Hallo an Alle,
es gibt ein paar Strategien, die wunderbar funktionieren, um uns Menschen etwas zu verkaufen. Angst machen ist eine davon und ich meine es wäre sogar auf die Masse gesehen die erfolgreichste Methode, bin mir aber nicht ganz sicher, das Ansprechen von Geld, Geiz und Gier funktioniert auch sehr gut.
Sicherheit gibt uns ein gutes, ein beruhigendes Gefühl, deswegen lassen wir uns auf alles oder fast alles ein, um Sicherheit gewährleistet zu sehen, manche heiraten dafür jemanden, den sie ohne dieses Sicherheitsdenken nie geheiratet hätten, manche nehmen kneblende Sozialleistungen an, obwohl es sie in ihrem Stolz verletzt und ihnen mehr verwehrt als bietet, und und und. Mit dem Schüren von Angst (was leider oft zum Verlust der eigenen Denkfähigkeit führt) auf der einen Seite verbunden mit den passenden vor dieser Angst sicherheitsbietenden Lösungsangeboten auf der anderen Seite lassen wir uns bereitwillig in "Lebendsärge" packen. Vorwärts geht es in solchen "Lebendsärgen" dann meistens nicht mehr, aber man hat uns sehr glaubhaft verkauft, dass es nicht rückwärts ginge. Ich empfinde es als Lüge oder das Weglassen von einem Teil der Wahrheit, aber die große Masse hat man mit der Taktik eingefangen. Dadurch dass die Wirkung einer Ursache mitunter recht lange auf sich warten lässt, kann man manche Illusion natürlich auch recht lang aufrecht erhalten ...
Die Frage, die ich mir stelle, ist, wann uns unser defensives Sicherheitsdenken so um die Ohren fliegt, dass auf einen Stups alle Sicherheiten futsch sind. Von jetzt auf gleich! In meinen Augen ist der Bogen schon soweit gespannt, das es all zu lange nicht mehr dauern kann. Wir sollten dringend unsere Art der Umsetzungen Sicherheit zu erlangen überdenken. Besonders wir Deutschen!
Aus dem defensiven Sicherheitsdenken heraus entsteht eins im Überfluss: Regelungen!
Regelungen, die jedes Risiko versuchen auszuschalten und im Endeffekt uns damit immer mehr die Möglichkeit nehmen die "Sicherheit" aufrecht zu erhalten und auch nicht unerheblich uns dadurch die Lebensfreude nach und nach auf ein Minimum herunterfahren. Damit schafft man es sogar ganze Nationen zu verpimpeln und trainiert ihnen damit ihre Überlebensfähigkeit ab. Ich denke jetzt grad z. B. an Spielplätze, die genormt wie steril sind und keine scharfen Ecken und Kanten haben. Zum Glück wuchs ich noch in einer Generation auf die die aufkommenden genormten Spielplätze links liegen ließ und dafür lieber durch Wiesen, Sträucher und Wälder streifte. Um anschließend wie die Ferkel aussehend mit dreckigen Klamotten, aufgeschürften Knien, Kratzern an Armen und Beinen von den "risikobehafteten" Abenteuern heimkehrten in die sicheren elterlichen Höhlen (Erwachsene nannten das Wohnung, Haus, etc.) zwecks Nahrungsaufnahme oder sonstigem.
Je verpimpelter unsere Kinder sind, desto weniger werden sie als Erwachsene den Stürmen des Lebens stand halten. Und außerhalb der elterlichen Höhlen, da pustet es ordentlich. Sicherheiten wie die rettende Höhle kann man nur aufrecht erhalten, wenn man für die Stürme des Lebens gewappnet ist. Und es wird stürmen! Es stürmt immer! Für den einen früher, für den anderen später! Und wer dem Sturm nicht standhalten kann, der wird die rettende Höhle verlieren.
Für das mittlerweile fehlende familiäre Netz hat man in Deutschland das sichere HartzIV erfunden. Was aber dann zum "Lebendsarg" wird, weil ist man erstmal drin, kommt man schlecht wieder raus. HartzIV reicht definitiv zum Überleben, aber selten um sich aus der Situation zu befreien. Natürlich bekommt man Geld für Bewerbungen erstattet, aber erst nachdem man sie vorfinanziert hat. Es ist zwar kaum möglich so viel Geld zur Seite zu legen, um nach außen hin potentiellen Arbeitgebern den Eindruck zu vermitteln, dass man ganz flexibel (auch finanziell) wäre, aber die Angst, das eine im Vorfeld ausgezahlte Bewerbungspauschale veruntreut würde ist so groß, dass man lieber das Risiko der Veruntreuung eliminiert als dass man bereit wäre die Chancen zu erhöhen.
