Zu unserer Zukunftswerkstatt in Berlin-Kreuzberg, mit der wir erkundet haben, welche Zukunftsideen es im Kiez rund um den Mariannenplatz gibt, kamen im Juni 2015 nur etwa dreißig Menschen. Für den nun daran anschließenden Beteiligungsprozess haben wir vom Socius-Team das Konzept angepasst: Wir bringen die Zukunftswerkstatt aus den geschossenen Räumen in den öffentlichen Straßenraum. Die erste Aktion dazu ist am 2. Oktober 2015 bei bestem Spätsommerwetter geglückt. Mehr als siebzig Leute, die viele verschiedene Sprachen sprechen, erreichten wir auf dem Platz am Feuerwehrbrunnen mit unserem Thema "Mariannenplatz zum Anbeißen".
Dies gelang auch deshalb gut, weil wir in den Wochen zuvor etliche Interessengruppen, Institutionen und engagierte Einzelpersonen angesprochen haben, um sich zu überlegen, was sie selbst beisteuern wollen. So halfen alle mit, dass Gespräche aufkommen konnten zu Nachbarschaft und Engagement im Kiez, und zu Lebensgrundlagen, die im lokalen Umfeld selbst geschaffen werden können. Wer war gekommen? Eine erste Aufzählung, die sicher noch ergänzt werden muss, da vieles auch ganz spontan geschah:
Gleich zu Anfang gegen 15 Uhr tauchten Mitglieder der "Ton Steine Gärten" mit Hochbeet auf, das im "Astrogarten" abgebaut und in seine Einzelteile zerlegt worden war. "Wohin mit dem Beet nun im Kiez?" fragten sie und brachten ihre Pläne für eine neuen Nachbarschaftsgarten auf zu überdachenden Parkplatzflächen ins Gespräch.
http://www.gaerten-am-mariannenplatz.blogspot.de/
Die Mitglieder der GemüseAckerdemie, seit Monaten in einer nahe gelegenen Schule tätig, um Kindern nahezubringen, wie sich mitten in der Großstadt Gemüse und Kräuter anbauen und ernten lassen, kamen mit Ihrer Schubkarre auf den Platz.
http://www.gemueseackerdemie.de/
Eine engagierte Mitstreiterin aus dem Gemeinschaftsgarten Glogauer 13 verzauberte die Geschmacksnerven der Anwesenden mit einer Kürbis-Ingwer-Suppe, die sie im nahegelegenen Bewohnertreff der degewo-Wohnungsgesellschaft mit besten Bioladen-Zutaten zum kleinen Preis gekocht hatte.
http://www.common-grounds.net/category/project/
http://www.degewo.de/content/de/Wohnen/_2-4-Stadtteilmanagement/Projekte/City.html
Viele engagierte Menschen aus dem kurdischen Elternverein Yekmal schenkten feinsten schwarzen Goran-Tee aus dem Samowar aus und präsentierten eine reiche Auswahl an Lernbüchern und Informationsheften in Deutsch und Kurdisch. Inspiriert durch Ihr Buch über den gefräßigen Wurm malten die Kinder eigene Zukunftsbilder von einer blühenden Stadt.
http://www.yekmal.de/
Am Tisch daneben schenkte eine Beraterin türkischer Frauen aus dem Familienzentrum Adalbertstraße heißen Mokka in wunschönen Mokkatassen aus, und so manche Geschichte über Zusammenhalt in der Nachbarschaft wurde dort erzählt.
http://www.familienzentrum-adalbertstrasse.de/
Die Recycle-Werkstatt Berlin fuhr mit einem aufregenden Lastenfahrrad reiche Materialschätze für den Stempel-Workshop heran. Mit Schablonen und Pinseln, mit Stempeln aus upcycelten Reifen und Stoffmalfarben hatten Kinder und Erwachsene gleichermaßen Freude an der Produktion von Einkaufsbeuteln und an Gemüsemandalas auf Tütenlampignons. Rohstoffe dafür waren in den Wochen vorher in Läden des Kiezes gesammelt worden.
