Er gehört inzwischen zum festen Kanon der jungen deutschsprachigen Hörspielszene. Der 1964 geborene Hörspielmacher studierte neue deutsche Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft in Berlin. Anschließend war er zehn Jahre lang als freier Mitarbeiter des Tagesspiegels in den Ressorts Bildung, Wissenschaft und Kultur tätig. Seit 2003 ist er als freier Hörspielautor und -regisseur und -produzent, Übersetzer und Gelegenheitsjournalist tätig.
Seine Spezialität sind akustische Hör-Werke, die fast immer absurde Ausgangssituationen beinhalten, dabei aber stets die Realität in Reinkultur widerspiegeln. Er zeigt es dem Hörer auf ganz fantasievolle Weise, dass dies durchaus kein unvereinbares Paradoxon darstellt – im Gegenteil.
Sein Kurzhörspiel "Dreck" gewann 2009 den Hörspielwettbewerb Track 5 des ORF und ein zweites Hörspiel „Hundelebensberatung“ erlangte sogar den 1. Preis beim Berliner Hörspielfestival 2009 und den 1. Preis beim Leipziger Hörspielsommer 2009 (Kategorie Beste Geschichte).
Der Moderator dieses XING-Hörbuch/Hörspiel-Forums hat sich mit dem Autor und Hörspielmacher TOM HEITHOFF über seine Arbeit und seine liebste Freizeitbeschäftigung unterhalten.
PER: Herr Heithoff, es ist nun schon zur Gewohnheit geworden, diese kleine Gesprächsreihe mit einem Blick auf das betreffende XING-Profil zu beginnen: https://www.xing.com/profile/Tom_Heithoff;key=1081e83e8a01041e.0
Ihr bisher erfolgreichstes Hörspiel trägt den Titel „Hundelebensberatung“. Das Stück dreht sich um einen Langzeitarbeitslosen der wieder Struktur in seinen Alltag bringen soll. Dabei soll ihm ein Hund helfen, das zumindest hofft sein Fallmanager in der Agentur für Arbeit.
Sind Sie selbst Hundehalter?
TH: Um Gottes Willen. Um sechs Uhr früh Gassi gehen – nein danke. Aber für Hörspiele sind Hunde durchaus zu gebrauchen. Sie eignen sich nicht nur für den Titel eines Stücks, sie machen auch interessante Geräusche.
PER: In der Begründung der Berliner Jury ist zu lesen: "Dass ein Klient, der es zu einer gewissen Meisterschaft in hinhaltendem Widerstand gebracht hat, es seinem Fallmanager nicht allzu einfach machen wird, ist der Treibstoff, der die Dialoge ins Absurde treibt, ohne im Bloß-Komischen, das lediglich auf Pointen aus ist, stecken zu bleiben. Die Genauigkeit in der Improvisation, sowie die Kommentare der "Experten" verleihen dem Stück einen hohen Grad an Plausibilität und Realismus..."
Erzählen Sie uns bitte etwas darüber, wie Sie auf die Idee für dieses Hörspiel gekommen sind. Es wäre auch interessant etwas über die Entstehungsgeschichte dieser Produktion zu erfahren.
TH: Man liest ja in regelmäßigen Abständen von der Nützlichkeit von Haustieren. Mehr oder weniger wissenschaftlich fundiert wird uns mitgeteilt, dass vor allem Hunde einen positiven Einfluss auf die seelische Verfassung der Herrchen und Frauchen haben. Das provoziert natürlich Widerspruch – auf der künstlerischen Ebene wohlgemerkt. Die Grundidee mit dem Hund als Arbeitsagentur-Maßnahme kam mir sofort beim Lesen der Zeitungsmeldung. Ich schrieb dann einige Ideen und Dialoge auf, doch das Stück entwickelte sich im Grunde aus einer improvisierten Szene heraus, in der ich einen Schauspieler (er spielte den Fallmanager) und einen Laien (er war der Arbeitslose) aufeinander los ließ. Dem Schauspieler erklärte ich die Szene auf dem Amt; ich bereitete ihn auf seinen „Kunden“ vor, der gleich erscheinen würde, schilderte das – fiktive – Hundeprojekt und gab ihm einige Schlüsselsätze, die ich unbedingt drin haben wollte. Kurz: ich machte ihn mit seiner Rolle, die er zu improvisieren hatte, bekannt.
Sein Gegenspieler, der Laie, hingegen ahnte gar nichts. Ich hatte aber schon öfter mit ihm aufgenommen, wusste also, was er kann, und habe ihn deshalb für die Rolle gewählt. Der Arme dachte, er käme zum Biertrinken und Spaghetti-Essen und lief direkt in die Aufnahmefalle. Das Mikrofon hing überm Tisch. Der Rekorder nahm bereits auf, als er klingelte. Statt Bier und Essen gab’s Hörspiel. Die Szene zwischen Fallmanager und dem Arbeitslosen war nicht nur die erste aufgenommene Szene, sie war auch die Keimzelle des Hörspiels; aus dieser Szene heraus – beim Abhören und bei den ersten Montageversuchen – entstanden im Laufe der Zeit die weiteren Rollen und Szenen mit der Tierheimberaterin, dem Psychologen, dem per Telefon zugeschaltete Projektleiter sowie der Epilog und der Dackelsong.
