Risikoeinschätzung in der Anlageberatung

Risikoeinschätzung in der AnlageberatungRisikoeinschätzung in der Anlageberatung

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Jessica Kelich
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Welche/r Anleger/in ordnet sich selbst in Risikoklasse 5, 6 oder 7 (SRRI) ein, die für die Vermittlung von Aktienfonds oder Mischfonds vorausgesetzt wird? Wir möchten mit Ihnen diskutieren.

Diskussionsrunde "Risiko in der Anlageberatung"

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Der Online-Dienst der Zeitschrift "Fonds professionell" teilt heute mit, dass das Deutsche Institut für Normung (#DIN) einen Entwurf für DIN-Norm 77223 "Risikoprofilierung von Privatanlegern unter Berücksichtigung ihrer Vermögens- und Einkommenssituation" vorgelegt habe. Der Entwurf eines entsprechenden Arbeitsausschusses, der nach einer Registrierung zur Einsichtnahme und Kommentierung öffentlich zur Verfügung steht, dient der systematischen Erfassung der Kenntnisse und Erfahrungen sowie der #Risikotragfähigkeit und #Risikobereitschaft von Anlegern. Um Diskrepanzen in der aktuellen Vermögensaufstellung analysieren und beheben zu können, sollen auch bereits bestehende Vermögenswerte klassifiziert und bewertet werden. Besonders hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang die Risikobewertung von Immobilienbesitz, der in Deutschland traditionell einen großen Teil der Privatvermögen ausmacht.

Interessanterweise ebenfalls heute weist "Fonds professionell" in einem anderen Beitrag darauf hin, dass auch der Bundesverband der #Verbraucherzentralen die Einrichtung eine Aktienrente fordere, da sich mit #Aktien nachweislich nicht nur langfristig die höchste #Rendite erzielen lasse, sondern obendrein Verlustphasen mit Aktien schneller als mit Festverzinslichen aufgeholt werden könnten. Aktien brachten nach einer Studie der Verbraucherschützer und weiterer Kooperationspartner über 120 Jahre im Schnitt 5,7 Prozent Rendite nach Inflation, Staatsanleihen nur 2,1 Prozent. Weitere Infos: https://www.fondsprofessionell.de/news/vertrieb/headline/verbraucherschuetzer-trommeln-fuer-aktienrente-210981/

Kerngedanke des wertorientierten Investierens (Value Investing) ist die Unterscheidung zwischen Preis und Wert einer Anlage, z.B. einer Aktie. Entscheidend für die fundamentale Wertabsicherung des investierten Kapitals ist dabei der innere Wert des Investitionsobjekts, nicht dessen an der Börse notierter Kurs. Der innere Wert einer Aktie wird aus den Vermögenswerten, Verbindlichkeiten und vor allem aus den für die Zukunft erwarteten (Netto-)Erträgen des betreffenden Unternehmens errechnet. Ziel und Leistung des wertorientierten Investors ist es, Unternehmen zu finden, deren Aktienkurs unter dem errechneten Wert liegt („günstig ist“), denn gerade diese Differenz zwischen Preis und Wert bildet die fundamentale Sicherheitsmarge und das Kurspotenzial der Aktie.

Wie fundamental sich der skizzierte Ansatz wertorientierten Investierens von anderen Investmentansätzen unterscheidet, wird an den Verlustdefinitionen beider Ansätze deutlich. Während Verlust herkömmlich dadurch gekennzeichnet wird, dass der Preis eines Guts unter seinem Einstandspreis liegt, liegt ein Verlust, fundamental betrachtet, nur dann vor, wenn der Kurs eines Investments über dessen errechnetem innerem Wert liegt (permanent loss). Was zunächst nach einer Tautologie klingt, enthüllt sich bei genauerem Hinsehen als vollkommen unterschiedliche Betrachtungsweise. Herkömmliche Wert- und Verlustbetrachtungen basieren auf dem Verhältnis zweier Kurse, nämlich des aktuellen und des Kaufkurses. Gemäß dem Value-Ansatz werden Wert und Verlust demgegenüber ausschließlich durch das Verhältnis von aktuellem Kurs und innerem Wert bestimmt.

