Strategien zur Gangverbesserung bei Parkinson individualisieren

Von Dr. Melanie Klingler

Gangstörungen bei Parkinson zeigen ein moderates Ansprechen auf Medikamente und die tiefe Hirnstimulation. Daher rücken Kompensationsstrategien zur Gangverbesserung zunehmend in den Vordergrund. Eine systematische Beurteilung verschiedener Strategien liegt nun vor.

Hintergrund

Bewegungsstörungen stellen eine häufige Symptomatik bei Parkinson dar. Neben Rigor, Tremor, Brady- und Hypokinese sowie posturaler Instabilität können auch Gangstörungen vorkommen. Im Verlauf der Erkrankung können Freezing of Gait (FOG)-Blockaden auftreten – eine plötzlich einsetzende und wenige Sekunden andauernde Blockade des Ganges. Gangstörungen schränken die Mobilität der Patienten ein, die Angst vor Stürzen steigt. Viele Patienten bewegen sich deshalb weniger. Dabei bedingen sich Angst und Immobilität gegenseitig. Die Lebensqualität der Betroffenen sinkt.

Medikamente und Hirnstimulation bei Gangstörungen

Bei Gangstörungen zeigen dopaminerge Medikamente und die tiefe Hirnstimulation nur eine moderate Wirkung. Die Anwendung von Kompensationsstrategien zur Gangverbesserung gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Oft eignen sich die Patienten selbstständig solche Kompensationsstrategien an, beispielsweise Laufen im Takt von Musik, Zählen während dem Laufen oder Rückwärtsgehen.

Cueing und andere Strategien zur Gangverbesserung bei Parkinson

Wissenschaftlich untersucht wurden diese Strategien zur Gangverbesserung bislang kaum systematisch. Meist handelt es sich um Fallberichte. Lediglich die Wirkung von externen Schrittmachern – sogenannten externen Cueings – durch äußere visuelle, akustische oder taktile Reize, wurde bislang systematisch untersucht. Im Jahr 2021 veröffentlichte eine Forschergruppe aus den Niederlanden eine Studie, in welcher insgesamt sieben Strategien zur Gangverbesserung bei über 4.000 Parkinson-Patienten untersucht wurden [1]. Die Strategien umfassten: externe Anhaltspunkte (auf einer Linie laufen, Takt eines Metronoms nutzen), interne Anhaltspunkte (in Gedanken beim Laufen mitzählen), Veränderung des mentalen Zustandes (Atemübungen, Entspannungstechniken), Bewegungsabläufe beobachten oder vorstellen, neue Bewegungsmuster anwenden (hüpfen, rückwärtslaufen) und die Verwendung anderer Bewegungsformen (Fahrradfahren, krabbeln). Ein Ergebnis dieser Studie war, dass nicht jede Strategie für alle Patienten gleich gut wirkt. Demnach ist ein individuell angepasstes Vorgehen notwendig.

Zielsetzung

Wie dieser individualisierte Ansatz aussehen kann, untersuchte die gleiche Forschergruppe in einer Folgestudie, die nun im Fachjournal „Neurology“ publiziert wurde [2]. Das Team um Dr. Anouk Tosserams vom Radboud University Medical Centre Nijmegen, Niederlande, verfolgte in dieser Studie drei Ziele: 1. Erhebung der Patientensicht bezüglich Wirksamkeit und Anwendbarkeit fünf unterschiedlicher Kompensationsstrategien; 2. Quantifizierung der Wirkung dieser Strategien auf sogenannte spatiotemporale Gangparameter (u.a. Schrittlänge und -zeit); 3. Untersuchung der Assoziation zwischen der Wirkung der verschiedenen Strategien und Patientencharakteristika.

Methodik

In die Studie wurden Patienten mit Parkinson und selbst-berichteten Gangstörungen eingeschlossen. Zur Datenerfassung wurden Fragebögen (New Freezing of Gait Questionnaire [NFOG-Q], Vividness of Movement Imagery Questionnaire [VMIQ-2], Goldsmiths Musical Sophistication Index [GMSI]), kognitive Assessments (Montreal Cognitive Assessment [MoCA], Attentional Network Test [ANT], Brixton Spatial Anticipation Test [Brixton]) sowie Scores und Tests zur Evaluierung des physischen Status der Patienten (MDS-Unified Parkinson's Disease Rating Scale Teil III [MDS-UPDRS III], Mini-Balance Evaluation Systems Test [Mini-BEST], Tandemstand, Rapid Turns Test) angewendet.

Die Gangbeurteilung wurde auf einer 6 Meter langen Strecke in sechs Runden zu jeweils 3 Minuten durchgeführt. Verglichen wurden die fünf folgenden Strategien: Externe Stimulation durch ein Metronom, interne Stimulation (rhythmisches Zählen), Beobachten und Nachahmen von Bewegung einer gehenden Person, intensive Vorstellung einer gehenden Person und Annehmen eines neuen Gangmusters mit starkem Schwingen der Arme. Die spatiotemporalen Gangparameter wurden mittels 3D-Bewegungsanalyse gemessen. Die Wirkung der jeweiligen Strategie zur Gangverbesserung wurde bestimmt, indem Änderungen der Gangvariabilität im Vergleich zur Baseline erfasst wurden. Die Patientencharakteristika wurden mittels Regressionsanalyse evaluiert.

Ergebnisse

Insgesamt gingen 101 Teilnehmer in die Studie ein (51 Frauen; medianes Alter 66 Jahre). Die Wirkung der verschiedenen Strategien zur Gangverbesserung variierten stark zwischen den Teilnehmern. Teilnehmer mit einer stärkeren Gangvariabilität bei der Baseline-Erhebung zeigten deutlichere Verbesserungen durch die Kompensationsstrategien. Patienten ohne FOG, mit niedrigeren MDS-UPDRS III Scores, besserem Gleichgewicht und höherer Aufmerksamkeit zeigten eine stärkere Verbesserung der Gangvariabilität. Bei Patienten mit einem höheren MoCA-Score erwies sich die externe Stimulation als besonders wirksam.

Fazit

Die Studienergebnisse unterstützen den Einsatz von Kompensationsstrategien zur Gangrehabilitation bei Parkinson. Gleichzeitig unterstreichen sie die Bedeutung einer individuellen Herangehensweise. Nicht jede Strategie zeigte bei allen Patienten die gleiche Wirksamkeit. Dabei scheinen kognitive und funktionelle Reserven eine Rolle zu spielen.

Quellen

Autor:

Dr. Melanie Klingler (Medizinjournalistin)

Stand:

01.11.2022