Ausbau der Kurorte am Schwarzen Meer / Drei große Wintersport-Projekte in den Bergen / Von Gerit Schulze
Tiflis (gtai) - Georgien hat 2010 einen neuen Rekord bei der Zahl ausländischer Gäste aufgestellt. Erstmals kamen laut offizieller Statistik mehr als 2 Mio. Besucher ins Land. Der Tourismus spielt damit eine immer wichtigere Rolle in der Wirtschaftsstruktur. Neue Projekte an der Schwarzmeerküsten und in den Bergen sollen dem Fremdenverkehr weitere Zuwächse bescheren. Investoren werden dabei mit großzügigen Anreizen ins Land gelockt.
Angesichts seiner schwachen industriellen Basis und dem Wegfall des Exportmarktes Russland setzt Georgien verstärkt auf den Fremdenverkehr. Die Schwarzmeerstadt Batumi wird auf Geheiß des Präsidenten Micheil Saakaschwili zu einem Luxus-Ferienort ausgebaut. Entlang der Küste entstehen Tourismus-Freihandelszonen für Hotelinvestoren. Daneben hofft Tiflis auf Kulturinteressierte, die die alten georgischen Städte bereisen wollen, und auf Skisportler für seine alpinen Wintersportzentren.
Aus dem Staatshaushalt fließen 2011 rund 240 Mio. Lari (100 Mio. Euro, Wechselkurs am 13.1.11: 1 Euro = 2,34 Lari) in den Ausbau des Tourismus. Das Geld ist vor allem für die Küstenregion um Batumi, für den Badeort Anaklia und das Skiresort Mestia vorgesehen.
Die Anstrengungen zeigen erste Erfolge. Wie die Nationale Tourismusagentur mitteilte, wurden 2010 über 2 Mio. ausländische Besucher in Georgien registriert. Ein Zuwachs um 38% gegenüber dem Jahr zuvor. Für 2011 glaubt die Behörde sogar an einen Anstieg der Besucherzahlen auf 3 Mio. Gäste. Allerdings erfasst die Statistik alle Grenzübertritte, auch Geschäftsreisende und Verwandtschaftsbesuche.
Bislang kommen drei Viertel der Touristen aus den drei Nachbarländern Aserbaidschan, Türkei und Armenien. Etwa 8% der Gäste reisen aus Russland an, nur 1% aus Deutschland. Um die Geographie seiner Tourismusexporte zu erweitern, präsentiert sich Georgien aktiv auf internationalen Reisemessen und organisiert Pressetouren für ausländische Journalisten. Außerdem versucht Tiflis, Low-Cost-Airlines zu überzeugen, das Land anzusteuern. Seit 2010 fliegt die türkische Fluggesellschaft Pegasus nach Tiflis. Laut Wirtschaftsministerium soll auch die irische Ryanair an regelmäßigen Flugverbindungen nach Georgien interessiert sein.
Beim Ausbau der Tourismus-Infrastruktur setzt Georgien auf fünf Schwerpunkte: Gesundheit und Wellness (2.400 Mineralquellen in 100 Kurorten), Wintersport (Skiresorts in Gudauri, Bakuriani und Mestia), Strandurlaub am Schwarzen Meer, Ökotourismus (Nationalparks, Wanderungen) sowie Abenteuer-Touren und Extremsport (Trekking, Rafting, Bergsteigen, Offroad-Autotouren, Angeln, Jagen).
Eines der ambitioniertesten Projekte ist der Ausbau der Gebirgsstadt Mestia zur Wintersport-Hochburg. Die Region bietet zwar spektakuläre Skipisten und Aussichten auf die über 5.000 Meter hohe Bergwelt des Kaukasus. Allerdings ist das Gebiet kaum erschlossen und die Anreise derzeit nur per Hubschrauber akzeptabel. Auf dem Landweg brauchen Autofahrer von Tiflis selbst im Sommer zwölf Stunden.
"Sinnvoller und letztlich rentabler wäre ein Ausbau des Ferienortes Gudauri zum international konkurrenzfähigen Skiort", erklärt Steffen Schülein, Berater des georgischen Tourismus-Verbandes GTA, im Gespräch mit Germany Trade and Invest. Der Ort liegt an der Georgischen Heerstraße, ist von Tiflis in eineinhalb Stunden zu erreichen und bietet bereits Skipisten, Liftanlagen und Hotels. "Für den Wintersport hat Gudauri auf jeden Fall mehr Potenzial."
Dennoch setzt die georgische Regierung auf die Region Swanetien mit dem Hauptort Mestia, um diesen entlegenen Landesteil zu entwickeln. Seit Mitte 2010 investiert sie dort in den Ausbau des Straßennetzes, in den örtlichen Flugplatz, in eine Seilbahn und in Skilifte. Laut Präsident Saakaschwili sind für den Umbau Swanetiens zur Wintersporthochburg Investitionen von bis zu 600 Mio. Lari (260 Mio. Euro) vorgesehen. Im Jahr 2015 sollen eine halbe Million Besucher pro Jahr die Hochgebirgsregion bereisen.
