seine Aufdeckung nämlich sollte man niemals unterschätzen. Was ein Leben lang eingedrillt, im Verborgenen abgespeichert und stets aufs Neue reproduziert wurde, das wehrt sich mit aller Verbissenheit dagegen ans Licht zu geraten. Es bedeutet ja den ersten Schritt zu seinem Machtverlust! Ähnlich einem Bürokraten also, der auf seinem Sessel klebt und alles nur verhindert, verhält sich hier auch der unbewusste und damit weitaus größere Teil unserer Psyche. Trefflich hat der Freud-Schüler Carl Gustav Jung einmal formuliert, die Psyche sei eine riesige Nachtlandschaft, und wo gerade ein Scheinwerfer hinleuchte, dort sei kurzfristig das Bewusstsein aktiv. Also folgerte er nüchtern: „Bewusstsein ist der außergewöhnliche Zustand.“
Das sollte man sich ruhig öfter vor Augen halten, denn der Satz gibt einen Hinweis darauf, dass unbewusste psychische Inhalte sich in ihrer Höhle festkrallen wie ein Dachs, den man herauszerren will. – Ruhig mal in den Wald gehen und ausprobieren! Zugleich aber bedeutet Jungs Statement auch, dass eine derartige Aufdeckung nicht ohne kompetente Hilfe von außen möglich ist: Den Freud´schen Widerstand aufzulösen ist erheblicher Teil der gemeinsamen Arbeit. Nach meinen Beobachtungen in nunmehr über sechzehn Jahren Coachingtätigkeit ist es beileibe keine Seltenheit, dass ein/e Klient/in bis zu fünfzig Minuten – in einem Fall sogar fast hundertzwanzig Minuten – dauermonologisiert und nur vordergründiges Material liefert. Als Privatperson wäre man da arg genervt. Doch als Coach entnimmt man genau diesem Geschehen wertvolle Informationen: Ich soll neutralisiert werden, an die Wand geredet werden, hilflos gemacht werden, - natürlich unbewusst und ohne böse Absicht. Je länger der Monolog desto massiver der sichtbar werdende Widerstand und offenbar auch das dahinter verborgene Problem. Hat man dies erkannt, dann kann man in aller Ruhe darauf warten, dass die Munitionsvorräte des Gegenübers sich erschöpfen, so dass man dessen unbewusste Strategie ansprechen und aufdecken kann. Selbstverständlich wird erst einmal empört dementiert, während man sich behutsam und einfühlsam weiterfragt und das Gespräch unversehens kippt und eine große Intensität entwickelt.
Hier eben stellt sich die praktische Frage: Sollen wir genau an diesem Punkt abbrechen, weil die Zeit vorbei ist? No thanks. Die zweite Stunde der Sitzung wird dann unglaublich intensiv und aufdeckend, der Klient erlebt sich plötzlich von einer anderen, bisher unbekannten Seite her und beginnt Zusammenhänge zu erkennen: zwischen unbewussten Verarbeitungsmustern und unbewusstem Verhalten, das zu seinen aktuellen Problemen führt. Hier also liegt der überzeugende Vorteil einer Zwei-Stunden-Sitzung: Man hat noch reichlich Zeit, das Aufgedeckte gemeinsam zu bereden, und last not least: Es muss auch erst einmal verdaut werden, was für die Betroffenen meist kein Honiglecken ist. Irritierte und Orientierung suchende Fragen an den Coach sind da keine Seltenheit, umso wichtiger, dass noch Zeit dafür ist. Doch auch langes Schweigen als Hinweis auf einen ablaufenden inneren Prozess ist eine Botschaft eigener Art und kann produktiv gedeutet werden. Ich habe also noch keine einzige Zwei-Stunden-Sitzung erlebt, bei der man leer ausgegangen wäre.
Aber was mache ich, wenn jemand von auswärts anreist? Aus Köln, Berlin oder Flensburg, aus Salzburg oder Zürich? Hier muss man vom Interesse des Klienten her denken und in Betracht ziehen, dass für eine Anreise nach München zwei Stunden die eher suboptimale Lösung darstellen. (Dies, obwohl ich auch Klienten habe, die zum Teil seit Jahren über 200 km Anfahrt in Kauf nehmen für genau diese zwei Stunden.) Also sollte man hier klare Absprachen treffen: Was ist der Wunsch des Klienten? Was sind seine/ihre Möglichkeiten? Die Lösung, die ich anbiete, ist eine, bei der beide Parteien schon vorher wissen, dass sie am Ende ordentlich geschlaucht sein werden: Eine Vier-Stunden-Sitzung.
