Stahl ist unscheinbar und doch überall – und Stahl ist immer auch Politik. Donald Trumps «No steel, no country», kein Stahl, kein Land, ist nur der letzte Versuch, mit Stahl Politik, Meinung und Wählerstimmen zu machen. Stahl galt als so wichtig, dass die Schweiz jahrzehntelang das längst unrentable Eisenbergwerk im Gonzen bei Sargans betriebsbereit hielt, nur um im Kriegsfall eigenen Stahl herstellen zu können. Die Möglichkeit der Produktion von Stahl (und Kohle) definierte die Fähigkeit eines Landes, Kriege führen zu können. Unter dieser Prämisse entstand 1952 die Montanunion.
Wenn die europäischen Länder Produktion und Vermarktung von Stahl zusammenlegen, würde ein Krieg gegeneinander technisch unmöglich, so der Gedanke. Gleichzeitig würde man gemeinsam sehr stark am Weltmarkt auftreten können. Das Konzept der Aufgabe imperialer Ambitionen und der zugehörigen nationalen industriellen Basis für einen wirtschaftlichen Vorteil erwies sich als unglaublich erfolgreich – und mündete in der heutigen EU.
Mini-Stahlwerk in der Autofabrik
Trotzdem feiern die altertümlichen Vorstellungen von Macht durch Stahl nun eine Renaissance – mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft. Denn Stahl ist tatsächlich wichtig, nur ist kein Land der Welt mehr in der Lage, allen Stahl und vor allem alle Stahlqualitäten selber herzustellen. Die globale Arbeitsteilung hat sich hier noch stärker durchgesetzt als anderswo, denn Stahlwerke produzieren mit ultradünnen Margen von einem Prozent und weniger, mit milliardenteurem Equipment und einem Material, das zwar praktisch ewig hält, von den Kunden aber immer mehr wie ein Frischprodukt wie Milch oder Joghurt behandelt wird. Es soll genau zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Menge und richtigen Qualität verfügbar sein. Vor allem die Autoindustrie nimmt es da sehr genau, und Störungen der Versorgungsketten gehen schnell ins Geld. Zudem haben Veränderungen in der Stahl-Technologie immer auch massive Veränderungen in den Lieferketten gebracht.
Das neueste Konzept ist, dass Stahl direkt nach dem Schmelzen ohne vorheriges Abkühlen und ohne Zwischenprodukte in fertige, kommerzialisierbare Produkte gewalzt wird. Die Idee ist so alt wie der Stahl selber, konnte aber bisher nicht realisiert werden, weil die nötigen Maschinen technisch nicht möglich waren. Mittlerweile ist man aber so weit. Damit werden deutlich kleinere Mengen wirtschaftlich, so dass beispielsweise ein Mini-Stahlwerk in ein Automobilwerk integriert werden könnte – mit entsprechend zuverlässiger Lieferkette und tieferen Preisen.
Unter allen Rohstoffen der Menschheit dürfte Stahl zusammen mit Sand, Öl, Kohle und Lehm für Ziegelsteine zu den am häufigsten verwendeten und wichtigsten gehören. Stahl wird nicht nur für Autos und Maschinen gebraucht, auch die Baubranche setzt ihn in rauen Mengen ein. Im Bau sind Stahlträger vor allem für höhere Bauten gefragt, Wolkenkratzer ruhen praktisch ausschliesslich auf Stahlkonstruktionen, und auch Beton wird mit Baustahl armiert und enthält deshalb grosse Mengen an Stahl.
Auf der andern Seite ist die Stahlwelt extrem vielfältig, mit kalt- und warmgewalzten unlegierten, legierten, hochlegierten oder vergüteten Stählen, Werkzeugstählen, Automatenstählen und vielem mehr. Weil teilweise aus politischen Gründen so gigantische Überkapazitäten aufgebaut wurden, haben sich die traditionellen Stahlhersteller in Europa und den USA immer stärker auf Spezialitäten konzentriert, die sie in kleineren Mengen weltweit verkaufen können. Unter anderem dank dieser Tendenz gibt es selbst im Hochlohn-Land Schweiz noch immer zwei Stahlwerke.
