Es ist nur wenigen bekannt, was der Hintergrund der Einführung des Heilpraktikergesetzes 1939 war. Zitat aus der Gesetzesbegründung (28.02.1939 veröffentlicht):
„"Es konnte dabei nicht ausbleiben, daß sich auch fachlich unfähige und charakterlich minderwertige Personen auf diesem Gebiete betätigten und durch unzweckmäßige Behandlungsmethoden gesundheitliche Schäden anrichteten. Die hierzu berufenen Stellen haben daher seit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus Mittel und Wege geprüft, um diese Mißstände zu beseitigen und dem deutschen Volke eine einwandfreie gesundheitliche Betreuung sicherzustellen."
Ziel also, die Heilkundeausübung von Personen, die keine Bestallung (heute Approbation) als Arzt hatte und keinerlei Ausbildungsregeln unterlagen so zu regeln, dass gesundheitliche Schäden durch falsche Behandlung vermieden werden konnten.
Ein Mittel war, diese Berufstätigkeit künftig nicht mehr zuzulassen, den Heilpraktikerberuf gleich mit seiner „gesetzlichen“ Geburt zu kastrieren und so aussterben zu lassen. „Künftig keine neuen Heilpraktiker“ sah die Begründung vor:
"In Zukunft wird eine Erlaubnis zur Berufsausübung als Heilpraktiker nicht mehr erteilt."
Für einen Beruf, zu dem künftig niemand mehr Zugang haben soll, musste es keine inhaltlich regelnden Gesetze geben. Darum ist das Heilpraktikergesetz auch so kurz und knapp. Es wiederholt dieses Auslaufenlassen des neuen Berufes in seinem § 2 (1)
„(1) Wer die Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein, bisher berufsmäßig nicht ausgeübt hat, kann eine Erlaubnis nach § 1 in Zukunft nur in besonders begründeten Ausnahmefällen erhalten.“
Aber Ausnahmefälle sollte es nicht mehr geben, statt dessen für besonders Heilbegabte ein erleichterter Medizinstudiumzugang:
„(2) Wer durch besondere Leistungen seine Fähigkeit zur Ausübung der Heilkunde glaubhaft macht, wird auf Antrag des Reichsministers des Inneren durch den Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung unter erleichterten Bedingungen zum Studium der Medizin zugelassen, sofern er seine Eignung für die Durchführung des Medizinstudiums nachweist.“
Also für die Zukunft nur noch Ärzte mit geregelten Studium in der Heilkunde tätig.
Die Begründung zum Gesetz erläuterte den § 2 (1) und (2) näher:
"Jüngere Personen sollen in erleichterter Form zum Studium der Medizin zugelassen werden können; ältere hervorragend heilbegabte Personen, die eine längere erfolgreiche Betätigung auf diesem Gebiet unter Beweis zu stellen in der Lage sind, sollen die Erlaubnis zur berufsmäßigen Anwendung ihrer Fähigkeiten in besonders begründeten Ausnahmefällen erhalten. Sie werden eine arztähnliche Berufsbezeichnung führen und der Reichsärzteordnung unterstellt werden."
Dem Heilpraktikergesetz von Februar 1939, welches eine eigenständige Heiltätigkeit (ohne Arzt zu sein) erlaubnispflichtig machte, wurde einen 1. Durchführungsverordnung zu Seite gestellt. Diese sah für alle Personen, die bisher bereits heilkundlich tätig waren (oder auf einer Schule des Reichsbundes Deutscher Heilpraktiker – später Deutsche Heilpraktikerschaft, Gründung der NSDAP 1933) einen Antrag auf Erlaubniserteilung nach dem neuen Heilpraktikergesetz bis zum Stichtag 01.04.1039 (also wenige Wochen nach Inkraftreten des Gesetzes) vor.
Zitat aus der Ursprungsfassung der 1. DVO zum Heilpraktikergesetz vom Februar 1939:
§ 1.
(1) Wer bei Verkündung des Gesetzes, ohne als Arzt bestallt zu sein, die Heilkunde am Menschen berufsmäßig ausgeübt hat und sie weiter ausüben will, hat die Erlaubnis bis zum 1. April 1939 bei der für seinen Niederlassungsort zuständigen unteren Verwaltungsbehörde zu beantragen.
(2) Antragsberechtigt sind ferner die zur Zeit auf den Schulen des
Reichsheilpraktikerbundes befindlichen Schüler.
(3) Ist der Antrag rechtzeitig gestellt, so darf der Antragsteller bis zur Entscheidung über denselben die Heilkunde weiter ausüben.
Das Prinzip des Bestandschutzes galt auch 1939. Der Antragsstichtag wurde mehrfach deutlich verlängert.
Eine Überprüfung der Kenntnisse und Fertigkeiten nach möglicher Gefahr für die Volksgesundheit war nicht vorgesehen. Wurde erst mit er 2. DVO 1941 nachträglich eingeführt, als die meisten Anträge bereits abgearbeitet waren.