Mache sich niemand die Vorstellung, dass das ein Spaziergang wird, obwohl das äußere Setting durchaus entspannt und zwanglos ist: Wohnzimmeratmosphäre mit Kaffee, Tee, Kuchen. Häufige Frage vorab: „Muss ich irgendwas mitbringen?“ – Auch hier soll ja die Performance bitteschön stimmen, gell?
„Nur sich selber!“ Wer seit zwanzig Jahren im Betrieb um den High-Performer-Status kämpft, der wird da schon unsicher. Kann ja nix werden, wenn der nicht mal ne Präsentation verlangt, klaro.
Der innere Druck ist vielen Klienten anzusehen: Was macht der jetzt gleich mit mir? – Nun ja, er hört erst mal zu. Und verzichtet auf „Gesprächsoptimierung“ und ähnliches Geschwurbel. Hier zählt nur Eine/r, nämlich der/die Klient/in in seiner/ihrer Notsituation und hat dafür alle Zeit der Welt.
Eine Sitzung dieser Dauer hat einen gravierenden Vorteil: Niemand schafft es, einen Widerstand vier Stunden lang aufrecht zu erhalten, - mit Ausnahme ganz weniger Hochverkopfter. In aller Regel vergehen die ersten 60-70 Minuten damit, die Situation und Problematik des Klienten umfassend und subjektiv darzustellen. Aufgabe des Coaches ist es dabei, genauestens darauf zu achten, welche unbewussten Strukturen zur Problementstehung beitragen. Nicht minder wichtig ist eine Frage, mit der der Klient sich praktisch nie befasst: Ist das geschilderte Problem wirklich das Problem oder ist es Symptom mit Appellcharakteristik? Nach meiner Erfahrung gilt die Erkenntnis: Das Eingangsproblem ist niemals das wirkliche Problem. – Und schon ist man mitten drin. Empfehlenswert ist eine Pause nach zwei Stunden, - nicht nur um den Raum zu lüften, sondern auch die Köpfe. Die ein oder andere Lunge giert dann auch nach Nikotin.
Die zweite Hälfte der Sitzung erinnert an das Bild mit der Perlenschnur: Ist der Anfang gefunden, werden unbewusste Fühl- und Verhaltens-Muster wahrgenommen, die zur kritischen Selbstreflexion motivieren. Dann tauchen weitere Muster auf, die sich – konzentrierte Fragetechnik vorausgesetzt – verknüpfen lassen mit Bildern, Gefühlen, Erinnerungen aus frühen bis sehr frühen Lebensjahren. Oft sind es nur kurze flashes, doch jetzt wird sichtbar, warum ich mich in bestimmten Situationen immer klein mache; warum ich Konfliktsituationen durch stille Unterwerfung umgehe; warum ich diese starke Sperre verspüre, autoritärer Anmaßung entgegenzutreten; warum ich schon ein ganzes Leben lang diese Traurigkeit mit mir schleppe, die mich so wahnsinnig viel Kraft kostet. – Denn eines ist klar: Über vier Stunden hält sich kein Widerstand, irgendwann löst er sich auf, und die Informationen fließen. Bisweilen auch die Tränen.
„Tatsächlich verschwenden viele Menschen unnötige Energien in einem Kampf mit äußeren Problemen, die in Wirklichkeit nur Abspiegelungen ihrer inneren Wirklichkeit darstellen. Sie stellen unbewusst um sich herum immer wieder Umstände her, die ihnen dazu dienen, ihre alten Konfliktthemen mit den dazugehörigen Phantasien und Gefühlen wiederzubeleben.“ (Horst Eberhard Richter, Flüchten oder Standhalten). – Schon mit den ersten vier Stunden kann es möglich werden, diesen Kreis zu durchbrechen.
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Mit freundlichen Grüßen
Michelle Dierks
Bernd Späth Über Job und Tic.
Es gibt Feedback-Schleifen, die sind richtig menschenfeindlich. Lars, der junge Mann vor mir, ist Anfang dreißig und sehr konservativ gekleidet. Insgesamt wirkt er recht unsicher, was sich unter anderem daran zeigt, dass er mich nach jedem Satz fragend anblickt, offenbar Bestätigung suchend: Stimmst du mir zu oder weist du mich (wieder einmal) zurecht? Auffallend sind die unentwegt in Bewegung befindlichen Finger, die fortwährend aneinander reiben, an den Oberschenkeln, auf der Innenseite der Unterarme oder auch einmal an der Kehle. Immer in Bewegung, immer auf Wanderung, immer auf Suche. Das kann ein Hinweis auf eine frühkindliche Traumatisierung sein.