Schlag für die US-Landwirtschaft
Die tollpatschigen US-Stahl-Zölle von 25 Prozent auf importierten Stahl und zehn Prozent auf Aluminium wirbeln deshalb im Moment ganze Branchen durcheinander, und zwar nicht nur jene der Stahlhersteller, sondern auch jene der Kunden. Kaum waren die Zölle bekannt, haben US-Stahlhersteller ihre Preise sportlich erhöht. Als Resultat waren langfristige Verträge von Grosskunden etwa in der Auto-Industrie oder bei Herstellern von Konsumgütern wie etwa Waschmaschinen, die mit ihren Margen ebenfalls im unteren einstelligen Prozentbereich kalkulieren, sofort defizitär. Jene, die organisatorisch in der Lage sind, verlegen deshalb so grosse Anteile der Produktion wie nur möglich aus den USA hinaus – vor allem nach Mexiko und Kanada.
Ironischerweise sind unter den Antragsstellern auch Firmen, die sich Hoffnungen auf Aufträge für Donald Trumps Mauer an der mexikanischen Grenze gemacht haben.
Besonders betroffen ist auch die US-Landwirtschaft, die der Regierung Trump speziell am Herzen liegt und wo er viele Anhänger hat. Ob Mähdrescher, Traktor oder Tierfabrik, ihre Produktionsmittel bestehen zu grossen Teilen aus Stahl und wurden über Nacht massiv teurer, sodass viele Landwirte Investitionsvorhaben abblasen mussten. Zudem trifft sie die geplante «Revanche» der Chinesen hart, Einfuhrzölle von 25 Prozent auf Soja.
US-Stahlkäufer können beim Handelsministerium um Ausnahmen bitten. Dort sind mehr als 2000 Anträge eingelaufen, das Ministerium nimmt sich 90 Tage Zeit um zu antworten, während denen die Zölle in der Industrie die Bilanzen verwüsten. Ironischerweise sind unter den Antragsstellern auch Firmen, die sich Hoffnungen auf Aufträge für Donald Trumps Mauer an der mexikanischen Grenze gemacht haben und nun darüber klagen, die für ihre Projektvorschläge nötigen Spezialstähle gäbe es in den USA gar nicht. Andere Unternehmen klagen, dass die Antragsformulare für die Zoll-Ausnahmen derart komplex seien und die Offenlegung von Geschäftsgeheimnissen verlangen, dass sie die Existenz der Firmen gefährden. Zudem könnten die meisten Kunden dieser Unternehmen weltweit die Produkte auch bei Konkurrenzfirmen ausserhalb der Vereinigten Staaten kaufen, welche eine günstigere und zuverlässigere Stahlversorgung hätten.
Nerven wie Drahtseile
Die Preise für Stahl weltweit bewegten sich bis Anfang Jahr in jenen Bereichen, in denen man sie in der gegenwärtigen Wirtschaftslage erwarten würde. Mit kräftiger Konjunktur in Europa und den USA profitierten alle Hersteller von mehr Aufträgen und anziehenden Preisen. Die Stahlhersteller ArcelorMittal, Salzgitter und ThyssenKrupp meldeten deutlich steigende Umsätze und Gewinne.
Doch nun ist alles anders. In den USA steigen die Preise so stark, dass sie die Stahl-Kunden in den Ruin treiben, und in Europa sinken die Preise tendenziell trotz guter Konjunktur wieder unter die Rentabilitätsschwelle der Stahlhersteller. Und sah es so aus, dass man in Europa dank guter Wirtschaftslage und einigen Werksschliessungen die Überkapazitäten in den Griff bekäme, hat man nun wieder zu viel Stahl mit zu tiefen Preisen. Wer in einem solchen Markt investieren will, braucht deshalb Nerven wie Drahtseile.
(Basler Zeitung)
Erstellt: 23.04.2018, 12:16 Uhr