Seelischer Fingerabdruck
Wissenschaftler erforschen, was Kicker wirklich antreibt / Reiss-Profil: Ehrgefühl, Rache oder Lust
VON BERND MÜLLENDER
Wir wissen nicht, ob Kölns Stürmerstar Lukas Podolski die Aussage "Ich habe viele Sexphantasien" heftig bejaht hat. Oder welchen Wert von -3 bis +3 der Mainzer Torwart Dimo Wache bei "Ich liebe Partys" angekreuzt hat. Und wie mag sich Aachens Haudegen Willi Landgraf entschieden haben bei "Ich mag das Gefühl, dass mich meine Familie braucht" oder zum Bekenntnis "Ich schlage zurück, wenn ich angegriffen werde?" Tatsache aber ist: In den vergangenen Monaten haben die Spieler von vier Erst- und Zweitligisten an einem Trainingstag im Zweikampf mit sich selbst geschwitzt. Jeweils 128 Aussagen wurden zu einem Persönlichkeits-Diagramm verdichtet, das "die komplette Motiv- und Antriebsstruktur" eines Menschen abbilden soll. 16 Bedürfnisse gibt es in diesem "Reiss-Profil", das sind etwa Neugier, Anerkennung, Idealismus, Status, Eros oder Ruhe. Das Verfahren, entwickelt vom US-Psychologen Prof. Steven Reiss (Ohio State University), gilt als sehr seriös und hochvalide.
Vertragspartner der Clubs ist in Zusammenarbeit mit der Uni Witten-Herdecke und der Sporthochschule Köln die Aachener Unternehmensberatung Pro-fil. Deren Leiter, Diplomsportlehrer Peter Boltersdorf (52), erläutert: "Mit diesem Test können wir Motivation sehr genau personalisieren. Auch wenn alle das gleiche Ziel haben, etwa das nächste Spiel zu gewinnen - Leistungsmotivation ist immer individuell und oft sehr verschieden. So was wie Mannschaft gibt es nur virtuell." Aus dem seelischen Fingerabdruck der einzelnen Kicker lassen sich grundsätzliche Lebensmotive filtern. Zum Beispiel, ob jemandem Prestige wichtiger ist als Lob oder Ratschläge, ob Geld mehr bedeutet als gute Gespräche oder Sicherheit. Will ich Everybody's Darling sein: "Ich tue vieles, damit mich die anderen mögen" - eher ja, eher nein? Ist mir Ordnung wichtig: "Ich hasse Schlampereien." Ziel der Analyse ist Leistungsoptimierung.
Boltersdorfs erster Kunde war Mainz 05. Trainer Jürgen Klopp war von der Idee gleich angetan. Boltersdorf, früher selbst Badminton-Ranglistenspieler und dann Trainer, appelliert an die Übungsleiter: "Gleichbehandlung der Spieler heißt nicht gleich behandeln, sondern immer individuell." Folglich seien "Gemeinschafts-Appelle nach dem Motto: Wir müssen... oder: Es geht um die Existenz" oft abstoßend und wenig zielfördernd. Wer nach alter Art undifferenziert Ehrgefühle anspricht oder die Umkleideräume mit Geldscheinen tapeziert, erreiche "immer nur einen Teil der Spieler." US-Forscher Reiss warnt vor "selbstbezogener Wertetyrannei." Wenn ein Spieler sein volles Potential nur abrufe, um den Frauen auf der Haupttribüne zu gefallen, "sollte man das nicht bewerten", so Boltersdorf, "aber wissen."
An die Öffentlichkeit gelangte das sensible Thema bislang nicht. "In Köln", sagt der Projektleiter, "haben wir befürchtet, dass gleich ein Boulevardblatt Wind bekommt und schlagzeilt: FC fragt seine Spieler nach Sexleben aus..." Auch abseits solch billiger Reizreflexe (ganze acht der 128 Fragen haben mit Erotik zu tun) kratzen psychologische Tests in der harten Männerwelt des Fußballs noch immer an Tabus. Es gebe halt, so Boltersdorf, "viele negativ besetzte Stichworte wie Mentaltrainer, Gurus, Kontrollverlust."
Trainer Klopp berichtet, sein Personal sei "sehr interessiert. Die Ergebnisse sind extrem aufschlussreich, besonders in Bereichen wie Ruhebedürfnis und Stressresistenz." Auch Alemannia Aachens Coach Dieter Hecking freute sich, "wie ernsthaft alle damit umgegangen sind." Die Spieler hätten gemerkt, dass sie mit dem Reiss-Test "lernen können, neu über sich nachzudenken, auch in anderen Lebensbereichen." Bei Fußballern, sagt Boltersdorf, sei Familie überdurchschnittlich hoch gewichtet und Kategorien von Ehre und Rache "überraschend niedrig" - beide Erkenntnisse stimmen mit Reiss-Daten aus der US-Football-League überein. Boltersdorf zeigt eine (anonyme) Teamgrafik: "Spieler NM 6" hat bei Ehre/Rache deutlich auffällige Pluswerte, ein statistischer Ausreißer. "Und das ist", sagt Boltersdorf, "nicht zufällig der Kartenkönig dieses Teams. Jetzt muss der Trainer zusehen, wie er mit dem arbeitet." Seine Firma helfe dabei "mit Analysen."
Wenn Coaches gecoacht werden, brauchen sie keinen Motivationstrainer mehr, sondern werden nebenbei selber einer. Der alte Feldwebel am Seitenrand hat immer mehr ausgedient. Boltersdorf greift hoch: "Das ist doch eine Revolution im Sport." Durch die Testergebnisse bekommen Spieler mehr individuelle Aufmerksamkeit, was Aachens Kapitän Erik Meijer ("mit so einem Test weißt du, wie du echt bist") zu schätzen weiß: "Der Trainer hat 23 verschiedene Charaktere; der eine kann mit Kritik gut umgehen, der andere braucht dauernd Streicheleinheiten." Die untersuchten Elfen seien auffallend unterschiedlich, berichtet Boltersdorf, vor allem in den Lebensmotiven Neugier, Anerkennung oder Macht.
Aachens ewiger Willi Landgraf erklärt laut lachend zur Frage mit den Sexphantasien: "Also ehrlich, ich glaub, die hab ich ausgeklammert." Peter Boltersdorf hat beim Blick auf die aktuellen Tabellen eine andere Phantasie: "Vielleicht hat das ja auch etwas mit unserer Arbeit zu tun."
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Dokument erstellt am 15.12.2004 um 16:36:38 Uhr
Erscheinungsdatum 16.12.2004
Alexander Reyss, Reiss-Profil Master und Coach
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