Alle empören sich über die amerikanischen Strafzölle auf Stahl und Aluminium. Doch die Europäer treiben es genauso. Bernd Ziesemer über das Kurzzeitgedächtnis der Stahlbranche
Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Der schöne Spruch des deutschen Satirikers F.W. Bernstein drängt sich in diesen Tagen auf, wenn man sich die europäischen Reaktionen auf die Entscheidung von Donald Trump anhört, in den USA Strafzölle auf Aluminium- und Stahlimporte einzuführen. Die IG Metall fordert, die Europäische Union dürfe sich das Vorgehen des US-Präsidenten auf keinen Fall gefallen lassen. Die deutschen Hersteller protestieren lautstark. Und die Politik ist damit beschäftigt, ausgeklügelte Drohlisten mit Gegenmaßnahmen zu entwerfen.
Auch die meisten deutschen Medien nutzen die Gelegenheit, mal wieder auf ihren Lieblingsfeind Trump einzudreschen. Dabei ist das Gedächtnis der deutschen Öffentlichkeit mal wieder ultrakurz. Denn erst vor einem knappen Jahr, im April 2017, hatte die EU-Kommission selbst Strafzölle auf Stahlimporte erhoben – und nicht nur 25 Prozent wie die Amerikaner, sondern bis zu 35,9 Prozent. Allerdings galten die Aufschläge nicht für Lieferungen aus den USA, sondern für Einfuhren aus China.
Die Bösen wechseln, die Zölle bleiben
Strafzölle gehören zur Stahlindustrie wie Hüttenkoks zum Eisenerz. Mal schlagen die einen zu, mal die anderen. Mal geht es um angebliches Dumping, mal müssen „strategische Interessen“ herhalten wie jetzt bei Trump. Die Bösen wechseln, die Zölle aber bleiben. Weltweit entfallen rund 40 Prozent aller Handelshemmnisse auf Stahl. Dabei spielt die Herstellung in keinem entwickelten Industriestaat eine herausragende Rolle für die jeweilige Volkswirtschaft – weder in den USA noch in der EU. Die deutsche Stahlindustrie trägt gerade einmal zwei Prozent zur Gesamtwirtschaftsleistung in unserem Land bei. Und nur 0,5 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten an Hochöfen und Walzstraßen. Der Sektor ist damit schlicht nicht wichtig genug, um zu seiner Verteidigung einen globalen Handelskrieg auszulösen.
Nirgends auf dem Weltmarkt kann man von einem freien Handel mit Stahl sprechen. Überall sorgen staatliche Eingriffe für eine Verzerrung des Angebots – in manchen Ländern mehr und in manchen weniger. Nirgends auf der Welt liegt der Anteil der Stahlerzeugung am Bruttosozialprodukt so hoch wie in China. Dort entfallen rund sieben Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung auf diesen Sektor. Am meisten zu verlieren bei einer weitgehenden Abschottung der großen Märkte haben daher die Chinesen.
Große Ankündigungen, aber welche Folgen?
Und sie sind auch die eigentlichen Adressaten Trumps – ähnlich wie 2017 in der EU. Bevor es zur Verhängung der Strafzölle kam, versuchten die Amerikaner eine Einheitsfront gegen die Chinesen aufzubauen. Das gilt sowohl für den Stahl als auch für Aluminium. Doch soweit wollten die Europäer nicht gehen. Dabei müssen sie die Chinesen strategisch viel mehr fürchten als die Strafmaßnahmen der Amerikaner.
Ob Trump wirklich einen Handelskrieg mit globalen Auswirkungen lostritt, kann man vorläufig noch nicht sagen. In früheren Jahren gab es immer mal wieder große Ankündigungen mit nur kleinen Folgen. Trump ist auch keineswegs der erste US-Präsident, der sich mit den Europäern anlegt, wie viele Kommentatoren meinen. Sein Vorvorgänger George Bush wollte es auch schonmal wissen, nahm seine Zölle jedoch nach heftigen Protesten der Welthandelsorganisation WTO wieder zurück.
capital.de
von Bernd Ziesemer
12. März 2018