Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Mit der Artikelserie "Was ist Geld?" versuche ich gerade, die theoretischen Grundlagen aufzuzeigen, die für eine volkswirtschaftlich korrekte Bewertung der sogenannten "Krypto-Währungen" benötigt werden. Jetzt nimmt das Thema durch Facebook's Libra-Projekt und den Vorstoß der CDU (https://www.welt.de/finanzen/article195909017/Kryptowaehrung-CDU-will-mit-digitalem-Euro-Facebooks-Libra-abwehren.html) in einer Weise Fahrt auf, dass man befürchten muss, dass --- wie so oft in der Geschichte des Geldes --- weitreichende Entscheidungen getroffen werden, bevor man sich über die Folgen im Klaren ist. In diesem Zusammenhang habe ich heute eine Antwort auf eine Email-Anfrage verfasst:
Sehr geehrter Herr ...,
Geschichte wiederholt sich, auch in Sachen Geld. Der Fokus auf die technischen Aspekte erzeugt den Eindruck, hier entstünde etwas völlig Neues. Die aktuelle "Goldgräberstimmung" ist jedoch eine exakte Kopie des "Zettelbank-Fiebers" in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Private Geldschöpfung wird immer vom Geldschöpfungsgewinn getrieben, was nur selten thematisiert wird. Dazu ein Beispiel unter Vielen: Zwischen 1850 und 1855 wurden in den Kleinstaaten rund um Preußen zahlreiche Banken gegründet. Ziel war, sich auf Kosten Preußens zu bereichern, indem man den Effekt ausnutzte, dass ein erheblicher Teil der emittierten Banknoten nach Preußen abfloss und dort im Umlauf blieb. Dadurch konnten die Kleinstaaten Importe aus Preußen mit "bedrucktem Papier" bezahlen. 1855 ging Preußen gegen diese Praxis vor, indem der Gebrauch "ausländischer" Banknoten verboten wurde; nur im "kleinen Grenzverkehr" wurden die Noten noch geduldet.
Konzeptionell stellen die sogenannten "Krypto-Währungen" einen Rückschritt dar, quasi einen Rückfall in die "Geld-Barbarei". Wir werden deshalb in den nächsten Jahren eine Phase wilder Geldschöpferei und "Wild-West-Banking" erleben, die den entsprechenden Phasen im 18. und 19. Jahrhundert in Nichts nachstehen wird. Stephen Zarlenga hat das in seinem Buch "The lost science of money" ausführlich beschrieben. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die "History of banking in Scotland" von Andrew William Kerr. Zarlenga und Kerr beschreiben den Kampf um die Geldschöpfung in allen Details.
"Krypto-Geld" ist nur eine andere Form des Bargelds und hat wie dieses die Eigenschaft, dass es vom Normalbürger als Sache aufgefasst wird und dadurch eine Erhöhung des volkswirtschaftlichen Kapitals suggeriert. Das steht in krassem Gegensatz zu den Grundgleichungen der Volkswirtschaftslehre und der eigentlichen Bedeutung von Geld als Leistungsbilanz der Wirtschaftsteilnehmer. Das ist dann auch der Grund dafür, dass es in der VWL bis heute keine allgemein anerkannte Definition für Geld gibt. Zahlreiche Akteure wie der frühere Bundesbankdirektor Claus Köhler oder der deutsche "Geld-Pabst" Martin Hellwig halten eine Definition sogar für "unzweckmäßig". Nach Ansicht dieser Herren soll man mit Geld "umgehen", aber nicht fragen, was es ist bzw. welche volkswirtschaftliche Grundlage es hat. Schlechtere Voraussetzungen für die Gestaltung eines stabilen Geldsystems kann man sich kaum vorstellen. Wie in den vergangenen Jahrhunderten wird es deshalb auch in den nächsten Jahren viele Entwicklungen der Kategorie "außen hui, innen pfui" geben.
Ich bin Ingenieur und Logiker. Als Logiker frage ich nach dem logischen Inhalt von Aussagen und nach der logischen Kohärenz von Aussagensystemen. Deshalb versuche ich, in der Artikelserie "Was ist Geld" (https://www.xing.com/communities/posts/was-ist-geld-teil-1-1015913497) die Logik des Geldes zu entwickeln und Bezüge zu den diversen "Entartungen" herzustellen. Dass ich deshalb ein Experte in Sachen Geld sei, würden die Herren Köhler und Hellwig wohl kaum gelten lassen.
Ich bin in der Artikelserie noch nicht bis zum eigentlich Kern des Geldes vorgedrungen. Die Definition als Leistungsbilanz verlangt noch nach einer detaillierten Untersuchung der Transformation der Rechtsbeziehungen, die sich dadurch ergibt, dass ein Verkäufer für seine Leistung keine unmittelbare Gegenleistung beansprucht, sondern "Geld annimmt". In diesem Zusammenhang sind §269 BGB ("Leistungsort") und §270 BGB ("Zahlungsort") von zentraler Bedeutung. Das BGB unterscheidet streng zwischen Leistungen und Zahlungen. Diese Unterscheidung zeigt sich auch in §935 BGB: "Sachen" kann man nicht gutgläubig erwerben, Geld dagegen schon.
Endpunkt meiner Untersuchungen wird sein, dass Geld nur als Leistungsbilanz definiert werden kann und damit öffentlich-rechtlichen Charakter hat. Das ergibt sich NICHT, wie die meisten Leute fälschlicherweise glauben, aus staatlichen Hoheitsrechten, sondern aus der inneren Logik des Geldes als Leistungsbilanz, da sich eine Leistungsbilanz immer auf das Verhältnis gegenüber den "Anderen" bezieht. Privatrechtliche Organisationen haben deshalb im Geldwesen nichts zu suchen. Hier liegt dann auch der Bezug zum BGB: Die Leistung gehört in den privaten Raum, die Zahlung in den Öffentlichen.
Mit freundlichen Grüßen
Eberhard Gamm
PS: Beachten Sie auch die umfassende Analyse von Prof. Joseph Huber unter https://vollgeld-jh.squarespace.com/libra-facebooks-kryptowaehrung