Solarenergie im Nahen und Mittleren Osten bietet großes Potenzial
Interesse an Erneuerbaren Energien wächst / Zahlreiche Projekte / Von Christian Blumenthal
Köln (bfai) - Die Energieversorgung des Nahen und Mittleren Ostens sowie Europas könnte in einigen Jahrzehnten zu einem erheblichen Teil durch Solarenergie gedeckt werden. Prognosen zufolge wäre die MENA-Region in der Lage, 2050 ihren eigenen Energiebedarf zu 50% und den Europas zu 10 bis 25% aus Erneuerbaren Energien abdecken. Solarenergie wird dabei den größten Anteil stellen. Transportkapazitäten nach Europa befinden sich als Tiefseestromkabel schon im Bau oder in Form von Hochspannungsgleichstromleitungen in Planung. (Kontaktanschriften)
Für eine Nutzung der Solarenergie bieten die MENA (Middle East and North Africa)- Staaten günstige klimatische Bedingungen: In der Region kann man weitestgehend mit Sonnenschein im gesamten Jahr rechnen. Die Direkt-Sonneneinstrahlung pro qm liegt im Jahresdurchschnitt zwischen 2.000 bis 2.700 kWh und bei 9 h täglich. Zum Vergleich: In Deutschland betragen diese Zahlen etwa 1.050 kWh pro qm und 2,7 Stunden.
Geschäftschancen bestehen derzeit vor allem bei der Integration von Solaranlagen in Gebäude, etwa zur Klimatisierung, beim Bau und Betrieb von hybriden Kraftwerken sowie der Energieversorgung abgelegener Regionen im Rahmen staatlicher Elektrifizierungsprojekte.
Arabische Staaten wollen an die Spitze der Entwicklung
Drei Viertel der MENA-Länder sind Energieexporteure. Infolgedessen stehen Finanzmittel für Projekte im Bereich der Erneuerbaren Energien zur Verfügung, doch wird gegenwärtig in den entsprechenden Ländern mit Investitionen in anderen Sektoren, wie Down- und Upstreaminvestitionen, mehr Geld verdient. Nachteilig wirken sich zudem die subventionierten Energiepreise sowie ein relativ wenig ausgeprägtes Interesse an Fragen des Umweltschutzes aus.
Dennoch findet seit kurzem ein Umdenken in der Region statt, nicht zuletzt weil sich in einem Einsatz Erneuerbarer Energien handfeste Vorteile abzeichnen. Bestimmte Entwicklungen in der Region tragen in diesem Zusammenhang zu einem verstärkten Interesse an Solarenergie bei: Der Energieverbrauch steigt als Folge der städtischen Entwicklungen, des Tourismus, einer wachsenden Zahl von Autos, des Bedürfnises nach Klimatisierung und einer verstärkten Nutzung von Wasserentsalzungsanlagen deutlich an. Beispielsweise wird für Algerien eine jährlich Steigerung des Energiekonsums von etwa 6% vorhergesagt, in Marokko beträgt diese Zahl 8 bis 9% und in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sollen es für die nächsten drei Jahre zusammengenommen gar 60% sein.
In einer längerfristigen Perspektive ist der steigende Energiekonsum mit der Befürchtung einer sinkenden Öl- bzw. Gasförderung verbunden. In den MENA-Staaten hat sich daher die Erkenntnis durchgesetzt, dass man alternative Energiequellen braucht. Wie zahlreiche Projekte zeigen, versuchen die arabischen Ländern sich an die Spitze der Entwicklung zu setzen und weniger zum Technologie-Importeur zu werden. Deshalb stehen beim Einsatz von Solarenergie Kriterien der Effizienz, zumindest kurz- bis mittelfristig, nicht unbedingt im Vordergrund.
