Nachdem ich die satirische SEPA-Posse veröffentlichte, fragten mich einige interessierte Mitbürger, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Das sei ja total überzogen.
Aber es kamen auch Stimmen von Beratern aus dem Umfeld, die meinten: „hoffentlich haben Sie nicht Recht“ oder „es kommt ja alles so plötzlich.“ Mit dieser Retrospektive zeige ich Ihnen auf, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, und zwar aus Sicht der Banken. Alle genannten Personen sind frei erfunden, spiegeln aber in überspitzter Form eigene Erfahrungen wider, Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Personen sind daher durchaus möglich. Ein weiterer Rückblick aus Sicht der Bankkunden finden Sie auch in diesem Theater.
Do., 11. November 2010, 12 Uhr
Das Rechenzentrum der Sparkasse übernimmt von Regionalrechenzentrum die neuen SEPA-Programme und installiert sie im eigenen Netzwerk. Die Tests laufen erfolgreich und einen Tag später meldet die Sparkasse sich bei der Zentralbank als SEPA-ready.
Mo., 9. Juli 2012, 9 Uhr
Susanne F., Mitarbeiterin der Raiffeisenbank Sauenmast in Huckriede, erhält einen Anruf von Frau U. von der Volksgenossenschaft Stenkelfeld von 1933. Sie habe ein Schreiben von der Bank erhalten, in dem irgendetwas stünde über neue Geschäftsbedingungen, SEPA, ISO, XML und andere Abkürzungen, und fragt sich, was das zu bedeuten habe. Frau F. rät der Kundin, das Kleingedruckte nicht zu lesen, denn das würde die Augen verderben.
Sa. 11. August 2012, 6.30 Uhr
Kick-Off-Veranstaltung des SEPA-Projektes bei der Sparkasse Stenkelfeld. Alle Mitarbeiter wurden aufgefordert, die Veranstaltung an einem Samstagvormittag zu besuchen. Auf Nachfrage des Personalrats, ob es für den Samstag auch Arbeitszeitausgleich gäbe, hatte der Sparkassenvorstand mitgeteilt, dass man von seinen Mitarbeitern erwarte, zu solchen Veranstaltungen freudig zu erscheinen. Die Sparkassenangestellte Beate U. hatte aber ihren Söhnen Fritz und John versprochen, zu deren Baseball-Punktspiel zu erscheinen. Damit das Wegbleiben nicht so doof aussieht, hatte sie bei ihrem Vertrauens-Arzt schon für Freitag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erwirkt.
Mo. 13. August 2012, 11 Uhr
Der erfolglose Unternehmensberater Dr. S. eröffnet bei der Sparkasse ein Schließfach, um seine Währungsreserven zu verstauen. Ihm fällt auf, dass das Formular für den Einzug der jährlichen Miete noch nicht SEPA-tauglich ist und er fragt nach. Die Bankbeamtin Beate U. erwidert: „aber das ist doch bloß für Auslandszahlungen“. Wäre sie am Wochenende nicht „krank“ gewesen, hätte sie eine andere Antwort gegeben.
Mi., 19. September 2012, 17.30 Uhr
Betriebsversammlung der Raiffeisenbank Sauenmast. Zunächst berichtete der Vorstand vom durchwachsenen abgeschlossenen Geschäftsjahr, dem Rückgang der abgeschlossenen Bausparverträge, Sonderposten im Kreditgeschäft und schließlich über Risiken im Online-Banking. Danach berichtete der Betriebsrat von der neuen Betriebsvereinbarung für die Mitarbeiter-Kantine, Zuschüssen zu den Bustickets und die neue Radfahrer-Dusche im Verwaltungsgebäude. Die Jugend- und Auszubildenen-Vetretung berichtete über die neuen Kurse an der Berufsschule. In der Aussprache fragte ein Mitarbeiter nach SEPA, worauf der Vorstand auf die neue Dienstanweisung hinwies, die nächste Woche veröffentlicht werden solle. Abschließend spielte das Raiffeisenbläsergruppe „Halali“ die Nationalhymne.
Do., 18. Oktober 2012, 16 Uhr
In der Filiale Stenkelfeld der Sparkasse findet eine zwölfminütige Kurzinfo über den Zahlungsverkehr der Zukunft statt. Der IT-Nerd Hubert K. aus dem Rechenzentrum, der noch nie vor mehr Leuten als seinen beiden Eltern eine Rede gehalten hat, kopierte einfach die Dienstanweisung in die Powerpoint-Datei und las diese im Besprechungsraum von der Wand ab. Dies gab ihm zusätzlichen Halt. Nachfragen gab es keine. Nach Beendigung der Besprechung musste der 60-jährige stellvertretende Filialleiter Friedrich F. geweckt werden.
Di., 13. November 2012, 12 Uhr
In der Kreditabteilung der Raiffeisenbank fragt der Auszubildende Kevin A. den Ausbildungsleiter mit einem merkwürdigen Unterton, ob die Mitarbeiter der Kreditabteilung auch zu diesen SEPA-Veranstaltungen gehen dürften. Am selben Nachmittag durfte er in der Personalabteilung seine Papiere abholen.
Mo., 10. Dezember 2012, 11 Uhr
Ein SEPA-Lenkungsausschuss wird bei der Sparkasse ins Leben gerufen, geleitet von Hubert K. aus dem Rechenzentrum. Er schlägt eine Umfrage unter den Kunden vor, wie weit sie mit der Vorbereitung auf den neuen Zahlungsverkehr seien. Der Vorstand lobt die weitsichtige Arbeit der Projektgruppe.
