An allen Ecken und Enden wird gefordert, dass sich Lernen ändern soll. Das gilt für Schulen, Hochschulen und Unternehmen. Auch wenn die Diskussionen weitgehend getrennt verlaufen, so haben sie doch einen gemeinsamen Tenor:
Die Veränderungen in der Welt sind schnell und nicht (gut) vorhersehbar. Daher sind die Anforderungen, welche Qualifikationen benötigt werden, nicht vorherbestimmbar.
Es kommt oft weniger darauf an, Wissen anzusammeln, als eine Haltung (manche nennen es Mindset) zu fördern, die den Einzelnen darin unterstützt, sich selber, das an Kenntnissen zu beschaffen, was benötigt wird. Dabei geht es oft nicht um Vorratswissen, sondern um adhoc-Ergänzung von Fähigkeiten und Kenntnissen. Das würde ich mal Micro-Content nennen.
Dies geht einher mit stark veränderten Strukturen in der Arbeitswelt, in der Netzwerke wichtiger sind als Hierarchien. Es lässt sich derzeit beobachten, dass auch große Unternehmen sich umstrukturieren, um flexibler reagieren zu können.
Das bedeutet jedoch auch einen Verlust an zentraler Steuerung z.B. was zu lernen ist, da die Zentrale das gar nicht mehr sehen kann. Zentrale Lernpläne können nur in wenigen Bereichen eingesetzt werden und sind manchmal schon bei der ersten Umsetzung von der Entwicklung überholt.
In der Schule gibt es ähnliche Prozesse wenn eine Abkehr von der Gießkanne hin zur Individualisierung eingefordert wird. (Lehrer würden das vermutlich anders formulieren.) In der schulischen Berufsausbildung stellt sich die Frage, wie der schulische Ausbildungsteil uptodate bleiben kann wenn sich im Unternehmensalltag alles so schnell ändert.
Der derzeitige Stand der Diskussion und der Trend ist, dass der einzelne Lerner mehr Verantwortung und Initiative an den Tag legen muss als bisher. Hier kommt wieder der Aspekt Haltung/Mindset zum Tragen.
Vor diesem Hintergrund kann man nun den Ansatz Lernplattform betrachten. Geht man von Moodle und ihren Derivaten aus, so geht es weniger um die Lernplattform, als um deren häufigen praktischen Einsatz.
Kurse werden zentral angelegt
Ein Trainer/Lehrender bestimmt Struktur und Ablauf
Es findet Bewertung statt
Diskussion wird weder gewünscht noch forciert.
Das herrschende Frontalunterrichtsparadigma wird in der Lernplattform weiter eingesetzt.
In der Unternehmenswelt ist der noch immer stark befürwortete Einsatz von SCORM Lernpaketen ein deutliches Anzeichen dieser frontal fokussierten Lernwelt.
Über die Jahre hat es immer wieder Abgesänge auf Lernplattformen gegeben. Das LMS ist tot, es lebe das Wiki/ die Blogs/ Social Media /Trello/ der Activity Stream und so weiter. Trotzdem gibt es Moodle weiter. Trotzdem steigen weiterhin Organisationen in Moodle ein.
Ich arbeite inzwischen seit über 15 Jahren mit Moodle. Ich sehe täglich den Einsatz der Lernplattform. Gerade hier in den Foren werden ganz verstreut immer wieder sehr spannende Einsatzszenarien angefragt. Das Interessante daran ist, man kann sehr vieles mit Moodle umsetzen. Ich kenne keine Platform, die auch nur annähernd diese didaktische Vielfalt unterstützt. Manches geht sehr einfaches, manches mittels Winkelzügen oder mit Zusatzplugins. Und ganz selten müssen wir sagen, sorry, geht nicht, könnte man aber entwickeln.