Bislang beschränkt sich die Nutzung der Solarenergie im alltäglichen Gebrauch zumeist auf den Betrieb von Klein(st)anlagen wie Parkschein-Automaten, Offshore-Bojen oder der Wassererhitzung in Hotels. Auf breiter Ebene könnte ein Einsatz von Solar-Klimatisierungsanlagen ein beträchtliches Marktsegment darstellen, da diese zu Spitzenzeiten 70% und im Durchschnitt mehr als 50% der Energie in den VAE verbrauchen. Doch ein solares Klimatisierungssystem kostet zur Zeit doppelt so viel wie eine Standard-Klimatisierung - bei gleicher Leistung.
Solaranlagen für Großgebäude
Dennoch werden auf der arabischen Halbinsel immer mehr Gebäude mit Solaranlagen ausgestattet, dabei spielen Prestige und Image sicherlich eine Rolle: Das erste Platin-Preis prämierte Öko-Gebäude im Nahen Osten wurde von Pacific Controls in Dubai medienwirksam eingeweiht.
Auch von staatlicher Seite werden ähnliche Projekte durchgeführt bzw. gefördert. So hat Dubai kürzlich mit dem Bau des Lighthouse begonnen, eines 400 m hohen Wolkenkratzers, der seinen Energie- und Wasserbedarf zu einem großen Teil aus eigenen Erneuerbaren Energiequellen decken soll. In dem vom Architekturbüro Atkins entworfenen Karbongebäude werden 4.000 Photovoltaikmodule (PV-Module) installiert.
Die zur staatlichen Dubai Holding gehörende Tecom Investment prüft die Möglichkeit, Solarenergie in ihre neuen Bauprojekte zu integrieren. Dabei wird vor allem der Einbau von PV-Modulen in Baumaterialien, wie Fenster, erwogen. Des Weiteren werden im Emirat Studien zum Einsatz von Solarenergie für Entsalzungsanlagen durchgeführt.
Entscheidend für den Erfolg der Solarenergie sind auch politische Rahmenbedingungen: In Tunesien, Algerien, Jordanien und Marokko gibt es bereits Gesetze, die konkrete Fördermaßnahmen für Erneuerbare Energien beinhalten. In Ägypten soll das Parlament 2008 ein auf dem deutschen Einspeisegesetz basierendes Energiegesetz verabschieden. In Dubai wird eine Behörde für Erneuerbare Energien gegründet, die sich mit der Erzeugung sauberer Energie, ökologischem Gebäudebau und der Einsparung von Elektrizität und Wasser befassen wird.
Insgesamt wollen fast alle Länder der Region den Anteil der Erneuerbaren Energien deutlich erhöhen; manchmal mit scheinbar bescheidenen Zielen wie Algerien, das 2020 etwa 10% seines Bedarfs über alternative Energiequellen decken will, im Falle Ägyptens sollen es zu diesem Zeitpunkt hingegen schon 17% sein und Marokko visiert 20% an. In den meisten Ländern liegt der Anteil der neuen Erneuerbaren Energien heutzutage nahe Null.
Milliarden-Projekt in Abu Dhabi
Als Vorreiter fördert Abu Dhabi die Entwicklung zu Erneuerbaren Energien: Mit der Masdar Initiative versucht das Emirat ab 2009 eine Industriestadt auf einer Fläche von 640 Hektar, in der mindestens 50.000 Menschen wohnen und arbeiten werden, nur mit Alternativen Energien zu versorgen. Daneben soll Masdar als Produktions- und Forschungsstandort die Nutzung der Solarenergie vorantreiben. Für den Standort stehen 5 Mrd. US$ zur Verfügung. Mit diesem Mitteln wird auch der Bau eines 100 MW Solarkraftwerks (auf 500 MW erweiterbar) im Wert von 350 Mio. US$ finanziert.
Aus deutscher Sicht nehmen an der Masdar Initiative die RWTH Aachen, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und das Unternehmen Conergy teil. Conergy soll dazu beitragen, Masdar zum führenden Anbieter von Photovoltaik-Systemen in der Region zu machen und die Bedingungen für eine kommerzielle Nutzung der Solartechnik zu schaffen.
