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Frank Thiele Parteienforscher Franz Walter mit vernichtender Kritik an der Parteiführung
Der Göttinger Parteienforscher Prof. Franz Walter ist einer der renommiertesten Kenner der SPD. Er schreibt im neuesten Spiegel eine bemüht wohlmeinende, zurückhaltende und damit in ihrer Wirkung umso vernichtendere Kritik an der Parteiführung. Sachlich und damit umso treffender stellt der Parteienforscher fest:
„Zumindest ist die Tendenz zur zunehmenden Akademisierung und öffentlichen Bedienstung gerade des Mittelbaus und der Führungspersonen innerhalb der sozialdemokratischen Parteien seit den Siebziger Jahren schwer zu leugnen. Oft wird den Sozialdemokraten von wohlmeinenden Kommentatoren geraten, als Partei der Arbeitswelt stärker die neuen Probleme von Organisation und Schutz der Arbeitnehmer in der digitalen Gesellschaft zum Programm zu machen."
Jetzt kommts:
"Aber die sozialdemokratische Spitzenaktivitas kennt die Arbeitswelt gar nicht – das ist der zentrale Unterschied zu den Funktionären der alten, klassischen SPD, die als gelernte Schriftsetzer, Drucker, Metall- und Werftarbeiter, Bergleute die Industriegesellschaft von ehedem spiegelten. Experten mit Erfahrungen in der neuen Digitalwirtschaft sind sie hingegen nicht. Ein Großteil der Anwärter und Inhaber parlamentarischer Funktionen oder Spitzenämter in der SPD hat nach der Schule und einigen Universitätsseminaren als Mitarbeiter bei Abgeordneten, auch in Ministerialbüros, gearbeitet, bis es in der Politik noch weiter aufwärtsgehen konnte. Der Büroleiter ist der berufliche Prototyp eines beachtlichen Teils der neuen Eliten in der SPD und in ihrem jungsozialistischen Nachwuchs.
Nicht zuletzt die Prägung durch administrative Politik Bürokratien hat den Sozialdemokraten ihre originäre Sprache genommen, was zu einer begrifflichen Enteignung ihrer Repräsentanten und Anhänger geführt hat.“
Ende des Zitats
Seit ich in dieser Gruppe für die Müllhalde schreibe, predige ich natürlich vergeblich, die Mitglieder mögen sich doch besinnen, welche Leute die Partei führen. Keiner von denen aus dem Vorstand, hat sein berufliches Leben etwas anderes gemacht als Partei und Funktion – entweder in der Partei selbst oder in der Gewerkschaft.
Als Gegenbeispiel: In der Ansprache, die Simone Lange auf dem Parteitag gehalten hat, war in der sprachlichen Führung und Intention erkennbar, dass es sich um eine Mutter handelt, die in der Arbeit steht. André Nahles ist auch Mutter, aber sie lebt auf einem gutsähnlichen Hof in der Eifel und hat ihr ganzes berufliches Leben lang entweder studiert oder in der Partei funktioniert. Ihrer Sprache merkt man an, dass sie den Alltag der arbeitenden Menschen nicht kennt – und das merken die Leute.
Ich halte dies für den wesentlichen Grund, warum so viele Arbeitnehmer mittlerweile die AFD und nicht uns wählen. Wir werden von den Menschen als eine Partei wahrgenommen, die so tot, als wäre sie eine Arbeiterpartei, es aber gar nicht ist. Diesen von den Menschen so empfundenen Betrug nehmen uns die Menschen übel, viel übler als zum Beispiel der CDU. Denn in unsere Partei haben die Menschen, vor allen Dingen im Osten, große Hoffnungen gesetzt, die wir definitiv enttäuscht haben – nicht absichtlich, sondern weil unser Führungspersonal von den Nöten der Menschen keine eigene Erfahrung und damit Ahnung hat.
Seit Jahren appelliere ich auch an Funktionsträger in der Partei, sich endlich um die arbeitnehmerähnlichen Person in Deutschland zu kümmern, nämlich die immer größer werdende Anzahl von Soloselbstständigen, die eben nicht in die Kategorie Arbeitnehmer hineinpassen, aber teilweise sogar ungleich härter für ihr auskommen arbeiten müssen als sozial ungleich mehr abgesicherter Arbeitnehmer.In der Partei wird eben nicht erkannt, dass infolge der unweigerlich auf uns zu rollenden Digitalisierung der gesamten Arbeitswelt der sozial abgesicherte Arbeitnehmer ausstirbt und der Soloselbstständige an seine Stelle tritt. Wir kommen wieder auf Verhältnisse, wie sie zu Zeiten August Bebels sich im archetypischen Beispiel des Lohnwebers sinnfällig darstellten. Dass unser Führungspersonal das nicht erkennt, auch das hat der Herr Professor meines Erachtens recht gut auf den Punkt gebracht.
Frank Thiele Anke Willoweit
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Nur für XING Mitglieder sichtbar WAHLKAMPF MAL GANZ ANDERS. - Geht das ?
"Erneuerung"? Wird das auch Veränderungen in der politischen Kommunikation vor Ort bedeuten? Oder wird es weiter so laufen mit den Infotischen in den Fußgängerzonen, den Rosen- und Flyer-Verteilaktionen, den Werbekulis und Hausbesuchen?
Wenn man es genau betrachtet, laufen Wahlkampagnen heute kaum anders ab, als in den 60er-Jahren. OK, jetzt gibt es mehr Farbdrucke, mehr Roll-Up's und Fahnen. Und das soll es bringen?
Dabei hat sich für die Menschen viel verändert: Die Fußgängerzonen sind heute nicht die der 60er-Jahre. Nahversorger sind hier längst weggezogen in ihre Hütte mit Parkplatz. Wir haben riesige Einkaufszentren an den Stadträndern. Folglich sind die Passanten der Fumo heute nicht mehr die, wie vor 50 Jahren. Berücksichtigen das lokale Kampagnen ?
Bedenken wir auch, dass die Mehrzahl der Menschen am Morgen keine (!) Tageszeitung liest, nicht auf die Internetseiten der Parteien geht, nicht gleich bei Facebook schaut, was der Abgeordnete sagt?
Natürlich muss man all diese Medien nutzen, vielleicht sogar stärker, als es bisher Praxis ist.
Wir brauchen aber zusätzlich ganz andere Wege, die deutlich mehr Menschen erreichen.
Wir brauchen zudem auch Instrumente, die Parteimitglieder nicht auf Verteiler reduziert, Instrumente, die etwas bewegen, deren Einsatz auch etwas Spaß macht.
Genau das beschreibt in vielen Bildern und Ideen die Veröffentlichung "Wahlkampf mal ganz anders", die seit kurzer Zeit im Buchhandel und direkt bei aktionsideen.com erhältlich ist.
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