In dem Beitrag "Der Spagat der Deutschen Bundesbank" (https://www.xing.com/communities/posts/der-spagat-der-deutschen-bundesbank-1015887335) wurde bereits auf den Finanzstabilitätsbericht 2018 eingegangen. Das Unfassbare an diesem Bericht ist, dass jedermann genau weiß, dass Immobilienblasen die Ursache für fast alle Finanzkrisen waren, dass die Deutsche Bundesbank es aber nach wie vor nicht für nötig hält, ihre eigenen Wissenschaftler auf dieses Phänomen anzusetzen. Statt dessen beklagt man den Mangel an Daten. Wer soll denn die Daten beschaffen? Der Osterhase? Und wer hat die dazu benötigten Daten zur Kreditvergabe der Banken? Der Weihnachtsmann?
Dahinter verbirgt sich ein grundsätzliches Problem. Die Wissenschaftler der Bundesbank können mit (Immobilien-) Kreditblasen nämlich gar nichts anfangen, weil es die Kreditschöpfung der Banken in ihren makroökonomischen Modellen gar nicht gibt. Für Wissenschaftler, die in der neo-klassischen Phantasie-Welt leben, ist die reale Welt eine terra incognita.
Wie krass die Weltfremdheit ist, offenbart das Working Paper 2058 der EZB mit dem Titel "On the sources of business cycles" (https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpwps/ecb.wp2058.en.pdf?f333e7bb96e2c72d22b16a8f63015fd1). Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Wirtschaftszyklen durch einen "demand factor" angetrieben werden, also durch "Nachfrage-Schocks". Das ist angeblich eine revolutionäre Entdeckung.
Die Autoren schreiben: "Our results thus indicate strong and stable co-movement between key real macro variables and inflation in the course of business cycle. The first dynamic component has such dominant explanatory power that we do not venture any identification of other types of macroeconomic disturbances. The positive co-movement of the dominant component (and output) with the inflation cycle motivates the labeling of the component as a ‘demand factor’ or demand shock. We do not observe the demand shock directly and cannot link it to particular events."
Der letzte Satz überrascht, vor allem der zweite Teil des Satzes: "We [...] cannot link it to particular events." Ja, meine lieben Autoren, wenn man die Kreditschöpfung der Banken gar nicht modelliert hat, kann man sie auch nicht als Ursache identifizieren. Ein Blick in die ältere Literatur könnte da weiter helfen. Ralph George Hawtrey hat in seinem 1919 erschienenen Buch "Currency and credit" eine an den Verhaltensweisen der Akteure festgemachte Beschreibung von Kreditblasen gegeben, die bis heute Maßstäbe setzt ... die aber heute keiner mehr kennt, am wenigsten neo-klassische Ökonomen.
Ein Lichtblick ist der australische Ökonomie-Professor Steve Keen. Er verfolgt einen für die Makroökonomik wahrhaft revolutionären Ansatz: Er betrachtet die reale Welt. Keen's Auftritte sind deshalb immer besondere Augenöffner, so auch sein Auftritt auf der Konferenz "The future of money" (http://conference2018.monetative.de/), die vom Verein Monetative e.V. und vom Blockchain Center Frankfurt veranstaltet wurde. Hier sein Vortrag: http://conference2018.monetative.de/credit-creation-asset-prices-and-banking-crises-whats-the-link/ .
Zurück zur Bundesbank. Der frühere Bundesbank-Direktor Claus Köhler hat mir in einem Gespräch im Oktober 2016 mitgeteilt, dass es in der Bundesbank zwei Fraktionen gäbe: Die eine Fraktion betreibe das Tagesgeschäft und die andere Fraktion simuliere mit makroökonomischen Modellen. Zwischen diesen beiden Fraktionen gäbe es praktisch keine Verbindung, was er bedauere. Nach dem bisher Gesagten ist das aber kaum verwunderlich: Die "Tagesgeschäft-Fraktion" lebt in der realen Welt und die "Simulations-Fraktion" lebt in der neo-klassischen Phantasie-Welt. Wie soll man da auch zusammenkommen.
Dass die Bundesbank in ihrem Finanzstabilitätsbericht keine genauere Aussage zum Immobilienmarkt und der Dynamik der Immobilienkreditvergabe machen kann, liegt also im Kern daran, dass die Makroökonomik inzwischen völlig "aus der Welt" ist und dass es die neo-klassisch geprägten Wissenschaftler geradezu ablehnen, sich mit realen Phänomenen zu beschäftigen. Nach der revolutionären Entdeckung des "demand factors" ist allerdings nicht ganz auszuschließen, dass weitere revolutionäre Entdeckungen folgen könnten, z.B. die Entdeckung eines Zusammenhangs zwischen der Nachfrage und der Bankkreditvergabe. Wir leben in spannenden Zeiten!