http://www.recycle-werkstatt-berlin.de/
Urbane Mobilität gehört auch zum Thema eines Kiezes mit gesundheitsförderlichen Ressourcen: "Radeln ohne Alter" hieß es für älteren Menschen, die sich in einer
Fahrradrikscha mal schnell zum Mariannenplatz vorbeibringen ließen. Und die Fahrradwerkstatt der "Prinzessinnengärten" kutschierte neu eingetroffene Kinder mit ihren Fledermaus-Pritschenrad immer wieder um den Feuerwehrbrunnen. Der Erbauer eines Elektrorollers mit Solarantrieb stellte mittendrin sein Gefährt für "postfossile Mobilität" überzeugend vor.
http://radelnohnealter.de/
http://www.urbanist-magazin.de/2015/03/radeln-ohne-alter/
http://prinzessinnengarten.net/?s=fahrrad
http://www.postfossilemobile.de/
Inklusion und Integration stehen ganz oben auf dem Programm des Vereins "Pfeffersport". Seine Mitglieder bauten einen bunte Bewegungsparcous für Kinder auf, während an ihrer nah gelegenen Turnhalle "MariannenArena" eine Birmbaumernte mit professionellen Baumschnitt durchs Baumteam Schuhmann verbunden wurde. Wer hätte gedacht, dass Birnen mitten in Kreuzberg wachsen und nun auf dem Mariannenplatz genascht werden dürfen?
http://www.pfeffersport.de/mariannen_arena.html
http://www.baumteam-schuhmann.de/
Und sogar Honig wird im Kiez selbst produziert! Aus der Imkerei im Pestalozzi-Fröbel-Haus, das durch seine Arbeit am Mariannenplatz Kinder und Jugendliche fördert und Familien stärkt, wurden Kostproben fleißiger Bienen aus dem eigenen Kiez verteilt.
http://www.pfh-berlin.de/
Zwei Straßenmusiker, aus Brasilien und den Vereinigten Staaten nach Berlin gekommen, sorgten mit Saxophon und Beatbox für beschwingte Stimmung und erlaubten sich so manchen künstlerischen Spaß - auch während der Mikrofon-Ansagen des Socius-Teams (auf Deutsch und Türkisch) zum "Soziale-Stadt"-Programm. Einer der beiden Musiker von "US - We are the Party" ist auch Lehrer für Permakultur, eines Grundprinzips für ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften mit allen Ressourcen.
http://uswearetheparty.blogspot.de/
http://www.permakultur-info.de/category/deutschland/berlin/
Im offenen Zelt des Quartiersmanagemets Mariannenplatz gab es gleich zwei Attraktionen. Hier wurde aus dem Laden "Original Unverpackt" gratis Müsli verteilt an alle, die ein leeres Glas mitbrachten. Das Konzept des Ladens regt zu vorbildlichen Umweltbewusstsein durch Müllvermeidung ein. Außerdem lief im Zelt der Film "Urban Roots", der die bewegende Geschichte vom Niedergang der Industriemetropole Detroit zum Aufstieg der Großstadt als riesiges "Urban Farming"-Gebiet zeigt.
http://original-unverpackt.de/
http://www.cityfarmer.info/2011/04/11/urban-roots-a-documentary-about-urban-farming-in-detroit/
Höhepunkt war eine Tombola, bei der die Gäste Gemüse, Sirup, Trockenfrüchte, Honig und Seife aus biologischer Produktion gewannen. Fazit: Ein gelungenes Zusammentreffen, auf dem sich unterschiedlichste Leute verständigt haben zu Möglichkeiten einer Zukunft in Kreuzberg, an der sie selbst beteiligt sind. Danke für die engagierte Hilfe von vielen Seiten.
Wie wird es weitergehen? Wie werden Initiativen "von unten" (Transition-Town-Bewegung) mit denen "von oben" (Bezirksverwaltung plant Essbaren Bezirk) kooperativ zusammengehen können?
http://www.ttfk-berlin.de/ttfk/Transition-Town%20Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg.html
http://www.berliner-woche.de/friedrichshain/sonstiges/friedrichshain-kreuzberg-plant-den-essbaren-bezirk-d33291.html
Und wie kommen diejenigen "an Bord", die diesmal noch fehlten? Zum Beispiel die Designerinnen der "Culinary Misfits"-Werkstatt, die Mitglieder der Initiative "Dachgärten für alle", die Forscherinnen und Forscher für Indoor Farming "Infarm", das Team der "Markthalle IX"?