Auch das Risiko- und Renditeverständnis beider Ansätze unterscheidet sich analog. Rendite und Risiko werden konventionell als das Verhältnis zweier oder mehrerer Kurse definiert, wobei mindestens ein Kurs aus der Vergangenheit stammt. In fundamentaler oder wertorientierter Betrachtung hingegen beziehen sich Risiko und Rendite darauf, ob der innere Wert eines Investitionsobjekts wie erwartet und errechnet realisiert werden kann, d.h. ob beispielsweise die prognostizierten Nettoerträge eines Unternehmens erzielt werden können. Der Kurs des Investments spielt auch hier allenfalls eine sekundäre Rolle; langfristig – so die Annahme effizienter Märkte – folgt er dem inneren Wert.

Fazit: Mit dem Konzept eines inneren Werts entsteht in der Betrachtung einer Investition eine zusätzliche Dimension, die den Blick auf das zugrundeliegende Investitionsobjekt, z.B. auf ein Unternehmen, an dem eine Aktienbeteiligung erworben werden soll, öffnet. Erst in dieser Perspektive wird deutlich, dass Kursverluste nicht mit Wertverlusten gleichzusetzen sind. Technische Kennzahlen, die ausschließlich auf Basis der Preise einer Kapitalanlage zu deren Verlust, Rendite oder Risiko kalkuliert werden – zu ihnen zählt auch die offizielle Risikoklassifizierung anhand des SRRI –, geben keine Auskunft über den inneren Wert, sondern allenfalls über den äußeren Tauschwert einer Anlage. Anleger verwechseln nicht selten beide Begriffe und ziehen daraus die falschen Schlüsse.

Peter E. Huber unterstreicht in einem aktuellen Artikel von https://www.fondsprofessionell.de/news/uebersicht/headline/peter-e-huber-risiko-ist-immer-ansichtssache-204350/ref/2/ Fonds professionell, wie problematisch isolierte Risikobetrachtungen in Form einzelner Risikokennzahlen sind. Exemplarisch thematisiert er das Risikomaß der Sharpe Ratio, die als Verhältnis von Zusatzrendite (über dem risikolosen Zins) und der Standardabweichung definiert wird. Huber stellt fest, dass die Sharpe Ratio des Deutschen Aktienindexes DAX für die letzten 10 Jahre mit 0,18 unter derjenigen des deutschen Rentenindexes REX (0,45) liege, obwohl der DAX in diesem Zeitraum 98,4 % und der Rex nur 27,8 % Wertzuwachs verbuchen konnte. Auch das Konzept des Tracking Errors wird problematisiert, da dieser mit jeder Marktabweichung zunehme, auch wenn es sich nur um eine positive Outperformance handele. Ratingagenturen stuften daraufhin beispielsweise Fonds herunter (obwohl sie andererseits aktives, möglichst benchmarkfreies Portfoliomanagement forderten). Huber weist darauf hin, dass Risikokennziffern stets nur Entwicklungen in der Vergangenheit, und auch nur für einen bestimmten Zeitraum, widerspiegelten. Dies sei gerade mit Blick auf die historisch beispiellose Niedrigzinsphase gefährlich irreführend. Aktien hätten langfristig nicht nur stets die bessere Rendite erzielt, auch das absolute Verlustrisiko liege langfristig unter dem manch anderer als sicherer geltenden Kapitalanlagen. Erfolgreiche Aktieninvestoren wie Warren Buffett seien daher stets langfristig orientiert. Aktien stellten in privaten Wirtschaftsordnungen die direkteste Partizipation an Wertschöpfung dar. Ihre langfristige Überrendite sei daher systembedingt.