Dennoch war vorgesehen, Kenntnisse und auch heilkundliche Fähigkeiten zu prüfen. Qualität fest- und sicherstellen. Unter anderem dazu wurde aus dem Reichsheilpraktikerbund – Reichsbund deutscher Heilpraktiker e.V. (NSDAP-Gründung) die Deutsche Heilpraktikerschaft als Zwangsverein mit quasi öffentlich rechtlichen Befugnissen..
Aus der alten 1. DVO:
㤠12.
(1) Zur Wahrung der Berufsbelange der nach § 1 Abs. 3 des Gesetzes zur Ausübung der Heilkunde zugelassenen Personen ist die Deutsche Heilpraktikerschaft e. V. mit dem Sitz in München errichtet worden. Sie wird als alleinige Berufsvertretung anerkannt.
(2) Andere Vereinigungen, die dem gleichen Zwecke dienen, sind nicht statthaft. Der Reichsminister des Innern kann bestehende Vereinigungen auflösen.“
Und es wurde festgelegt:
㤠6
Wer eine Erlaubnis nach § 1 Abs. 3 des Gesetzes erhält, ist verpflichtet, Mitglied der Deutschen Heilpraktikerschaft e. V. zu werden.“
§ 7
(2) Die Erlaubnis ist ferner zurückzunehmen, wenn es unterlassen wird, die Mitgliedschaft bei der Deutschen Heilpraktikerschaft e.V. zu erwerben oder wenn die Mitgliedschaft endigt.
Mit Verlust/Ende der Mitgliedschaft wird die Heilpraktikererlaubnis zurückgenommen.
Die Deutsche Heilpraktikerschaft stellte verbindliche staatlich zu genehmigende Berufsregeln auf, deren Nichteinhaltung zum Ausschluss führen konnte und damit zum Erlaubnisverlust:
§ 12.
(3) Die Satzung der Deutschen Heilpraktikerschaft e.V. bedarf der Genehmigung des Reichsministers des Innern. Diese wird im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers erteilt.
§ 13.
(1) Der Leiter der Deutschen Heilpraktikerschaft e.V. wird vom Reichsminister des Innern im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers berufen und abberufen.
§ 14.
(1) Der Leiter regelt in einer Berufsordnung die Berufspflichten der Mitglieder.
(2) Die Berufsordnung bedarf der Genehmigung des Reichsministers des Inneren, die im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers erteilt wird.
Ein wichtiger Inhalt dieser Berufsordnung war die Kollegiale Fachkenntnisprüfung, denen sich Heilpraktiker bei Zweifel an den Fähigkeiten und Kenntnissen zu unterziehen hatte. Nichtbestehen bedeutete Ausschluss und Erlaubnisverlust.
Wie diese abläuft usw. musste durch kein Gesetz mehr geregelt werden. Für die Zeit der Existenz des Berufes regelte das, diesen Qualitätsmaßstab, die verbindliche Berufsordnung.
Eine Überprüfung gleich bei der Erlaubniserteilung als deren Voraussetzung war von daher unnötig. Und deswegen fehlte diese in der 1. DVO.
Warum dann 1941 (03.07.) die 2.DVO mit dieser Regelung erlassen wurde, ist nicht klar:
㤠1.
Der § 2 Abs. 1 der Ersten Durchführungsverordnung zum Heilpraktikergesetz vom 18. Februar 1939 (Reichsgesetzbl. I S. 259) wird durch den folgenden Buchstaben i ergänzt:
"i) wenn sich aus einer Überprüfung der Kenntnisse und Fähigkeiten des Antragstellers durch das Gesundheitsamt ergibt, daß die Ausübung der Heilkunde durch den Betreffenden eine Gefahr für die Volksgesundheit bedeuten würde."
Die Erklärung, dass das gemacht wurde, weil Elsass - Lothringen und Ostgebiet dem, Reich eingeliedert wurden, ist im Blick auf die schon bestehenden Regeln nicht plausibel. Vielmehr gab diese Regelung die Möglichkeit, auch Erlaubnisinhaber nachträglich zu überprüfen und ihnen die Erlaubnis wieder zu entziehen. Und das ganz willkürlich durch den jeweiligen (Parteigenossen) Amtsarzt. Anders als bei den Kollegialen Fachkundeprüfungen gemäß der Berufsordnung konnte hier reine Willkür, rein subjektives Ermessen und das ohne jede Regel für die Überprüfung walten. So konnte auch jemand, der die Fachkenntnisprüfung mit Bravour bestanden hat, aus dem Beruf entfernt werden. Rein willkürlich.
Regel für die Überprüfung mussten keine erstellt werden, da zum Einen ja sowieso keine Neuanträge mehr zu erwarten waren – weswegen die Überprüfung schon unsinnig wäre – und zum Anderen eben ein nachträglich anwendbares „Rauswurfmittel“ geschaffen werden sollte, das eben jedem Einzelfall anzupassen war.
Die 1. DVO hatte ja bestimmt:
㤠7
(1) Die Erlaubnis ist durch die höhere Verwaltungsbehörde zurückzunehmen, wenn nachträglich Tatsachen eintreten oder bekannt werden, die eine Versagung der Erlaubnis nach § 2 Abs.1 rechtfertigen würden.“
Der Absatz 1 war ja nun durch den Buchstaben i mittels der 2. DVO erweitert worden.