Überhaupt ist Wachsamkeit angebracht bei Menschen, die stets so seltsam verhalten wirken, - in Mimik, Stimme, Körper und Sprache. Sie haben unbewusst und meist schon sehr früh eine Art Haltegerüst gegen heftige innere Bewegungen aufgebaut, die ins Unbewusste weggedrückt wurden und dort nach Kräften randalieren. Man kann es sich ruhig so vorstellen, als würde man den stetigen Ausfluss einer Quelle in eine Art dehnbaren Weinschlauch umleiten. Je mehr Zufluss desto mehr steigt der Druck. Bis das Gefäß irgendwann und irgendwo beginnt sich auszubeulen: als kleines Bläschen, als große Blase, als plötzlich überall sickernde Gewebedurchlässigkeit oder mit Explosionsknall. – Vielleicht kann man so den Mechanismus der Symptombildung erklären, wenn Unverarbeitetes zum Überdruck führt und der psychische Apparat beginnt an seinen schwächsten Stellen nachzugeben.
„Ich fühle mich so richtig hilflos.“, sagt Lars. Gekommen ist er übrigens wegen eines Problems mit den Kollegen.
„Und ich kann einfach nicht noch mehr einstecken. Ich kann nicht. Ich bin am Ende.“
Das sagt er ruhig und ausdruckslos. - Wäre da nicht das heftige, krampfartige Augenzwinkern beidseitig. So heftig, dass selbst noch die obere Nasenregion ruckartig nach oben schießt. Drei-vier-fünf-mal. Und das macht ihn im Job zum Faktotum, an dem Jeder sich abreagieren darf.
Kollegen sind ja nicht immer die Blüte des menschlichen Charakters. Manchmal suchen sie sich einen aus und picken ihn fast zu Tode. Meist sind es dann Menschen mit einer nicht verstandenen Verhaltensauffälligkeit, die zum Opfer werden, indem man sich gnadenlos über sie lustig macht, sie dumm anmacht, ihnen dreiste Streiche spielt und ihnen jede Schwäche und jeden Fehler als „mal wieder typisch“ doppelt anrechnet. Ein uralter Totbeiß-Reflex aus dem Stammhirn: Was nicht die gleichen Merkmale trägt wie wir, gehört nicht zum Schwarm und muss vertrieben werden. Die Betroffenen sind meist besonders sensibel und sehr verzweifelt, da sie um ihre Auffälligkeit wissen, aber keine Ahnung haben, wie sie herauskommen sollen. Vorgesetzte schauen weg anstatt ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Ein Teufelskreis, der immer wieder einmal zu massiven Aggressionsdurchbrüchen führt, wenn der/die Betroffene es einfach nicht mehr aushält. – Nur nebenbei bemerkt: Das Entsetzen über jugendliche Amokläufer ist groß. Die Frage, was einen jungen Menschen in einen derart mörderischen Hass getrieben hat, wurde bisher nicht gestellt.
In meiner Volksschulklasse hatten wir einen Lehrer, der ebenfalls eine derartige „Macke“ aufwies: Jedes Mal, wenn er uns Kinder zusammenstauchte, geriet er in eine anwachsende Rage, und ab dem Mittelteil seiner Predigt warf er immer wieder den Kopf ruckartig nach rechts oben, wobei er die Lippen so krampfhaft verzerrte, dass ihnen ein bizarr-grunzendes „Horrrrf-quarrrr!“ entfuhr, an dessen Ende sein Kinn kurz nach links zuckte und dann in Normalposition zurückkehrte. Außerhalb der Schule hatten wir große Freude ihn nachzumachen. Tatsache war aber auch, dass nach der Nazidiktatur und dem Weltkrieg jede Menge Leute mit solchen Störungen herumliefen. Kein Wunder, nach den Kriegswirren, den alliierten Bombenteppichen und allen anderen Atrozitäten der braunen Periode.