PER: Empfinden Sie sich selbst als Realist oder fühlen Sie sich doch mehr der absurden Wortkunst zugehörig?
TH: Für mich ist das Realistische und das Absurde kein Gegensatz. Das Absurde ist Teil der Realität. Es ist keine reine Erfindung, wie man vielleicht denken könnte. Es ist ein bisschen erfunden und ein bisschen gefunden. Oft sind es ganz „wahre“ Realitätssplitter, die einem Stück zugrunde liegen. Doch die realistisch-ernste Grundebene erzeugt im Kontext einer eindeutig fiktiven Handlung eine Spannung, die im besten Falle auch absurd-komisch ist. Und das Absurde wiederum sagt manchmal mehr über unsere Wirklichkeit aus, als ein dezidiert realistisches Stück.
PER: Einige Ihrer Kurz-Hörspiele, wie beispielsweise die Stücke „Hauptpost“, „Dreck“ oder „Dom“ sind nur wenige Minuten lang. Bevorzugen Sie die Kurzform?
TH: Wie die Filmemacher halten sich auch die debütierenden Hörspielmacher in der Regel eher kurz. Das ist die Anfängerkürze. Mein kürzestes Stück dauert eineinhalb Minuten („Hauptpost“). Der Vorteil ist, dass man schneller sagen kann: Mein Stück ist fertig (geschnitten). Der Nachteil: es ist auch schneller zu Ende (gehört). Nein, ich bevorzuge keine Länge. Ich dachte lange, am liebsten sind mir 5 Minuten, dann war ich überzeugt, dass 15 Minuten die ideale Länge für mich sind, und nach „Hundelebensberatung“ wollte ich nur noch lange Stücke machen. Und jetzt sitze ich doch wieder an einem kürzeren. Die Idee bestimmt die Länge. Da ist nichts zu planen.
PER: Es ist immer blöd, über Hörspiele zu sprechen, wenn die Leser unseres Gesprächs keine Möglichkeit haben, in die betreffenden Stücke reinzuhören. Gibt es eine Website, wo jeder User ein paar Hörproben abrufen kann?
TH: Ich arbeite daran. Im Moment sind die beiden Kurzstücke „Dreck“ und „Dom“ auf den Webseiten des ORF zu hören: http://roi.orf.at/artikel/220005 bzw. http://oe1.orf.at/artikel/212241.
Und „Hundelebensberatung“ wird am 9. November um 23 Uhr auf wdr 1 live ausgestrahlt.
PER: Erfreulicherweise gibt es jetzt sogar einige Ausstrahlungen Ihrer Hörspiele durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Erhalten Sie nach den Sendungen Zuhörer-Post? Und wenn ja, was schreiben die Leute? – Entschuldigung – ich bin furchtbar neugierig…
TH: Viele meiner ersten Kurzstücke wurden allerdings auch schon gesendet. Der ORF hatte bis vor einigen Jahren die schöne Sitte, nach einem Langhörspiel die verbleibende Zeit bis zur vollen Stunde mit einem Kurzhörspiel zu füllen. In dieser Nische hat der damalige Hörspielleiter Konrad Zobel mehrfach Stücke von mir ausgestrahlt, was für einen Neuling, wie ich einer war, natürlich ungemein motivierend war. Aber zu den Reaktionen: Nach der Ursendung von „Hundelebensberatung“ im Deutschlandradio habe ich tatsächlich einige mails von Hörern bekommen, die mich alle sehr gefreut haben. Es ist natürlich besonders schön, wenn die Hörer so reagieren, wie man es sich idealerweise vorstellt. So schrieben einige von „einem Lachen, das einem im Halse stecken bleibt...“ oder „Man lacht, und in der nächsten Sekunde läuft es einem kalt den Rücken herunter“ oder es sei „komisch und zugleich zutiefst deprimierend“, und einer schrieb, dass er sich auf ein neues Stück freue. Solche mails ermutigen einen sehr.
PER: Auf Deutschlandradio Kultur werden ja tagtäglich Kurzhörspiele und ähnliche Formate als sogenannte „Wurfsendung“ ausgestrahlt. Als das Format vor einigen Jahren kreiert wurde, gab es sehr viele gute und witzige Beiträge. Mittlerweile sind die „Wurfsendungen“ durchweg langweilig, ja sogar nervig geworden. Die verantwortlichen Programmdirektoren erhalten zu diesem Thema sehr viele negative Hörerpost – aber diese Damen und Herren scheinen dies nicht zur Kenntnis zu nehmen. Da muß dringend ein frischer Wind reinblasen. Haben Sie schon mal daran gedacht, eventuell für dieses Format etwas zu produzieren?
TH: Gedacht schon...