Mo., 14. Januar 2013, 6 Uhr
Die Raiffeisenbank launcht in ihrem Online-Banking das neue SEPA-Modul. Ab jetzt können Kunden inländische und europäische Überweisungen in der gleichen Maske tätigen. Zwei Privatkunden fangen sofort an, die neuen Zahlungsmethoden zu nutzen: der Lehrer L. und der erfolglose Unternehmensberater Dr. S. Ansonsten nutzen die anderen Kunden weiterhin die bekannten Verfahren, da sie ja noch funktionieren.
Fr., 1. März 2013, 8 Uhr
Die Poststelle der Sparkasse schickt den Rundbrief als Serienbrief an seine Geschäftskunden. Um Porto zu sparen, hat sich die Sparkasse entschieden, die Kunden zu bitten auf der Internetseite an einer Umfrage teilzunehmen. Durch einen Eingabefehler wird die geplante Nachfassaktion im elektronischen Kalender der Sparkasse für den 1. April 2015 terminiert. Es gehen drei Antworten ein, zwei davon von Unternehmensberatern, die nur mal so schauen wollen, wie weit die Banken mit ihren Vorbereitungen zu SEPA schon sind.
Mi., 7. August 2013, 15 Uhr
Pauline C., Auszubildende bei der Raiffeisenbank, ist für zwei Wochen im Rechenzentrum eingesetzt. Sie sieht dort, wie Disketten in Laufwerke geschoben werden und Zahlungsdateien eingelesen werden. Der zuständige Mitarbeiter Dietmar V. erklärt ihr, dass diese Aufgabe 2014 wegfallen wird und er sich deshalb schon auf den Vorruhestand freut. Auf die Frage der Auszubildenden, wieso die Aufgabe wegfallen würde, wusste V. keine Antwort. Sein Kollege Hubert K. könne dazu mehr sagen, er sei aber zwei Wochen krankgeschrieben.
Do., 3. Oktober 2013, 14 Uhr
Vorstandsbesprechung bei der Raiffeisenbank Sauenmast in Huckriede. Der Vorstand teilt den anwesenden Abteilungsleitern die neuen Zahlen mit: 5% mehr Bausparverträge, 10% mehr Lebensversicherungen, 8% neue Kreditkarten, 25% mehr Baufinanzierungen, 3% mehr Girokonten. Diese Zahlen würden auf die Bezirke heruntergebrochen. Auf die Nachfrage des Leiters des Raiffeisenrechenzentrum Hans-Peter K., ob es schon eine Planung für die Überleitung der Firmenkunden zu SEPA gäbe, verweist der Vorstand auf die Dienstanweisung zu diesem Thema.
Mo., 11. November 2013, 11 Uhr
In einer Leiter-Besprechung der Sparkasse bittet das Rechenzentrum die Firmenkundenabteilung, ob sie ein paar Testkunden einladen könnten, die neuen SEPA-Module im Echtbetrieb zu testen. Der Firmenkundenbetreuungsbereichsleiter Otmar Ö. verspricht, das Anliegen in seiner Abteilung zu kommunizieren. 11 Minuten später werden Tee und etwas Gebäck gereicht.
Fr., 3. Januar 2014, 9.30 Uhr
Der Vorstand der Sparkasse führt ein neues Qualitätssicherungsprogramm ein. Die Mitarbeiter sind aufgerufen, sich ernsthaft mit ihren Kunden auseinanderzusetzen und echtes Interesse an den Umständen vorzutäuschen. Sparkassen-Direktor Sch., der gerade zuvor von einem Zeitmanagement-Training zurückgekehrt ist, trägt sich für nächsten Montag in seinen Terminkalender: Montag 6.1., 7.30 Uhr Interesse zeigen.
Mo., 6. Januar 2014, 11 Uhr
Der Raiffeisenbundesverband verkündet stolz, dass 95% seiner Kunden bereits SEPA nutzen würden. Zu spät fällt auf, dass es sich nur um einen Kommafehler handelt. Richtig wäre 9,5% gewesen. Dass es sich dabei hauptsächlich um große Konzerne wie Versicherungen handelt, die genug Geld für große SEPA-Projekte hatten, geht im allgemeinen Jubel um das geschönte Ergebnis unter.
Fr., 31. Januar 2014, 15.30 Uhr
Dietmar V. im Rechenzentrum schiebt die letzte Zahlungsdiskette eines Kunden in den Rechner, bevor er in den Ruhestand geht. Hubert K. hat heute Nachtschicht, weil er abends die Altanwendungen im Zahlungsverkehr abstellen soll und das neue Programm „sichere Umrechnung“ aktiviert. Alles läuft wie getestet und geplant. Nächsten Montag wird sich zeigen, ob die Tests der vergangenen Wochen und Monate auch im Echtbetrieb laufen würden. Ein wenig wundert sich K. schon, dass bis jetzt so wenig Kunden die neuen Verfahren genutzt hatten.
Niemand bei den Banken in Stenkelfeld hat bemerkt, dass das Wissen um SEPA gar nicht richtig beim Kunden angekommen ist. Ist ja auch Sache des Kunden sich darum zu kümmern, wie er seine Zahlungs- und Inkassoaufträge zur Bank schicken kann.
Was zur SEPA-Einführung geschieht, lesen Sie in dem Beitrag „Februar 2014 in Stenkelfeld: eine satirische SEPA-Posse“
Dieser Artikel spiegelt in überspitzter Form selbst gemachte Erfahrungen wider. Es bleibt zu wünschen übrig, dass die Bankkunden noch rechtzeitig aufwachen und noch rechtzeitig die Unterstützung zur SEPA-Einführung bei den Banken einfordern. In Stenkelfeld ist es jedenfalls irgendwie schief gelaufen.