Wie kommt das? Als Martin Dougiamas mit der Entwicklung von Moodle begann hatte er die Vorstellung, dass Lernen ein sozialer Vorgang ist, der immer in Bewegung bleibt. Social Constructivism war das theoretische Konzept, das ihn leitete. Auf seiner Website finden sich hierzu Quellen und Dokumente https://dougiamas.com/archives/. Ganz grundlegend vielleicht: https://dougiamas.com/archives/a-journey-into-constructivism/
Konkret bedeutet dies, dass Moodle viele Werkzeuge und Ansätze beinhaltet, die den Lernenden zum aktiv Gestaltenden macht. Das fängt an bei der Interessen-Funktion im Profil zur Vernetzung, integrierten persönlichen Blogs, den Wikioptionen, der Vielfalt bei Foren, dem Rollenmodell bis hin zur Gegenseitigen Beurteilung (Workshop). Viele dieser Funktionen werden eher selten genutzt. Oft soll der integrierte Messenger, der eine systemweite Kommunikation ermöglicht, deaktiviert oder eingeschränkt werden. Ich halte das für ein deutliches Zeichen für die 'letzten Zuckungen' des alten Paradigmas.
Eine Lernplattform ist ein Werkzeug. Es gibt Menschen, die den Einsatz der Werkzeuge festlegen. Daher passiert nichts von alleine. Es kommt also auf das Mindset der Anwender, ihr Bild vom Lehren und ihre Nutzung der Werkzeuge an.
Wenn der Online-Kurse primär eine Ablage von Dateien oder ein Ort für Ankündigungen, Übungstests und Prüfungen ist, dann mag das zwar im Moment hilfreich sein, ist jedoch vor dem Hintergrund der oben genannten Entwicklungen gerade mal die Fingerübung vor dem Konzert.
Übrigens, auch der vor ein paar Jahren eingesetzte Trend zu xMOOCs und cMOOCs bleibt weitgehend dem alten Paradigma verhaftet. Schaut zwar nett aus, ist aber weitgehend fremdbestimmtes und fremdgeleitetes Lernen.
So viel der Vorrede. Ich denke derzeit nach über die Frage wie denn eine Lernplattform gestaltet wird, die den obigen Entwicklungen gerechter wird und welche Funktionen in Moodle dazu zum Einsatz kommen, umfunktioniert werden müssten oder ggfs. auch noch fehlen und entwickelt werden sollten.
Hier ein paar Stichworte:
Es gibt Bereiche für verpflichtende Kurse, dieser ist verborgen, da die TN hier zugewiesen werden.
Es gibt Bereiche für Communities. Diese sind offen und jeder kann abonnieren und beitragen.
Es gibt zentral bereitgestellte Learning Nuggets mit kurzen Hinweisen. Diese sind nach Themengebieten strukturiert und werden kuratiert.
Es wird systematisch mit Tags gearbeitet. Tags dienen dazu, Inhalte zu finden.
Die Volltextsuche erlaubt es nicht über Tags auffindbare Inhalte zu finden.
Die Nutzer werden motiviert ihr Interessenprofil zu pflegen, eigenen Blogs zu nutzen und zu taggen.
Der systemweite Messenger dient zur Vernetzung.
Die Startseite teasert neue Kurse und weit via RSS auf Informationen aus zentralen Foren der Community, bzw. Hinweise auf neue kuratierte Inhalte hin.
Jeder Nutzer kann selber Kurse anlegen und greift dabei auf Kursvorlagen zurück, die vorstrukturiert Kurselemente umfassen. Damit wird es leichter, eigene Inhalte einzupflegen. Vor Jahren habe ich das mal exemplarisch gemacht: https://community.moodle.de/course/index.php?categoryid=6
Badges unterstützen die Motivation.
Die Plattform wird zur Kommunikation an alle Nutzer genutzt. Das passiert häufig.
Es gibt Hinweise auf neu entstehendes und fertig gewordenes.
Inhalte werden mit Austauschmöglichkeiten verknüpft.
Dies sind nur ein paar Ideen. Ich bin gespannt, ob ihr mich jetzt für einen Wolkenkuckucksheimer (Phantasten) haltet oder an diesen Ideen wieter mitschreibt.
Ralf