Menschen in die Lebendstarre bringen und halten ist eine schlimme Sache, die andere schlimme Sache ist es, jede Innovation im Keim zu ersticken.
Wer offensiv spielt erhöht die Wahrscheinlichkeit der Tore, wer defensiv spielt, versucht zu sichern was er hat - ohne die Garantie zu haben - dass ihm das gelingt. Die Wahrscheinlichkeit der Tore zu erhöhen (also Mut zum Risiko) ist die "sichere" und bessere Strategie "Sicherheit" herzustellen! Oder wie ist es zu erklären, dass ein Land mit 8,5 Millionen Menschen und einer hohen Risikobereitschaft es geschafft hat 92 Firmen an die US-Nasdaq Börse zu bringen und ein Land mit 82 Millionen Menschen und einem hohen Sicherheitsdenken 8 Unternehmen an die US-Nasdaq Börse gebracht hat?
Sicherheitsdenken killt mit Sicherheit die Sicherheit! ; ) Mir ist grad kein System bekannt, wo defensives Sicherheitsdenken auf Dauer die Sicherheit stabil gehalten hätte, geschweige denn erhöht hätte! Wer hinten das Tor dicht macht, schießt vorne keine Tore.
Auszug aus einem Artikel von brandeins, der in Gänze lesenswert ist:

>"Nur: Ohne Geld wird aus keiner Idee ein Produkt. Und die Chance, Risikokapital zu bekommen, ist in Israel viel größer als in den USA, Frankreich oder Deutschland. 2015 wurden in dem kleinen Land mehr als eine Milliarde Dollar Risikokapital eingeworben – pro Einwohner ein Drittel mehr als in den USA und zehnmal so viel wie in Europa."
Wir müssen einmal um die Ecke (oder weiter) denken, wenn wir Sicherheit wahren wollen. Dass es wichtig ist ab und an mal um die Ecke zu denken, finde ich kann man gut an der Kindererziehung sehen. Setzt man seinen Kindern Grenzen, mögen sie in dem Moment sauer auf einen sein und es fühlt sich für einen selbst nicht gut an, aber im Endeffekt hat man ihnen für ihr späteres Leben damit einen Gefallen getan. Im Moment mag der Effekt keine Grenzen zu setzen gut sein auf lange Sicht führt er genau zu dem Gegenteil, was man eigentlich möchte.
Wer Sicherheit will, sollte das Risiko zulassen, auch wenn es sich erst so anfühlt als wäre das genau der falsche Weg. Chancen brauchen Risiken und Risikokapital. Und Sicherheit braucht Chancen für Wandelfähigkeit wie wir den Sauerstoff zum Atmen brauchen.
Um das Durchzuziehen hat gerade meiner Meinung nach der Deutsche neben seinem defensiven Sicherheitsdenken etwas, was ihm sehr im Wege steht, sein Umgang damit, wenn etwas nicht funktioniert. Wer eine Idee oder was auch immer nicht umgesetzt bekommen hat, ist gescheitert, hat versagt, ist ein Verlierer, ein Niemand. Man muss als "Gescheiterter" davon ausgehen, dass es niemand so sehen wird, dass man etwas ausprobiert hat. Der Wert, der unbestritten (siehe Israels Wirtschaft) im Ausprobieren liegt, wird gar nicht gesehen. Die Erfahrungen, die man auf dem Weg gesammelt hat, werden nicht wahr geschweige denn ernst genommen. Es zählt nur das Ergebnis: nicht geschafft = Verlierer! Das bekommt man im großen Stil aber auch mit immer fortwährenden kleinen Spitzfindigkeiten zu hören und zu spüren, gerne "gewürzt" mit hämischen Grinsen. Man wird zu einem Menschen zweiter Klasse, einer mit dem niemand (oder fast niemand) was zu tun haben will.
Eine deutsche Eigenschaft, die ich von jeher ekelhaft empfand. Nicht nur, dass man damit einen anderen erniedrigt und beschämt, man nimmt schon Kindern damit die Entdeckerfreude und letztlich auch den Mut etwas auszuprobieren und sich dabei selbst zu erproben. Wer möchte schon der Idiot der Nation sein?
Eine erfolgreiche Sicherheitspolitik erfordert wohl die Ermutigung zum Risiko sowie die Bereitstellung von genügend Risikokapital, die Geringhaltung von Schonräumen die zu "Lebendsärgen" werden, das Schaffen von Bedingungen die das Auffangen erhöhen und eine positive Einstellung sowohl zum Ausprobieren als auch zum Fehlschlag und die Verwertung der daraus gezogenen Erkenntnisse.
Sicherheitsnachdenkliche Grüße
Bettina