Die Aktienmärkte steigen und steigen, doch viele Bürger hierzulande lassen ihr Geld weiterhin lieber zu Niedrig-, Null- oder gar Strafzinsen dahinvegetieren, statt es dort zu investieren, wo Wertschöpfung entsteht: in Aktien von Unternehmen, deren Zweck es ist, Gewinne zu erwirtschaften. Grund für die weit verbreitete Fehlallokation langfristigen Kapitals ist ein falsch verstandenes Risiko. Dabei bieten Investmentfonds – konstruktionsbedingt und mit Blick auf ihre flexiblen Anlagemöglichkeiten – seit Jahrzehnten das Mittel der Wahl. Schauen Sie sich hier den Kommentar von Christoph Fink an: https://youtu.be/oIdbg1LQ3d0

Der BVI Bundesverband Investment und Asset Management e.V. weist in einer Aussendung aus dem April darauf hin, dass es nur drei einfache Grundregeln für die Geldanlage gebe:

1. Festlegung des Sparziels

2. Bestimmung der geplanten Anlagedauer

3. Verteilung des Vermögens (z.B. über Investmentfonds)

Was hat das mit dem Risiko von Kapitalanlagen zu tun? Sehr viel!

Auch dem SRRI liegt eine Zeitraumbetrachtung zugrunde, denn er gibt das Volatilitätsmaß für die letzten fünf Jahre an. Betrachtet man vor diesem Hintergrund beispielsweise das bekannte https://www.dai.de/files/dai_usercontent/dokumente/renditedreieck/191231 DAX-Rendite-Dreieck 50 Jahre Web.pdf DAX-Rendite-Dreieck des Deutschen Aktieninstituts, so ergibt sich, dass rund 30% der historischen 1-, 2- und 3-Jahreszeiträume zwischen 1970 und 2019 mit einem Minus abschlossen. Für 6-Jahreszeiträume sinkt der Anteil bereits auf unter 10%. Unter den Zeiträumen von 13 oder mehr Jahren gibt es keinen einzigen mit negativer Wertentwicklung.

Rendite: Die Durchschnittsrendite aller 1-Jahreszeiträume zwischen 1970 und 2019 lag bei +10,2%. Über Zeiträume von fünf und mehr Jahren erzielte der DAX durchschnittlich zwischen 8,5 und 9,1%.

Nimmt man exemplarisch für eine aktienorientierte Anlage einen Zeitraum von 10 Jahren an, so ergibt die Statistik des DAX-Renditedreiecks folgendes Bild: Von 41 10-Jahreszeiträumen schlossen lediglich zwei (4,9%) mit einem negativen Gesamtergebnis. Das schlechteste 10-Jahresergebnis lag bei durchschnittlich -1,5% pro Jahr (was kaum über manchem heutigen Strafzins liegt), das beste bei +16,5% pro Jahr. Der durchschnittliche jährliche Wertzuwachs über alle 10-Jahresperioden betrug +8,5%.

Fazit:

1. Eine isolierte Betrachtung des Anlagerisikos und konkret der Risikoklasse von Kapitalanlagen, ohne Berücksichtigung der Anlagedauer und der historischen Renditen, macht keinen Sinn.

2. Anleger und Anlageberater müssen zunächst das Anlageziel und den entsprechenden Zeithorizont einer Kapitalanlage festlegen. Erst dann geben die Risiko- und Renditekennzahlen eines Finanzinstruments, z. B. eines Investmentfonds, einen aussagekräftigeren Anhaltspunkt für die Anlageentscheidung (auch wenn es sich nach wie vor um historische Kennzahlen ohne Gewähr für die Zukunft handelt).

3. Risiko und Rendite müssen im Verhältnis zueinander und im Übrigen nicht nur für den Gesamtzeitraum betrachtet werden. Auch die einzelnen historischen Jahresrenditen und ihre Verteilung sollten bei der Beurteilung einer Anlage berücksichtigt werden.

4. Neben allen genannten Zahlen bleibt es unverzichtbar, dass der Anleger auch die Anlagestrategie und die Prospektbestimmungen des Finanzinstruments versteht und akzeptiert. Nicht nur die Risikoklasse entscheidet über die Wahl des Investments, auch die Wahl des Investments sollte über das einzugehende Risiko entscheiden.

Diskussionsrunde "Risiko in der Anlageberatung"

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