PER: Als wir uns vor einigen Wochen auf einem Hörspiel-Symposium persönlich kennengelernt haben, ging es zwei Tage lang um das Thema: „Das Komische in Hörspiel, Feature und Radiokunst“. Einige Beiträge der Symposium-Teilnehmer empfand ich nicht unbedingt komisch, eher gewollt schräg. Was ist eigentlich Komik im Hörspiel? Wie würden Sie dieses Phänomen beschreiben?
TH: Wahrscheinlich hat jeder Mensch seine eigene Komik. Was als komisch empfunden wird, hängt von so vielen Faktoren ab... Es gibt so viel „Komisches“, das ich überhaupt nicht komisch finde. Wenn irgendein Jeck in seiner wöchentlichen Show über seine eigenen Pointen grinst, um sich mit dem nun gleichfalls grinsenden Publikum gemein zu machen, ist das in meinen Augen gar nicht komisch. Zur Komik, wie ich sie verstehe, gehört Ernst. Egal, ob es sich um einen ernsten Hintergrund handelt (wie der Zynismus in „Hundelebensberatung“) oder um die Ernsthaftigkeit (nicht zu verwechseln mit Schwere), mit der man etwas Verrücktes durchspielt. Aber das klingt sehr abstrakt und idealistisch. Was Komik im Hörspiel ist? Ich könnte es nicht definieren. Aber zumindest kann ich sagen, dass sich Komik – bei mir zumindest – sehr oft erst im Schnitt herstellt, wenn man die einzelnen Bestandteile miteinander in Beziehung setzt und neue komische Zusammenhänge schafft.
PER: Sie haben zeitweise in Paris und Berlin gelebt. Welche der beiden Städte verfügt über mehr kreatives Potential?
TH: Über das Potential kann ich schwer etwas sagen. Aber die Möglichkeiten, an die Öffentlichkeit zu treten – ganz gleich ob mit Theater, Musik, Literatur, Kunst – sind in Berlin wesentlich größer. Paris hat eine sehr viel kleinere Off-Szene und auch die Neugier auf die (noch) nicht etablierte Kultur scheint geringer zu sein. Es ist kein Zufall, dass junge Künstler massenweise aus Paris nach Berlin ziehen.
Welche Stadt inspirierender ist, sei dahingestellt. Die Mieten in Paris sind so teuer, dass ein Normalsterblicher dort heute nicht mehr leben kann. Ein armer Kulturschaffender erst recht nicht. Kein Wunder, dass er Berlin inspirierender findet. Auf der anderen Seite gibt es in manchen Ecken Berlins proportional schon mehr Künstler als Nicht-Künstler. Da entwickelt sich ja schon ein richtiger Künstlermief, der nicht unbedingt produktiv machend ist. Aber wir schweifen ab...
PER: Mir erzählte vor kurzer Zeit eine Mitarbeiterin einer französischen Bibliothek in Berlin, in Frankreich wären Hörbücher eher eine Seltenheit auf dem Markt. Gibt es in Frankreich eine oder keine ausgeprägte Hör-Kultur?
TH: Hörbücher scheint es tatsächlich nicht oder kaum zu geben. Aber wenn Sie von Hörkultur sprechen – das französische Radio hat den wunderbaren Kulturkanal france culture, wo der kulturinteressierte Hörer wirklich noch ernst genommen wird. Der Wortanteil dürfte bei 99 % liegen. Hier finden sich im Stundenrhythmus Reportagen, Diskussionen, Features, Gespräche über Literatur, Kunst, Philosophie, Wissenschaft, Gesellschaft, Alltagskultur usw. Und das Schöne: es gibt keine halbstündigen Nachrichten, nicht mal stündliche, die die Aufmerksamkeit wieder zerschmettern. Hier findet wirkliche Hör-Kultur statt. Auf dem Sofa zu liegen und mit geschlossenen Augen france culture zu hören, gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen. Auch wenn ich nicht alles verstehe. Oder gerade weil.
PER: Werden im französischen Hörfunk auch Hörspiele produziert?
TH: Soweit ich weiß, ist es hauptsächlich der Sender france culture, der Hörspiele produziert. Deutschland mit seinen vielen Rundfunkanstalten hat es da besser. Seit einiger Zeit widmet sich auch das – nur per Internet zu empfangende – ArteRadio (http://www.arteradio.com) verstärkt dem Hörspiel, leider nur auf Französisch.
PER: Jetzt noch meine obligatorische Frage am Ende eines jeden Gesprächs: Besitzen Sie noch einen Fernseher?
TH: Nein. Ich gebe zu, dass ich mir hin und wieder einen wünsche. Aber wenn dann bei anderen zufällig (oder nicht zufällig) der Fernseher läuft, fällt der Wunsch sehr schnell wieder in sich zusammen.
PER: Ich danke Ihnen für dieses kurze Gespräch. Wer mehr über Tom Heithoff erfahren möchte, kann dies zum Beispiel auf seiner HP tun: http://www.tomheithoff.de/