Steht ein Titandioxid-Verbot in Arzneimitteln laut CDU/CSU-Bundestagsfraktion nicht auf der Agenda?

Patientensicherheit hat weiter keine Priorität gegenüber den Interessen der Pharmaindustrie

Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, Rechtsanwalt Tino Sorge aus Magdeburg hat in einer Stellungnahme am 9. September 2022 erklärt, dass nach aktuellen Informationen Titandioxid bei Arzneimitteln nur in möglichst geringen Mengen, unter größter Vorsicht und strenger Kontrolle verwendet wird. Der Hilfsstoff, der in rund 91.000 Humanarzneimitteln und rund 800 Tierarzneimitteln zum Einsatz kommt und der seit 2022 in Lebensmitteln aufgrund unklarer Gesundheitsgefährdungen EU-weit grundsätzlich verboten ist, würde unter anderem für Tabletten benötigt, die für eine optimale Wirkung einen Schutzfilm haben müssten. Im Übrigen, so Tino Sorge weiter, seien die Qualitäts- und Sicherheitsvorschriften für die Arzneimittelherstellung noch einmal um ein Vielfaches strenger als jene für die Lebensmittelherstellung.

Die Aussage ist insoweit bemerkenswert, als es in den öffentlich zugänglichen Inhaltsangaben von Arzneimitteln überhaupt keine Mengenangaben zu eingesetzten Hilfsstoffen gibt, sondern nur pauschale Verwendungsangaben. Mithin ist die Aussage, dass Titandioxid in möglichst geringen Mengen verwendet würde, nicht belegbar und nicht belegt. Erkennbar ist überdies, dass bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion derzeit über ein Verbot von Titandioxid in Arzneimitteln nicht nachgedacht wird. Dies deckt sich auch mit einer früheren Erklärung des CDU-Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel, der bemerkte, dass von den geringen Mengen Titandioxid in Medikamenten kein Gesundheitsrisiko ausgehe, ohne jedoch anzugeben, welche Mengen als gering oder nicht gering anzusehen seien.

Der FDP-Vertreter im Gesundheitsausschuss, Maximilian Funke-Kaiser, hatte bereits im Januar 2022 erklärt, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) 2021 gegenüber pharmazeutischen Herstellern appellierte, einen Ersatzstoff zu entwickeln. Funke-Kaiser bemerkte damals, es gäbe bereits Beispiele dafür, dass dies klappen kann. So gäbe es beispielsweise Ibuprofen-Alternativen, die ohne Titandioxid auskommen und sofern diese Entwicklung voranschreite, könne auch ein Verbot von Titandioxid durchgeführt werden. Der Vertreter von Bündnis90/Grüne im Gesundheitsausschuss, Dr. Janosch Dahmen, hatte ebenfalls im Januar 2022 bereits die Entwicklung eines Ausstiegsszenarios angeregt, das den Arzneimittelherstellern die Möglichkeit gibt, ihre Präparate Wissenschaftsbasiert neu zu formulieren und erklärt, begonnen werden könne sehr rasch mit den Arzneimitteln, für die bereits Alternativen zu Titandioxid existierten. Die SPD-Abgeordnete Heike Baehrens, ebenfalls Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages, war in ihren Aussagen konkreter, indem sie angab, dass so gut wie alle oralen Arzneiformen, also Tabletten, Weichkapseln, Hartkapseln, Granulate etc. betroffen seien und hatte ihre Hoffnung erklärt, dass es schnell zum Abschluss von Überprüfungsverfahren unter Einbindung der beteiligten Bundesministerien, des Bundesamtes für Risikobewertung und der EMA käme. Der Gesundheitspolitiker Prof. Dr. Andrew Ullmann (FDP), der mit Hinweis auf seine ärztliche Expertise ein Verbot von Titandioxid in Lebensmitteln gut findet, begrüsst es auch, dass die Pharmaindustrie aufgerufen ist, Alternativen zu prüfen und man spätestens in drei Jahren noch einmal ein Titandioxid-Verbot in Arzneimitteln besprechen werde. Dies hatte der Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Prof. Dr. Edgar Franke, ebenfalls unterstrichen und mit Hinweis auf das wirksame Verbot von Titandioxid in Lebensmitteln die mögliche Genotoxizität angeführt, die nicht ausgeschlossen worden war.

Ausgangspunkt für die zwischenzeitlich rund 15 Einzelstellungnahmen aus Politik und Industrie war die im Sommer 2021 von DOPANET Wissen & Kommunikation in Berlin aufgeworfene Frage nach der Priorisierung von Patientensicherheit im Kontext zu mutmasslichen Gesundheitsgefährdungen durch Titandioxid in Arzneimitteln. Der Wissenschaftsjournalist Martin Rücker, der das Thema daraufhin damals aufgriff, wurde unlängst für seinen MEDWATCH-Artikel zu Titandioxid in Arzneimitteln mit dem Ulrich-Schwabe-Preis geehrt. Das europaweite Verbot von Titandioxid in Lebensmitteln ist seit Anfang 2022 wirksam und hat die Struktur und Breite der Angebotspaletten nicht verändert. Die Lebensmittelindustrie hat die Inhaltsstrukturen ohne Verluste umgestellt. Die Pharmaindustrie lässt bisher kaum Bereitschaft erkennen, Titandioxid aus den Rezepturen zu entfernen.

Für mehr Informationen: www.titandioxid.org

Text: ©DOPANET Wissen & Kommunikation, Landsberger Allee 131c, 10369 Berlin

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