Die staatlich geförderten Projekte in den anderen Ländern nehmen sich dagegen etwas bescheidener aus. In der Region werden Hybridkraftwerke gebaut, Kraftwerke, deren Produktion auf Solarenergie und Gas fußt. Seit Juli 2007 baut Algerien ein solches in Hassi R'Mel. Das Vorhaben sieht ein Forschungszentrum vor, an dem die DLR beteiligt ist. Das Kraftwerk wird eine Kapazität von 150 MW haben. Davon sollen 25 MW durch riesige Parabolspiegel, die eine Fläche von 180.000qm abdecken, erzeugt werden. Das spanische Unternehmen Abener hält 66% an dem 425 Mio. US$ Kraftwerksprojekt, als Baupartner und Betreiber ist das algerische PPP-Unternehmen New Energy Algeria (NEAL) mit im Boot. NEAL plant in Algerien ein zweites Hybridkraftwerk, zudem werden Diesel- zu Hybridkraftwerken ausgebaut.
Zukunftstechnologie Hybridkraftwerke
Ähnliche Pläne verfolgen Marokko, Libyen, Ägypten und Iran. Auch in Gaza oder Jordanien werden Hybridkraftwerke erwogen. In Ägypten soll 2009 das 150 MW Hybridkraftwerk Kuraymat in Betrieb genommen werden, ebenso wie das in Aïn Beni Mathar in Marokko. Letzteres wird eine Kapazität von 470 MW haben und etwa 469 Mio. Euro kosten. In Iran wird aller Voraussicht nach ein Kraftwerk mit einer Kapazität von 159 MW Gas-, 132 MW Dampf- und 17 MW Solarenergie im Jahr 2010 ans Netz gehen. Libyen baut in der Nähe von Tripolis ein Kraftwerk (12 MW), das zusätzlich eine Entsalzungsanlage mit einer Kapazität von 1.200 cbm pro Tag beinhalten wird. Die Aufträge für Bau und Betrieb gingen meist an südeuropäische Unternehmen.
Die Rentabilität von solarthermischen Anlagen ist mit steigenden Kapazitäten gegeben. Dr. Franz Trieb, Ingenieur bei der DLR, stellt dazu folgende Rechnung auf: Eine solarthermische Anlage produziert heute eine kWh für 0,14 bis 0,18 Euro. Mit einer Kapazität von 5.000 MW könnte der Preis zwischen 0,08 bis 0,12 Euro liegen und für 100 GW auf eine Preisspanne von 0,04 bis 0,06 Euro sinken
Zusätzliche Chancen ergeben sich durch die Elektrifizierung von ärmeren, abgelegenen Gegenden und einzelnen, staatlich geförderten Vorhaben. So wurden in Algerien bislang 18 Dörfer durch PV-Module mit Strom versorgt, bis 2009 sollen es 16 Dörfer mehr werden. Zwei dieser Projekte werden vom Ölkonzern BP betrieben. in Marokko, ist das spanische Unternehmen Isofoton seit 2005 mit der Installation von 34.500 PV-Modulen in 13 Provinzen (ein Gebiet von 100.000 qkm) beschäftigt.
Die Versorgung von ärmeren, abgelegenen Regionen mit Solarenergie ist ein schnell wachsender Markt, der aber Anschubsubventionen bedarf. So unterstützt der tunesische Staat mit seinem Programm Prosol seit 2005 die Installation von Solaranlagen zur Wassererhitzung. Dafür soll die Fläche der PV-Module bis 2009 um 300.000 auf dann 500.000 qm erweitert werden. Dieses Ziel hat Ägypten, das 70% der Module selbst herstellt, schon erreicht. Einsame Spitze in dieser Kategorie ist jedoch Jordanien mit 1,35 Mio. qm. (C.B.)
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Quelle: bfai.de