Um was also handelt es sich? Andere Diagnosen vorsorglich ausgeschlossen, werden diese Störungen in der Fachliteratur leicht verniedlichend als „Tics“ bezeichnet, definiert als „unwillkürliche, nicht zweckgebundene Bewegungen und/oder Lautäußerungen von Menschen.“ Auf Deutsch: unvorhergesehen, spontan, sinnlos. Man unterscheidet zwischen motorischen und vokalen Tics. Motorische Tics sind abrupt einsetzende und mitunter sehr heftige Bewegungen, die unwillkürlich ablaufen und nicht zweckgebunden sind. Die Bewegungen verlaufen ritualhaft in immer gleicher Weise, sind dabei aber nicht rhythmisch. Sie können einzeln oder in Serie auftreten: Stirnrunzeln, Augenblinzeln, ruckartige Kopfbewegungen, Hochziehen der Augenbrauen, abruptes Schulterzucken, Nase hochziehen und Grimassieren sind die Hauptvertreter dieser für die Betroffenen oft unerträglichen Störung, die ihnen das Leben zur Hölle macht. Als vokale Tics hingegen bezeichnet man Äußerungen von Lauten und Geräuschen, z.B. Räuspern, Schniefen, Grunzen, Quieken, Zungenschnalzen, bisweilen auch lautes Schreien. Eine besonders extreme Form sind die sogenannte „Koprolalie“ (Hervorstoßen ordinärer und obszöner Worte) und die „Echolalie“ (Nachsprechen oder Nachäffen gehörter Worte oder Laute).
Interessant ist, dass es eine überzeugende Ursachenerklärung bis heute noch nicht gibt: Man vermutet zwar eine ererbte Störung in den Basalganglien, doch – so sagt der Bayer – „Nix G´wiss woaß ma´ net.“ Fakt ist allerdings auch, dass die Psychoanalytiker eine starke psychische Komponente sehen und teilweise erfolgreich therapieren: Der „Tic“ also als Problem der psychischen Selbstorganisation? Wichtig ist, dass man Tic-Persönlichkeiten nicht als isoliertes medizinisches – und damit vorwiegend mechanisches - Problem betrachten darf. Die Persönlichkeit der Träger zeigt meist starke Beschränkungs-, Hemmungs- oder Verängstigungszüge. Hilft man ihnen, aus ihrem inneren Gefängnis herauszukommen, wird die Symptomatik in vielen Fällen rückläufig. Und am Ende hat Recht, wer hilft.
Not tut jedenfalls ein realistischer Blick auf die Gesamtsituation: Für Lars konnte das nur bedeuten, dass er an seinem Problem arbeiten musste, um die Zusammenhänge aufzudecken, und dass er seine Arbeitsumgebung vergessen konnte, um sich lieber etwas Neues zu suchen, wo er ohne – oder mit wenigstens deutlich verminderter – Symptomatik neu anfangen konnte. Bisweilen allerdings fragt man sich auch, wie Eltern eigentlich Liebe definieren: Lars´ Eltern jedenfalls schienen stark geprägt von eigenen Schuldängsten und einer nur schwer nachvollziehbaren, vorwiegend religiös motivierten Verzichtsethik, mittels derer sie offenbar eigene Kindheitserfahrungen weitergaben: Wann immer der kleine Lars einen Wunsch geäußert hatte, führte die Bigotterie der Eltern dazu, dass das von ihm Begehrte als „Werk des Teufels“ diskreditiert wurde. Damit konnten ihm die Eltern die Wunscherfüllung verweigern, scheinbar ohne sich selbst zu belasten, denn gegen den Teufel zu sein ist bekanntlich gottgefällig. Dass einem kleinen Jungen damit fortwährend die Nähe zum Teufel und seelische Verderbtheit attestiert wurden, schien vor der selbstgerechten Fassade der beiden Frömmler nicht zu interessieren. Lars, den die spitzzüngigen Verurteilungen und Verächtlichmachungen tief verunsichert hatten, hatte sich schon als Kind eng zusammengeschnürt: Funktionieren ohne auffällig zu werden und keinesfalls etwas fordern. Nur funktionierte es nicht. Seine Seele signalisierte über das Mittel der Symptombildung, wie elend sie sich fühlte. Und so ergab sich schrittweise der Zusammenhang: Immer wenn Lars etwas haben wollte, wurde der eingehämmerte innere Zensor so massiv, dass Lars wie wild zwinkerte. – Eine Blasenbildung unter massivstem innerem Druck.
Das Symptom als Konfliktentlastung: Lars hatte nie gelernt, gegen die autoritäre Anmaßung der Eltern aufzustehen und sich selbst als eigenständige Persönlichkeit zu definieren statt als Annex des elterlichen Angst- und Schuldszenarios. Es bedurfte, da er die Beiden für sich streng tabuisiert hatte, einiger Arbeit, diese Zusammenhänge aufzudecken. Doch es gelang, und Lars fand erstmalig Zugang zu einem freieren Leben, in dem er und seine Bedürfnisse etwas zählten, und so konnte er auf die Symptombildung verzichten. „Unspezifische, chronisch emotionale Belastungen (gekoppelt mit Unterdrückung aggressiver Strebungen)… werden ätiologisch für das Entstehen der Tic-Krankheiten verantwortlich gemacht.“ (Bürgin und Rost)
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