Was sagen leere Läden über den Zustand einer Stadt aus?
Viele leer stehende Geschäfte können auf einen bereits fortgeschrittenen demografischen Wandel einer Kommune hinweisen und sind gerade im Hinblick auf die dort lebenden älteren Menschen ein Problem, weil deren Nahversorgung dann gefährdet sein kann.
50 von 250 Läden stehen in der Stadt Hann Münden in Niedersachsen leer: Kann man sagen, ob das viel oder wenig ist?
Ich kenne zwar keine verlässlichen Vergleichsdaten auf Bundesebene, aber das scheint mir mit 25 % schon ein sehr hoher Werte zu sein. Eine Studie der IHK-Region Hannover beschreibt dort einen Leerstand von über 10 Prozent im Jahre 2010 in vielen Regionen Niedersachsens, wobei ich nichts über die Verlässlichkeit dieser Daten sagen kann. Die IHK bewertet Quoten ab 10 % aber schon problematisch. Interessant wäre hier aber auch die Leerstandsdauer zu kennen.
Inwiefern ist der Ladenleerstand ein Phänomen, das in ganz Deutschland auftritt?
Auch hierzu kann ich mich mangels verlässlicher Daten nur auf meine persönlichen Beobachtungen beziehen und danach treten Ladenleerstände eher in Regionen auf, die von einem Bevölkerungsrückgang betroffen sind.
Ist Ladenleerstand nur auf die demografische Entwicklung zurückzuführen? Welche anderen Gründe gibt es?
Die Ursachen hierfür können durchaus unterschiedlich sein. Neben der zunehmenden Konkurrenz durch das Internet gibt es sicher auch individuelle Probleme, wie Ladengröße oder -qualität, Standortwettbewerb durch neue Einkaufszentren, fehlende Nachfolger für die Übernahme aus Altersgründen, individuelle Standortprobleme oder zu hohe Miet- oder Kaufpreise. Eine wesentliche Ursache ist aber sicher im demografischen Wandel zu suchen, denn Bevölkerungsrückgang bedeutet auch ein Rückgang an Kaufkraft in der betroffenen Region, die dann nicht mehr für die früher vorhandenen Einzelhandelsgeschäfte ausreicht.
Was bedeuten leere Läden für die dort wohnende Bevölkerung, auch im Hinblick auf eine älter werdende Bevölkerung?
Demografischer Wandel bedeutet ja unter anderem, dass die Einwohnerzahl schrumpft, weil weniger Kinder geboren werden, jüngere Menschen wegziehen und ältere Menschen zurückbleiben, die aufgrund fehlender Nahversorgung bei eingeschränkter Mobilität oft nicht mehr in der Lage sind, im Einkaufszentrum auf der grünen Wiese einzukaufen. Das ist ein erheblicher Einschnitt für deren Lebensqualität.
Was tun Städte heutzutage, um leere Läden zu vermeiden?
Leider werden immer noch viele Einkaufszentren auf der „grünen Wiese“ oder in „Randlagen“ gebaut, die dann die Wettbewerbsbedingungen für kleinere Einzelhändler zusätzlich erschweren. Im Hinblick auf die stark steigende Anzahl Hochaltriger halte ich dies langfristig für problematisch, besonders bei sinkender Mobilität und fehlender familialer Unterstützung.
Zunächst sollten Analysen durchgeführt werden. Wie hoch ist der Leerstand? Wie entwickelt sich dieser? Aber auch Fragen zum demografischen Wandel. Wie viele Menschen wohnen jetzt aber auch künftig in unserer Kommune? Oder wie wird die künftige Altersstruktur aussehen? Dies erlaubt eine Einschätzung möglicher Märkte. Sicher ist, dass Produkte für Ältere ein größeres Wachstumspotenzial haben als Produkte für Kinder. Wir bieten hier unter http://www.wegweiser-kommune.de ein Instrument an, das sehr viele Daten und Prognosen für Kommunen ab 5.000 Einwohner anbietet.
