„Weshalb nur ist es so schwer, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen?“, rief die Kollegin laut durch den Flur. Der japanische Zen-Meister Kodo Sawaki hätte ihr darauf eine sehr robuste Antwort gegeben: Nicht einmal einen Furz können wir uns ausleihen.
„Weshalb nur ist das so schwer“ – die Frage ist für uns alltäglich. In dem „schwer“ klingt die Bürde mit, sich des eigenen Lebens zu bemächtigen, klingt noch durch, worin „Verantwortung“ seinen Ursprung hat: Die Antwort, die wir Gott oder dem Gericht zu geben haben für unsere Taten, für das, wie wir mit dem Leben, in einer besonderen Situation, mit einem Menschen umgegangen sind. „Übernehmen“ klingt allerdings danach, als träfen wir eine Entscheidung, als könnten wir die Verantwortung für unser Leben auch verweigern. Das hat etwas von der spielerischen Illusion des kleinen Kindes, das sich die Augen verdeckt und meint, die Welt sei damit verschwunden. Doch was passiert, wenn wir die Augen verschließen? Wir verneinen unser eigenes Leben. Wir missachten, was wir an Werten, Fragen und Aufgaben in uns haben.
Sein Leben zu verantworten, heißt, in das Gespräch mit sich selbst einzutauchen. Die Erfahrung, die wir dabei machen, ist wahrscheinlich zuerst einmal schmerzhaft. Wenn wir aber über sie hinausgehen, kommen wir zu dem, was uns trägt und leitet, zu dem, wofür unser Herz schlägt. Je tiefer wir in das Gespräch mit uns selbst eintauchen, je mehr wir lernen, eine eigene Antwort auf das zu finden, was uns da gerade passiert, desto mehr erkennen wir, wie verbunden wir miteinander sind. Wir lernen, wie notwendig Selbstführung ist und wie sehr wir die anderen belasten, wenn wir uns selbst unserem Leben entziehen.
Ob in Führung oder in Beratung, ob in Familie oder Partnerschaft, die Klarheit, die wir durch Selbstführung gewinnen, ist essentiell. Wenn ich für mich geklärt habe, wo meine Verantwortung liegt, kann ich mich in meinem Handeln von dem leiten lasse, was die Situation, was mein Gegenüber gerade benötigt. Und lasse nicht mein Ego die Angelegenheit trüben.
Alles, was auf uns zukommt, ist unser Leben. Wir können es nicht loswerden, wir können uns auch nicht das Leben eines Anderen ausleihen. Was im Außen passiert, verschafft uns einen Weg in unser Inneres. Indem wir uns ändern, indem wir neue Freiheiten ausprobieren, erfahren wir, wie sich die Welt um uns ändert. Das ist der Tanz zwischen dem Selbst und der Welt: Ohne das eine gäbe es das andere nicht – beides bedingt sich. So bietet jeder Moment, wie schwierig er auch sein mag, uns die Möglichkeit, Klarheit über unser Selbst zu gewinnen. Er ist eine Einladung, sich selbst zu führen und die Welt zu verändern.