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Texter-Stammtisch Hannover

In dieser Gruppe haben Journalisten, Redakteure und Autoren – neben den persönlichen Treffen – die Möglichkeit zum fachlichen Austausch.

Martin Ortgies Zur Debatte: Die Zukunft der Texter
Aktuell werden Texter dringend gesucht. Die Honorare steigen. Und die Zukunft? Meine These: Das Umfeld der Texter verändert sich dramatisch. Einige werden davon profitieren. Die meisten könnten allerdings auf der Strecke bleiben.
Texter brauchen eine neue Berufsbeschreibung
Gute Texter schreiben heute informativen und präzisen Content. Er ist nicht werblich und bringt die Vorteile der Anwender einfach und exakt auf den Punkt. Das ist die aktuelle Anforderung an Werbetexter und erfordert ein ziemliches umdenken.
Das betrifft auch Journalisten. Sie sind immer seltener fest angestellt und schreiben heute ebenfalls für Content Marketing. Für sie ist "nicht werblicher Content" bereits in der Berufs-DNA fest verankert. Sie tun sich aber sehr schwer damit, in Kategorien wie Zielgruppe, Persona, Customer Journey, Textbotschaften usw. zu denken. Auch sie müssen sich neu erfinden.
Der Trend zum Echtzeitmarketing
Das Marketing der Zukunft hat großen Einfluss auf die Texter. Es wird noch stärker personalisiert und situationsbezogen sein. Laut Bundesverband für Digitale Wirtschaft bekommt der User im Idealfall nur den Content zu sehen, der ihn auch wirklich interessiert. Zitat: "Programmatic Creative als Sonderfall der Automatisierung beschreibt die individuelle Kreation und Zusammenstellung von User-spezifischen, interessenbasierten, werblichen Inhalten in Echtzeit." (BVDW, Neue Formen im Content Marketing).
Wie das praktisch umgesetzt wird, zeigt Zalando. Das Marketing wird datenbasierter. Der Online-Händler spricht nicht mehr von Kampagnen, sondern von "Always-on-Marketing". Dafür benötigt Zalando mehr Entwickler und Datenanalysten und bis zu 250 Marketing-Mitarbeiter weniger. Der Trend heißt: Algorithmen agieren in Echtzeit und die Inhalte werden automatisiert von einer Software erzeugt.
Was wird mit den Textern?
Unter der Bezeichnung "Robo-Journalismus", "algorithmischer Journalismus" oder "automatisiertem Journalismus" sind bereits überall auf der Welt voll automatisierte Textgenerierungssysteme im Einsatz. Die Texte sind "frappierend sachkundig, mit Hintergrundwissen und präzisem Satzbau, detaillierter Terminologie und abwechslungsreichen Formulierungen." (Zitat aus SZ, "Robo-Journalismus", 29.03.2018). Fakt ist, dass sich der Einsatz solcher Textroboter deutlich ausweiten wird. "Allein bei der Nachrichtenagentur Thomson Reuters könnten "Hunderte" von Journalisten ersetzt werden", schreibt das Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni München Anfang 2018.
Das Beispiel der Textroboter steht für den generellen Trend von Digitalisierung, Automatisierung und dem Einsatz von lernenden Maschinen (um den Begriff "Künstliche Intelligenz" zu vermeiden). Gut strukturierbare Tätigkeiten, die wiederholt einem bestimmten Schema folgen, werden früher als später durch Software und Maschinen ersetzt.
Mein Fazit für die Zukunft von Textern: Maschinen übernehmen in einem beträchtlichen Umfang standardisierbare Texteraufgaben. Und das machen sie gut. Wir können als Texter dennoch eine gute Zukunft haben, wenn wir uns darauf konzentrieren, originäres Wissen zu schöpfen und kreative Inhalte zu generieren. Denn das ist unsere Kernkompetenz.
Unsere Tätigkeiten werden künftig allerdings weit stärker als bisher von digitalen Systemen und Softwareapplikationen bestimmt. Wir werden stärker vernetzt sein und online in den Systemen unserer Kunden arbeiten. Wir werden vermutlich viel kurzfristiger und ad hoc und in temporären Projekten mitarbeiten.
Gehaltsstudien sprechen bereits heute von einer sehr großen Spannbereite bei den aktuellen Einkünften. So verdienen Texter laut W&V monatlich zwischen 2.000 € (Einsteiger in Agenturen) und 5.000 € (längere Berufserfahrung). Je stärker die Spezialisierung, umso höher die Verdienste. IT-Freelancer haben einen Monatsumsatz zwischen 5.000 € und 16.000 €. Und bei ihnen gibt es wenige Geringverdiener.
Viele Studien gehen davon aus, dass es neben Kernbelegschaften künftig mehr prekär beschäftigte Selbstständige geben wird. Sie übernehmen einfache Aufgaben, arbeiten als digitale Nomaden ohne engen Kontakt zum Unternehmen und mit geringen und sinkenden Honoraren. Auf der anderen Seite gibt es auch künftig den Bedarf für erfahrene Texter, deren Branchen- und Fach-Know-how absehbar nicht automatisiert werden kann.
Dies ist die Kurzfassung eines Textes zur Zukunft des Texterberufs. Die Langfassung findet sich hier: https://fach-journalist.de/leistungen/freier-texter/#Zukunft
Nur für XING Mitglieder sichtbar Social-Media-Skepsis so unbegründet wie beim Groschenroman
Gerhard Sperling
In dieser Diskussion wurde deutlich, wie verwirrend die Entwicklungen sind, mit denen die "Content-Schaffenden" fertig werden müssen. Diese Verwirrung zieht sich wegen der exponentiellen Entwicklungen quer durch Wirtschaft und Gesellschaft. Viele Menschen sind leider nicht in der Lage, für sich eine eigene Vision zu entwerfen und damit die Ursachenforschung in der derzeitigen Situation zu überspringen.
Die Relativierung der zukünftigen Entwicklungen wie "Robot-Journalismus" und "Künstliche Intelligenz" durch die Podiumsteilnehmer ist eine ganz normale Haltung zu Innovationen: "... ja, das gibt's, aber funktioniert nur in einzelnen Bereichen ganz gut". Auf die Perspektive von 10 Jahren hochgerechnet haben diese Entwicklungen durchaus "disruptives" Potenzial, das durch die Content-Schaffenden beobachtet werden sollte. Die "Skills", die Texter und Autoren benötigen, werden in der Zukunft ganz andere sein!
Das Social Media die Leserschaft verdirbt, glaube ich nicht. Der Überfluss an "Nicht-Informationen" verdirbt die Leserschaft. Die Menge an Wissen und Information nimmt exponentiell zu und das Zeitfenster des Einzelnen bleibt gleich. Informations-Müll konkurriert mit wesentlichen, relevanten Inhalten - und da könnte ein Arbeitsfeld für Inhalte-Schaffende liegen.

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Über die Gruppe "Texter-Stammtisch Hannover"

  • Gegründet: 08.12.2016
  • Mitglieder: 173
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