Das Motto des kommenden Jahrestreffens von Zukunftswerkstätten lautet "Gemeinschaft entwickeln, solidarisch und partizipativ". Dies gefällt mir sehr gut, weist es doch auch darauf hin, dass die Zukunftswerkstatt-Methode nicht nur durch ihren weithin bekannten Prozessablauf in drei Phasen (Kritik - Utopie - Verwirklichung) bestimmt ist, sondern vor allem durch die Haltung der Moderation, die auf Entwicklung von Gemeinschaft und Solidarität aller Teilnehmenden abzielt.
Trefflich beschreibt dies für mich Norbert Lepping aus Essen/Ruhr: "In einer Zukunftswerkstatt bemühen sich Betroffene, Interessierte und auch Verantwortliche gemeinsam um den Entwurf einer auch undenkbar erscheinenden Zukunft. In lustvoller Solidarität werden Durchsetzungschancen gemeinsam überprüft. Die Teilnehmenden einer Werkstatt bestimmen demokratisch die Inhalte und geben die Richtung an. Vielfalt – auch in Widersprüchen – ist zugelassen und geradezu erwünscht. Eine Zukunftswerkstatt erleben die Teilnehmer als Kontrastprogramm zum gewohnten Zerreden und als spannende demokratische Alternative, eingefahrene Lösungsmuster zu überwinden." (Quellenhinweis 1 siehe unten).
"Gemeinschaft entwickeln, solidarisch und partizipativ" - Auf der Suche nach einem passenden Zitat von Robert Jungk fand ich in seinem Buch "Der Jahrtausendmensch. Berichte aus den Werkstätten der neuen Gesellschaft" etwas Interessantes unter der Überschrift "Die »neue Offenheit«". Jungk schreibt hier (im Zusammenhang mit der Verbreitung gruppendynamischer Methoden) über Voraussetzungen für solidarisches Handeln: "Diese neue Intimität, anfangs aus Verlegenheit spöttisch abgewertet, war letzten Endes häufig tiefer und fester verankert als die vorherige, oft recht brüchige materielle Interessengemeinschaft."
Und weiter schreibt Jungk: "In den letzten Jahren ist es auf der ganzen Welt zu zahlreichen neuen Gruppenbildungen gekommen, die [...] neue Funktionen übernahmen. [...] [Ich] meine, daß es sich hier um ein bedeutsames Phänomen im Bemühen der Menschen um ihre Weiterentwicklung handelt [...]". Und er zeigt anschließend seine Systematik auf, wo sich in Gruppen neue Gemeinschaft entwickelt (Quellenhinweis 2 ebenfalls unten).
Im darauffolgenden Kapitel des gleichen Buchs mit dem Titel "Das Streben nach einer »brüderlichen Gemeinschaft«" weist Jungk auf Richard Hauser (1911-1990) hin, einen vorbildlichen österreichisch-britischen Sozialwissenschaftler. Er schreibt: "Der Unermüdliche schreibt, spricht, leitet Reformen ein, gründet und animiert immer neue Gruppen. Hundertfach bemüht er sich, die Sprachlosen zum Sprechen zu bringen, die Vereinzelten zusammenzuführen und ihnen »sowohl Zentralheizung wie menschliche Wärme« zu verschaffen." (Quelle 3 siehe unten)
Diese Gedanken von Jungk manifestieren sich deutlich im zu dieser Zeit noch in Entwicklung befindlichen Zukunftswerkstatt-Konzept. Im gleichen Jahr (1973) erschien ein Zeitschriften-Artikel "Erfahrungen mit Zukunftswerkstätten", doch bis zu einer ersten ausführlichen Buchveröffentlichung über die Zukunftswerkstätten verging noch ein ganzes Jahrzehnt: Robert Jungk und Norbert R. Müllert "Zukunftswerkstätten. Wege zur Wiederbelebung der Demokratie" (1983). (Quellenhinweise 4 unten)
Nach diesem Exkurs in die Entstehungszeit der Zukunftswerkstatt zurück in die Gegenwart: Ich freue mich sehr über das für das Jahr 2014 aufgerufene Jahrestreffen-Thema: "Gemeinschaft entwickeln, solidarisch und partizipativ". Danke an das interdisziplinäre Team aus Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Wien, das hier am 1.11.2013 seinen Planungsstand veröffentlichte: http://www.xing.com/net/zwnetz/neuigkeiten-archiv-746315/hei%C3%9Fe-planungsphase-fur-das-zukunftswerkstatten-jahrestreffen-2014-beginnt-45166994/
Ich bin mir sicher, dass wir am Bodensee - im Vorarlberger "Vierländereck" von Österreich, Deutschland, Schweiz und Liechtenstein http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hofen - zahlreiche aktuelle Beispiele zusammentragen können. Wir werden uns vom 1.-4. Mai 2013 auf dem 28. Jahrestreffen von Zukunftswerkstätten http://de.wikipedia.org/wiki/Zukunftswerkstatt#Vernetzung_der_Zukunftswerkstatt-Moderatorinnen_und_-Moderatoren miteinander austauschen und voneinander lernen können: Wo entwickeln Zukunftswerkstätten und weitere verwandte methodische Partizipations-Konzepte heutzutage konkret Gemeinschaft und tragen zu mehr Solidarität und Partizipation bei?
