Knapp ein Vierteljahr nach dem Rücktritt von Konzernchef Heinrich Hiesinger spielt Thyssen-Krupp eine strategische Neuausrichtung durch. Zu den Optionen gehöre eine Abtrennung von Geschäftsteilen, sagten mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters.
Eine Entscheidung könne bereits am Wochenende fallen. "Es ist alles im Fluss. Es gibt verschiedene Varianten", sagte ein Insider. Der Konzern lehnte eine Stellungnahme dazu ab. Thyssen-Krupp steht unter dem Druck von Investoren wie den beiden Großaktionären Cevian und Elliott, die mehr Rendite fordern. Zu den Geschäften gehören neben der Stahlsparte der Anlagenbau, der Werkstoffhandel, Autoteile, Aufzüge und die Marinesparte mit dem U-Bootbau.
Hiesingers Nachfolger Guido Kerkhoff hatte angekündigt, die Geschäfte profitabler aufzustellen. "Für uns alle gilt: Wir müssen in Zukunft deutlich mehr Geld verdienen als bisher", schrieb er in einem Reuters vorliegenden Mitarbeiterbrief. Unklar ist aber, ob der langjährige Finanzchef und Vertraute Hiesingers an der Konzern-Spitze bleiben wird. Er wurde berufen, "bis der Aufsichtsrat den strukturierten Prozess zur Findung eines Nachfolgers für Dr. Heinrich Hiesinger abgeschlossen hat." Wenige Tage nach Hiesinger war auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner zurückgetreten. Seine Nachfolge ist ebenfalls noch nicht geklärt. Mehrere Kandidaten hatten abgesagt.
Die Aktie zog stark an
An der Börse zogen die Thyssen-Krupp-Aktien kräftig an und setzten sich mit einem Plus von bis zu 9,1 Prozent an die Dax-Spitze. "Die Nachricht hat der Aktie neue Fantasie eingehaucht", sagte ein Händler. "Die Hoffnung auf diesen Schritt, der den Unternehmenswert erhöhen würde, war zuletzt wegen der Führungskrise in dem Konzern wieder ausgepreist worden." Ein anderer Händler fügte hinzu, es gehe vor allem darum, Thyssen aus dem "Dornröschenschlaf" zu wecken.
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Kerkhoff hatte wenige Wochen nach dem Rücktritt Hiesingers die Prognose für das am Sonntag endende Geschäftsjahr 2017/18 eindampfen müssen. Sorgenkind ist derzeit die Sparte Industrial Solutions mit dem Anlagenbau und der Marinesparte. Das Stahlgeschäft soll in ein Joint Venture mit Tata Steel abgestoßen werden. Es könnte später teilweise an die Börse gebracht werden. Als möglicher Kandidat für einen Verkauf gilt der Werkstoffhandel, an dem bereits KlöCo Interesse angemeldet hat. Auch die Marinesparte mit dem U-Bootbau gilt nicht mehr als sakrosankt. Perle des Konzerns ist die Aufzugssparte. Hier hatte in der Vergangenheit der finnische Konkurrent Kone angeklopft. Reuters