Inzwischen gibt es heute bereits „Leerstandsmanager“, die sich um den allgemeinen Leerstand kümmern. Persönlich halte ich mehr von Demografiebeauftragten, die es bereits in vielen Regionen gibt und die sich neben vielen anderen Problemen auch um den Leerstand kümmern. Mein Eindruck ist aber auch, dass wachsender Problemdruck oft zu einer Lähmung und Untätigkeit führt.
Wir bieten aber auch z. B. Demografieworkshops an, damit sich Kommunen auf den demografischen Wandel einstellen. In diesen Workshops werden kommunale Akteure für die demografischen Herausforderungen ihrer Kommune sensibilisiert und sie erarbeiten Ziele, Strategien und Maßnahmen. Dies können z. B. Bänke oder Toiletten im Einkaufsviertel aber auch die Beseitigung von Barrieren für Ältere mit Rollatoren oder Kinderwagen sein. Vernetzung in der Kommune und auch zwischen Kommunen ist aber auch ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor. In unseren Workshops diskutieren dann z. B. Akteure aus der Wirtschaftsförderung, Verwaltung, Politik, Wirtschaft oder Bürgerschaft wie sich die Kommune weiter entwickeln soll.
In Hann. Münden konkurrieren zwei Konzepte: Eines, das von Bürgern betrieben wird, die beispielsweise durch Kleinkunst die leeren Läden beleben wollen, um sie so attraktiv zu halten. Von größeren Geschäftsketten in der Stadt halten sie nicht viel. Demgegenüber gibt es einen lokalen Wirtschaftsförderer. Er hat ein Leerstandsregister angelegt – und hofft, Studenten und größere Läden in die Stadt zu holen. Was ist der bessere Ansatz?
Das kann man von außen sicher kaum seriös beurteilen und auch dies ist ein Erfolgsfaktor unserer Workshops, dass die kommunalen Akteure hierüber diskutieren und entscheiden was erfolgversprechender ist.
Welche Zukunft haben Kleinstädte mit einer Größe bis zu 20 000 Einwohner in der Zukunft? Sterben diese aus? (mit Fokus auf Nordhessen und Südniedersachsen…Witzenhausen, Northeim, Fritzlar…)
Dies hängt entscheidend vom Potenzial der Region und vom demografischen Wandel ab. Kleinstädte im Einzugsgebiet wirtschaftsstarker Regionen werden auch weiterhin auf vielen Gebieten eine positive Entwicklung haben. Die Region Nordhessen und Südniedersachsen zählt aber zu den Regionen, die sich auch künftig auf insgesamt deutlich weniger Menschen aber dafür deutlich mehr ältere Menschen einstellen müssen. Eine zukunftsorientierten Kommunalpolitik berücksichtigt diese Entwicklungen und sucht nach Antworten auf viele Fragen. Was braucht Hann. Münden, wenn dort bis 2030 vielleicht nur noch 22.000 Einwohner leben? Wenn die jetzt schon sehr hohe Zahl älterer Menschen nochmals deutlich steigt? Wie können wir soziale Netzwerke für z. B. allein Lebende Ältere schaffen? Was ist wünschenswert aber auch finanzierbar? Dies sind nur einige Fragen auf dem Weg in eine Zukunft mit einer möglichst hohen Lebensqualität, die aber nicht nur von der Einwohnerzahl abhängt. Auch ländliche Regionen haben Chancen und Vorteile gegenüber Metropolen. Attraktive Kulturlandschaften, Tourismuspotenziale, Günstige, sozial stabilisierende großzügige Wohnverhältnisse, ein familienfreundliches Umfeld, eine hohe Bereitschaft zum bürgerlichen Engagement, vielfältige soziale Netzwerke, ein hoher Freizeit- und Erholungswert, die Nähe zu Natur und Umwelt oder eine hohe Identifikation der Bevölkerung sind Beispiele hierfür und Stärken, die zu nutzen sind.