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Quellenhinweise:
1. Norbert Lepping (Essen) ließ sich im April 1998 als Moderator für Zukunftswerkstätten ausbilden von Stephan G. Geffers http://www.socius.de/index.php/deutsch/team/koeln/stephan-g-geffers.html , Rainer Kopp http://www.weiterbildung-fuer-schulen.de/profil/forum und Cornelia Krieger http://www.krieger63.de/ . Das Zitat stammt aus der Internetveröffentlichung von Lepping (ohne Jahresangabe), ein erweiterter Textauszug daraus und der Link zur Quelle sind hier archiviert: http://www.zwnetz.de/pages/meth0k.html?#Anchor_Solidaritaet .
2. Robert Jungk: "Der Jahrtausendmensch. Berichte aus den Werkstätten der neuen Gesellschaft" München (Verlagsgruppe Bertelsmann) 1973, Buch-Abschnitt V. "Der offene Mensch", S. 237ff., weitere Zitate von Jungk aus den 1970er Jahren sind hier archiviert: http://www.zwnetz.de/Jungk/70.html
3. Zum Lebensweg und Werk von Richard Hauser ist hier mehr zu erfahren: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Hauser_%28Sozialwissenschaftler%29 Dass Jungk aus dem Buch von Richard Hauser und Hephzibah Hauser: "Die kommende Gesellschaft. Handbuch für die soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit." zitiert, kann nur vermutet werden. Zitiert habe ich aus Robert Jungks Buch: "Der Jahrtausendmensch" a.a.O., S. 241ff.
4. Zu den ersten Zukunftswerkstatt-Veröffentlichungen lässt sich mehr im Wiki der Zukunftswerkstatt Jena erfahren, im Artikel "Zukunftswerkstatt", Abschnitt "Anspruch: Instanz zur Vertiefung der Demokratie": http://wiki.zw-jena.de/index.php?title=Zukunftswerkstatt . Auf Jungks Artikel von 1973 in der Zeitschrift "analysen und prognosen", Januar 1973, Seite 16, weisen auch Norbert R. Müllert und Beate Kuhnt hin, im Kapitel "Geschichtliche Entwicklung" in ihrem Buch: "Moderationsfibel Zukunftswerkstätten: verstehen - anleiten - einsetzen; das Praxisbuch zur Sozialen Problemlösungsmethode Zukunftswerkstatt." Band 166 von Materialien der AG SPAK (Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise), Neu-Ulm (AG SPAK Verlag) 2004 http://www.agspak-buecher.de/ [erstveröffentlicht in Münster (Ökotopia-Verlag) 1996], S. 27. Ein virtueller Blick ins Buch ist hier möglich:
http://books.google.de/books?id=AeFCmkEYUqkC&printsec=frontcover&dq=kuhnt+m%C3%BCllert+moderationsfibel+zur+geschichtlichen+entwicklung&hl=de&sa=X&ei=iVF2UvfCMoSHswbnoICwAw&ved=0CDQQ6AEwAA#v=onepage&q=kuhnt%20m%C3%BCllert%20moderationsfibel%20zur%20geschichtlichen%20entwicklung&f=false