Am 24.11.2018 ist der "Finanzstabilitätsbericht 2018" der Deutschen Bundesbank erschienen (https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/finanzstabilitaetsbericht-766256). Bevor wir einen Blick in den Bericht werfen, ist zunächst eine generelle Anmerkung zu Publikationen der Bundesbank anzubringen.
Als nach 2008 das allgemeine Interesse an der Funktionsweise des heutigen, zweistufigen Geldsystems zunahm und klar wurde, dass man die bisherige Darstellung nicht würde aufrecht erhalten können, hat die Bundesbank zwar ihr "Schülerbuch Geld und Geldpolitik" überarbeitet, darüber hinaus aber nicht zur Aufklärung beigetragen. Während sich die Bank of England bereits 2014 zu einer Klarstellung veranlasst sah (https://www.xing.com/communities/posts/bank-of-england-betreibt-aufklaerung-1011703338), hat sich die Bundesbank bis Mai 2017 Zeit gelassen (https://www.xing.com/communities/posts/und-sie-bewegt-sich-doch-punkt-punkt-punkt-1013100014). Inzwischen war ihr im deutschsprachigen Raum aber bereits die Freie Gemeinschaftsbank Basel zuvorgekommen (https://www.xing.com/communities/posts/freie-gemeinschaftsbank-basel-klaert-auf-1011963301). Zusätzlich hatte im Vorfeld der Schweizer Volksabstimmung über die Vollgeld-Initiative das Interesse an dem Thema weiter zugenommen. Zum Schülerbuch der Bundesbank ist noch anzumerken, dass die grundlegende Änderung der Darstellung natürlich nicht unbemerkt geblieben ist und zahlreiche Lehrkräfte bei der Bundesbank nachgefragt haben, warum die Darstellung verändert wurde. Größeres Aufsehen erregte das allerdings nicht, so dass man bei der Bundesbank wohl glaubte, man könne die Sache "aussitzen".
Das ist nur EINE Ausprägung eines generellen Musters, das die Publikationen der Bundesbank auszeichnet. Auf der einen Seite weiß die Bundesbank um die Instabilität des heutigen Geldsystems, auf die nicht zuletzt auch ein ehemaliger Bundesbankdirektor in Buchform (Rolf Gocht: Kritische Betrachtungen zur nationalen und internationalen Geldordnung, 1975) hingewiesen hat, auf der anderen Seite möchte man aber nicht den Eindruck erwecken, an dem System müsse etwas geändert werden ... was ihr ehemaliger Direktor nachdrücklich gefordert hatte. Das erfordert natürlich einen Spagat mit Tendenz zur Schizophrenie. Wir können also festhalten, dass die Bundesbank folgende Strategie verfolgt: Vor den Gefahren warnen, aber keinen Anlass zu einer Reformdebatte geben. Diese "Brille" brauchen wir, um den Finanzstabilitätsbericht richtig lesen zu können. Es geht dabei nicht um die zahlreichen Details, sondern um den Tenor. Mit anderen Worten: Wir interessieren uns nicht für die Bäume, sondern für den Wald.
Jetzt sollten Sie den Text auf der Web-Seite lesen: https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/themen/finanzstabilitaetsbericht-766256
Wir lesen: "Im deutschen Finanzsystem haben sich nach Einschätzung der Bundesbank in der langen Phase hohen Wachstums und niedriger Zinsen Verwundbarkeiten aufgebaut. Wie es im Finanzstabilitätsbericht 2018 der Bundesbank heißt, könnte eine unerwartete starke Eintrübung der wirtschaftlichen Lage diese Verwundbarkeiten offenlegen und Ansteckungseffekte im Finanzsystem einen konjunkturellen Abschwung verstärken. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios hat sich nach Auffassung der Bundesbank erhöht." Das ist eine sehr elegante Verharmlosung der Tatsache, dass das System instabil ist und dass die wahre Gefahr nicht von realwirtschaftlichen Vorgängen ausgeht, sondern dass realwirtschaftliche Vorgänge (Brexit, Handelskrieg, ...) nur auslösenden Charakter haben. Die Bundesbank gibt damit offen zu, dass realwirtschaftliche Probleme durch das heutige Geldsystem VERSTÄRKT werden, und zwar erheblich. Im eigentlichen Bericht wird dann auch deutlich, dass die Bundesbank weniger Angst vor den realwirtschaftlichen Entwicklungen hat als davor, dass sich das Geldsystem --- wieder einmal --- selbst aufhängen und aus einem Mücken-Anlass eine Elefanten-Krise werden könnte. Könnte diese Tatsache ein möglicher Anlass für eine Reform des Systems sein?
Wir lesen weiter: "Jetzt ist es an der Zeit, ausreichende Puffer aufzubauen und das Immunsystem des Finanzsystems zu stärken." Man möge mir verzeihen, aber wenn man die Geschichte der Finanzkrisen der letzten 300 Jahre kennt, muss man bei diesem Satz herzhaft lachen. Wer muss hier "Puffer aufbauen"? Die Banken? Oder vielleicht doch eher der Steuerzahler?
Weiter im Text: "Laut Bundesbank bestehen die Verwundbarkeiten wie in den vergangenen Jahren insbesondere darin, dass die Marktteilnehmer Kreditrisiken unterschätzen oder Vermögenswerte und die Werthaltigkeit von Kreditsicherheiten überschätzen könnten". Das war vor 300 Jahren auch nicht anders. Außerdem gehört ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung zu den Grundvoraussetzungen einer innovativen Marktwirtschaft. Eine Unterschätzung der Kreditrisiken gehört deshalb schon beinahe zum Geschäft. Aber warum führt das nicht einfach dazu, dass einige Wagemutige scheitern, sondern reißt das ganze System in den Abgrund? Wegen der strukturellen Instabilität.
In diesem Stil geht es munter weiter. Wenn man das bisweilen doch sehr blumige Blabla --- Immunsystem, Abwehrkräfte, usw. --- abzieht, bliebt im Kern die Beschreibung eines brandgefährlichen Systems übrig, das uns jederzeit das Genick brechen kann. Wir lesen dazu, "Deutschland habe widerstandsfähige Banken, dies schließe aber Risiken für die Finanzstabilität nicht aus." Und: "Aktuell geht die Bundesbank davon aus, dass die Preise für Wohnimmobilien in deutschen Städten zwischen 15 und 30 Prozent überbewertet sind. Dennoch sieht Vizepräsidentin Buch derzeit keinen akuten Handlungsbedarf für den Einsatz makroprudenzieller Instrumente speziell am Wohnimmobilienmarkt." Aha.
Und weiter: "Nach wie vor sei die Datenlage in Deutschland zum Wohnimmobilienmarkt aber unzureichend, es fehlten verlässliche und differenzierte Informationen zur Einschätzung der Risikolage." Faule Ausrede. Wer wäre denn berufen, diese Daten zu beschaffen? Vielleicht die Bundesbank?
Der Text schließt mit der Feststellung: "Mit Blick auf den Wohnimmobilienmarkt bekräftigte die Vizepräsidentin der Bundesbank, dass eine Verbesserung der Datenlage weiter erforderlich bleibe." Dazu hätte ich einen konstruktiven Vorschlag: Die zahlreichen Forscher der Bundesbank könnten den Immobilienmarkt untersuchen und ihre nutzlosen DSGE-Simulationen auf später verschieben.
Das soll für heute reichen. Später mehr.