Workshop C (nachmittags) - Welchen Sichtweisen auf "Wohnen|Leben|Arbeiten" werden die Teilnehmenden auf dem LernOrt Zukunft begegnen? Impulse aus der Praxis von Rainer Kippe aus Köln (SSM Sozialistische Selbsthilfe Mülheim und INA Initiative Neue Arbeit) und von Susanne Tyll aus Krefeld (Landesarbeitsgemeinschaft Wohnberatung Nordrhein-Westfalen). Moderation: Petra Eickhoff aus Köln (parto Partizipation und Organisationsentwicklung sowie Zukunftswerkstätten Verein).

>>Hintergrund: Am Samstag 29. April lebt das Zukunftswerkstätten-Jahrestreffens 2017 in besonderer Weise von acht Impulsen zum Thema "Leben Wohnen Arbeiten sinnhaft gestalten". Jeweils zwei Impulsgeber*innen, ein*e Moderator*in und etwa 25 Teilnehmende werden in einem 90-minütigen Workshop zusammenarbeiten, um unterschiedliche Herangehensweisen zu verstehen, miteinander zu vertiefen und nach gemeinsamen Antworten Ausschau zu halten. Hier werden einige Haltungen und Erfahrungen vorab skizziert, um vor Ort eine bewusste Entscheidung treffen zu können zur Teilnahme an zwei (!) der vier Workshops. Workshop A und B finden parallel am Vormittag ab 10:30 Uhr, Workshop C und D parallel am Nachmittag ab 15:00 Uhr statt. Alles wird gemeinsam ab 17:00 Uhr ausgewertet.
Befragt zu seinen Leitlinien, schrieb Rainer Kippe: Alles Vorhandene in Frage stellen - Fantasie an die Macht - Alle Dinge neu verwenden, Erprobtes übernehmen, Altes wiederbeleben, Vorhandenes kreativ verwenden - Die krankhafte Überproduktion als Zeichen des Spätkapitalismus kritisch überprüfen - Recyceln, Wiederverwerten und Wiederverwenden - Kämpfen: Boden, Räume, Gebäude, Maschinen und sonstige Betriebsmittel müssen erobert werden - Gelände, Häuser und Fabriken besetzen, Häuser bauen, selbst anbauen und produzieren - Organisieren: Alle zusammenführen und mit allen verbinden, die das herrschende System der Ausbeutung nicht mehr hinnehmen wollen und nach einer persönlichen, menschenwürdigen Alternative für Wohnen, Arbeiten und Leben suchen.
Befragt zu ihren Leitlinien, schrieb Susanne Tyll folgende Stichwort auf: Weniger Barrieren heißt Komfort für alle - Der Wunsch der meisten (älteren) Menschen möglichst lange in der vertrauten Wohnung/Umgebung zu bleiben - Wichtig und notwendig: flächendeckende kostenlose (für die Bürger*innen) und unabhängige hauptamtliche Wohnberatung.
Befragt zu gesellschaflichen und politischen Perspektiven, schrieb Rainer Kippe: Eine Gesellschaft des Miteinanders statt des Gegeneinanders - Aufhebung des Konkurrenzprinzips - Empathie statt Sozialdarwinismus - Solidarität statt Gier. Als Produktionsprinzipien Kreativität, Solidarität und Zusammenarbeit, Aufhebung der angeblichen Notwendigkeit des kapitalistischen Wirtschaftens. Das Beispiel des SSM zeigt, dass es auch anders geht: es handelt sich um eine Propaganda der Tat, welche weit über die kleinen Gemeinschaften hinausgeht, welche sie praktizieren. Diese kleinen Versuche und Experimente sind das Laboratorium (Arbeitsraum) der Gesellschaft, in denen die solidarische Zukunft der Menschheit vorbereitet wird und die Überlebenskonzepte erprobt werden. Ich möchte noch den ästhetischen Aspekt hinzufügen: Es geht um die einfachen, sinnlichen Tätigkeiten, welche das materielle Menschsein auszeichnen: Pflanzen anbauen, Holz spalten und bearbeiten, Weben, Kochen, Backen, Maurern, Graben usw. Ohne das wird Menschsein zur leeren Worthülse. Gesellschaftlich fordern wir deshalb eine breite Aneignungsbewegung, in der sinnliche Erfahrung wieder möglich wird.
Befragt zu gesellschaflichen und politischen Perspektiven, schrieb Susanne Tyll: Barrierearme bzw. -freie Anpassung der Wohnungen an die Bedürfnisse aller Menschen. Und die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention auf allen Ebenen. Wir brauchen dringend ein professionelles, unabhängiges und für die Menschen kostenloses Beratungsangebot zu allen Fragen von Wohnen, Dienstleistungen und Pflege in erreichbarer Nähe. Staatliche Aufgaben der Daseinsfürsorge dürfen nicht privatisiert werden. Wir müssen nachhaltige Konzepte zur Stärkung ländlicher Räume entwickeln. Parallel brauchen wir dringend barrierearme / -freie Wohnquartiere mit ausreichenden Versorgungsmöglichkeiten und Dienstleistungen, Erhalt öffentlicher Infrastruktur in den Quartieren. Das heißt auch, Kunst und Kultur in der Kulturtopographie der Kommunen zu erhalten: Freie und öffentliche Träger, Stadttheater und Heimatbühnen. Der Mensch lebt nicht nur um zu kaufen, zu wohnen und zu essen. Es gibt immer mehr Haushalte, in denen Menschen leben, die nicht oder nur bedingt lesen können. Dem gilt es nachhaltig gegenzusteuern. Alles kann nur funktionieren, wenn wir die Menschen beteiligen. Ein ganzheitlicher Blick ist hier wichtiger denn je.

>>Zu welchen Gedanken regt das an? Welche Verbindungen gibt es zu eigenen Beobachtungen und Gefühlen, zum eigenen Handeln? Ich lade herzlich ein, sich in die Themen zu vertiefen, Kommentare zu hinterlassen und eigene Anknüpfungen zu ergänzen.
Mehr zu Rainer Kippe, der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim und der Initative Neue Arbeit http://www.ssm-koeln.org http://www.koeln-insight.tv/index.php?option=com_content&view=article&id=212:interview-mit-rainer-kippe&catid=60 http://www.thur.de/philo/ina/ina110.htm
Mehr zu Susanne Tyll und die LAG Wohnberatung NRW http://www.susannetyll.de http://www.wohnberatungsstellen.de/author/tyll
Mehr zu Petra Eickhoff (Moderatorin des Workshops C), zu ihrer gemeinnützigen Unternehmergesellschaft parto und zu Ihrer Vorstandsarbeit im Zukunftswerkstätten Verein: http://www.part-o.de http://www.zukunftswerkstaetten-verein.de