Noch mehr Touristen zieht schon heute die Schwarzmeeregion Adscharien an. Nach einer Verdoppelung der Gästezahlen 2009 kamen 2010 noch einmal 60% mehr Touristen, insgesamt 900.000. Die Hauptstadt Adschariens, Batumi, wird zu einem modernen Urlaubsort ausgebaut. Es entstehen neue Hotels, Kasinos, Aquaparks, Gastronomie und Infrastruktur. Laut Stadtverwaltung sind riesige Hotelkomplexe geplant, die von internationalen Ketten wie Radisson, Kempinski oder Hilton geführt werden sollen. Sheraton betreibt bereits ein Fünf-Sterne-Haus in Batumi. Außerdem erhofft sich die die Stadt Investitionen in ein Großaquarium, ein neues Stadion, in einen Tennisclub, eine Shopping-Mall und ein Ausstellungszentrum mit 7.000 Quadratmetern.
Um auch andere Regionen am Schwarzen Meer zu erschließen, setzt Tiflis auf Tourismus-Sonderwirtschaftszonen. Eine davon entsteht auf 11,4 Hektar in Kobuleti, etwa 30 Kilometer nördlich von Batumi. Investoren, die hier für mindestens 1 Mio. Lari Hotels errichten, müssen 15 Jahre lang keine Ertrag- und Vermögensteuer bezahlen. Investoren sollen die Baugrundstücke für einen symbolischen Lari bekommen.
Die gleichen Regeln werden demnächst auch in Anaklia an der Grenze zu Abchasien angewandt. Dort hat Tiflis ebenfalls die Einrichtung einer Tourismus-Sonderzone genehmigt. Wer dort ein Hotel mit 100 Betten baut, spart neben den Steuern noch die Lizenzgebühr für den Betrieb eines Casinos (5 Mio. Lari). Allerdings müssen die Hotel-Bauarbeiten innerhalb von 18 Monaten abgeschlossen sein, um in den Genuss der Sonderkonditionen zu kommen.
Georgiens Regierung ist sich bewusst, dass auf dem Weg zu einer Top-Tourismus-Destination noch eine Menge getan werden muss. Neben dem weiteren Ausbau der Infrastruktur gehört dazu auch die Ausbildung von Fachkräften für den Fremdenverkehr. Es wurde zwar mit dem Aufbau von Tourismus-Fachschulen begonnen, doch das Lehrniveau ist nach Meinung internationaler Experten noch ausbaufähig.
Landeskenner und Tourismusberater Steffen Schülein sieht Georgiens Standortvorteil ohnehin nicht so sehr im Massen- und Strandtourismus. "Da sind andere Länder wie die Türkei besser, billiger und bieten mehr Service." Vielmehr sollte Tiflis auf die Stärken setzen wie Abenteuer- und Wanderurlaub, Birdwatching oder Weintourismus. Es sollte seine Naturschönheiten und kulturellen Sehenswürdigkeiten betonen, wenn europäische Touristen angesprochen werden sollen.
Wichtig wäre nach Schüleins Meinung eine seriöse Marktforschung, eine klare Zielgruppendifferenzierung und ein langfristiges Destinations-Management. So könnte Georgien die frühen Fehler einiger Alpen-Skiorte und Mittelmeer-Resorts vermeiden. "Mit kleineren Projekten in den Regionen und Angeboten wie Bed-and-Breakfast oder geführten Bergwanderungen würde auch die lokale Bevölkerung mehr von der Tourismusentwicklung profitieren."
Kontaktanschriften
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Department of Tourism and Resorts
12 Chanturia street, 0108 Tbilisi
Tel.: 00995 32 / 92 04 16, Fax: -92 03 35
E-Mail: georgia@tourism.gov.ge, Internet: http://www.georgia.travel
Georgian Incoming Tour Operators Association
(Zusammenschluss der neun führenden Reiseveranstalter,
unterstützt Aufbau einer nationalen Tourismusindustrie)
Tel.: 00995 / 893 623 523
E-Mail: info@gitoa.ge, Internet: http://www.gitoa.ge
Georgian Tourism Association (GTA)
(organisiert Aufbau einer Tourismus-Infrastruktur in Georgien, u.a. Hotelbuchungssysteme, Messeauftritte, Eventmanagement)
Melikishvili street 18/II, 0179 Tbilisi
Tel.: 00995 32 / 22 01 95, -91 67 93
E-Mail: info@tourism-association.ge, Internet: http://www.tourism-association.ge