Der Dialog mit den Patienten ist überfällig!

Der eine oder andere Leser hier, nicht minder aber die Kollegen in Berlin werden erinnern, worauf ich seit 2018 wiederkehrend hinwies: der Online-Pharma-Handel wird den Markt einholen und überrollen. 2018, selbst noch 2019 herrschte im einen oder anderen Abgeordneten-Büro noch die Meinung vor, dass „das alles nicht so schnell kommen wird“, daß „nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde“, und dass wir hier in Deutschland „einen hinreichend regulierten Markt“ haben, der den Konsumenten einerseits, den Arzneimittelhändler andererseits vor den freien und radikalen Kräften des Marktes schütze. Selbst dann noch, als ich über die Pilotprojekte und Testphasen des Online-Handels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten durch PILLPACK schrieb, kam das nicht wirklich bei den Lesern an. Dass die PHOENIX SE binnen zwei Jahren sich quer durch den gesamten europäischen Apothekenmarkt gekauft hatte und nun hunderte Apotheken insbesondere in Südeuropa, aber durchaus auch in Deutschland beherrscht, schien auch kein Signal zu sein.

Nun hat also am Dienstag dieser Woche AMAZON höchstpersönlich den Start eines Apothekendienstes - zunächst für die USA - angekündigt. Der weltweit größte Onlinehändler greift in den Markt ein und das wird Folgen haben. Die Akteure im Gesundheitsausschuss, im BMG, im BfArm, bei den Zulassungs- und Regulierungsbehörden und nicht zuletzt in den Parteien, Verbänden, Berufstandsvertretungen, Fraktionen und im Parlament wären außerordentlich gut beraten, wenn sie endlich den Blick auf die realen Gegebenheiten lenken könnten.

Nicht das binnenstaatlich strukturierte Konvolut von Gesetzen und Verordnungen macht den Markt aus, sondern die Ellenbogen der großen Player. AMAZON hat nun den Stein ins Wasser geworfen: der Wellenschlag wird nicht versiegen und selbstverständlich binnen weniger Wochen in Europa und in Deutschland ankommen. Es werden weitere Schritte folgen und wer nun meint, hofft, denkt, daß das ein auf den US-amerikanischen Markt beschränktes Phänomen wäre und man hier zu Lande in der Lage wäre, den Markt durch Apothekenstärkungsverordnungen zu formen, der sollte sich die Kräfte ansehen, die sich zeitgleich in und um ALIBABA entwickeln. Die Chinesen haben längst Anker geworfen im europäischen Arzneimittelhandel und der im Oktober im Handelsblatt erschienene Aufsatz „Das Todesszenario für Apotheken ist keine Übertreibung“ von Julia Olk bildet die Situation ganz anschaulich ab. Dort kommen zwar „nur“ die Akteure von DOC MORRIS und NOVENTI zu Wort, also vergleichsweise kleine Marktteilnehmer. Wenn nun aber die wirklich Großen in das Procedere eingreifen, dann wird das den Versorgungsmarkt signifikant verändern. Keine noch so gut gemeinte, binnenstaatliche Verordnung kann und wird das je verhindern.

Es gibt nur einen Marktteilnehmer, der das alles noch beeinflußen könnte: der Verbraucher, der Patient! Mit uns Patienten jedoch hat man nicht gesprochen, nicht bei dieser Angelegenheit, nicht bei den Planungen und Umsetzungen der neuen Kommunikation, nicht bei der elektronischen Patientenakte und gleich überhaupt nicht beim elektronischen Rezept. Der Patient kommt letzthin nicht vor, sämtliche Meinungsbildung findet ohne den Patienten statt. Die Patientenvertretungen wursteln alle jeweils einzeln vor sich hin, grenzen sich gegenseitig voneinander ab und kämpfen um die Gunst und die Fördermittel bei der Industrie und Kostenträgerwirtschaft. Man verheddert sich in administrativen Details und politisch allenfalls kleinteiligen Debatten. Der Patient wird dort zunächst nicht als Konsument und Marktteilnehmer, sondern als Wähler betrachtet.

Dieser Schuss wird gehörig nach hinten los gehen. Wenn der Patient, der Konsument, letztendlich der Finanzier des gesamten Versorgungssystems Mitte 2021 mit einem hübschen eRezept auf dem Smartphone vor verschlossenen Apotheken stehen und seine Medikamente fortan mit einem Wisch über das Display bei einem der weltweit agierenden Player bestellen wird, dann erlebt die Gesundheitspolitik „game over“! Ohne sofortige Diskussion auf Augenhöhe zwischen Politik und Patient wird punktgenau das passieren. Der Wisch über das Display des Smartphones wird sich zu einem Wisch des Wählers über die Zukunft der etablierten, verantwortungsgetragenen und letzthin parlamentarisch legitimierten Politik entwickeln.

AMAZON, PILLPACK, ALIBABA, PHOENIX, NOVENTI und viele andere mehr werden die Medikamente in einigen Jahren schneller und verlässlicher liefern, als jede kleine Präsenzapotheke, der man heute noch nach dem Munde redet und für die man quasi Schutzgesetze publiziert. Die genannten Player werden in zwei oder drei Jahren billiger liefern, als jeder Vorort-Händler!

Und schon wird die Politik dies als Erfolg verkaufen, Einspareffekte sind immer Salbe auf die Wunden der Steuerzahler.

Mit uns Patenten hat dann wieder niemand gesprochen - oder?

Gegen global agierende Konzerne haben nationale Regierungen keine Chance. Für eine ausbalancierendes Gegengewicht sind daher global zusammenarbeitende Regierungen ein Muss. (Eine globale, demokratisch legitimierte Regierung ein leider unrealistischer Traum) Mit mehr Bildung für alle Bevölkerungsgruppen könnte man auf mehr verantwortungsbewusstes Handeln der Patienten/Kunden hoffen. Auch aus meiner Sicht ist die Bedrohungslage ernst, die Versorgung mit Medikamenten wird nur ein weiterer Schritt sein, dem noch zahlreiche folgen werden. Lässt man es weiter laufen wie bisher, bekommen wir vielleicht doch irgendwann eine globale Regierung - wenn sich Amazon und Alibaba wegen der Synergieeffekte zusammen schließen. Auch ein Traum, ein Albtraum!
Zum „nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wurde“: Wir werden sehr viele Gerichte (Gesundheit, Bildung, Klima) morgen sehr viel heißer essen müssen als wir heute kochen!