Das Zustandekommen der Zukunftswerkstatt (Ende September 2017 in Goslar, Niedersachsen) ist ein gutes Beispiel für ein funktionierendes Netzwerk von Zukunftswerkstätten. Über langjährige Zusammenarbeit mit einer Kollegin aus Hamburg und einem Kollegen aus Krefeld landete die Aufgabe, diese im Rahmen der Interkulturellen Woche zu moderieren, schließlich bei Petra Eickhoff und mir aus Köln. Aus der vorbildlich gestalteten 20-seitigen Dokumentation der Akademie St. Jakobushaus in Goslar will ich einige Passagen zitieren und damit anregen, Zukunftswerkstätten auch im eigenen Umfeld politischer Bildung und sozialer Entwicklungen zu nutzen.
Vorwort (Auszug)

>>Wir leben in bewegten Zeiten. Die Einwanderung von Geflüchteten gepaart mit dem Anstieg rechtspopulistischer Stimmen in der Öffentlichkeit führt zu Veränderungen in der Gesellschaft. Diese sind auch in Goslar zu spüren. Wie wollen wir in Goslar leben? Was läuft gut, was nicht so gut? Was wünschen wir uns jetzt und für die Zukunft? Was sind unsere Vorstellungen von einem friedlichen und vielfältigen Miteinander in der Stadt?
>>Um diese Fragen drehte sich die Zukunftswerkstatt, die während der Interkulturellen Wochen am Samstag, 30. September 2017 auf Einladung von Dr. Theresa Beilschmidt, Referentin der Akademie St. Jakobushaus, dem Stadtjugendpfleger Martin Sänger und der Integrationsbeauftragten der Stadt Goslar, Galina Gerhart, stattfand.
>>Das Zusammenleben in Goslar betrifft jede_n Einwohner_in. Es sollten Strategien und Projekte entwickelt werden und den Bürger_innen von Goslar ein Forum zum Gedanken- und Ideenaustausch geboten werden. Mit dieser Veranstaltung ist der Anfang für die Verbesserung des Zusammenlebens in Goslar gemacht. Nun muss weiter gemeinsam an den Projekten und Ideen gearbeitet werden. Denn, so Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk, „da, wo sich Menschen begegnen, ist die Stadt am Leben“.
>>Realisiert wurde die Veranstaltung durch die finanzielle Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ http://www.demokratie-leben.de
Was ist eine Zukunftswerkstatt? (Auszug)

>>Das Modell Zukunftswerkstatt [...] ist ein gruppenorientiertes Problemlösungsverfahren, bei dem alle Teilnehmenden gleichermaßen an einer nachhaltigen, friedlichen und gerechten Zukunft arbeiten. In der Zukunftswerkstatt soll auf innovative Weise ein zukunftsorientiertes Lernen praktiziert werden. Durch das utopische Überschreiten der Gegenwart werden Wege in eine alternative Zukunft aufgezeigt. Dadurch finden Prozesse der Bürger_innenbeteiligung und Demokratisierung statt. Politik wird als gestaltbar erlebt, Partizipation wird durch Antizipation ermöglicht. Dies führt zur (Wieder-) Erlangung von Handlungskompetenz, das selbstbestimmte Lernen eröffnet Perspektiven der Zukunft, die zuvor als unmöglich oder zu weit weg empfunden wurden. Somit sind Zukunftswerkstätten ein wichtiger Teil der politischen Bildung, da sie zur politischen Aktion befähigen und motivieren. In den verschiedenen Phasen der Zukunftswerkstatt werden sachliche, soziale sowie pädagogische Kompetenz, Reflexivität, Wahrnehmungsfähigkeit und Kreativität vermittelt und eingeübt.
Drei Projektgruppen entstanden: (Überblick)

>>Die Projektgruppe „Goslar Barrierefrei“ setzt sich für eine barrierefreie Stadt ein, damit Goslar sowohl für Menschen mit Behinderung, als auch für Familien mit Kinderwagen attraktiv wird.
>>Die Projektgruppe „Jam Session International“ möchte den Austausch von Menschen verschiedenster Nationen fördern. Dazu soll einmal pro Monat eine Jam Session, ein Zusammentreffen von Menschen, die gemeinsam Musik machen, im Café International veranstaltet werden.
>>Die Projektgruppe „Informationssystem für Goslar“ setzt sich vor dem Hintergrund „1000 gute Angebote und keiner weiß Bescheid“ für eine zentrale Informationsstelle für kleine und große Veranstaltungen im Raum Goslar ein. Die Informationen sollen in Form von Infobildschirmen oder Apps verbreitet werden.
>>Die Projektgruppe „Stadtentwicklung von unten - Begegnungen ermöglichen“ setzt sich für eine besser vernetzte „Soziale Stadt“ ein.
Austausch und Feedback: (Auszug)

>>Die Teilnehmer_innen resümierten einen durchweg zufriedenen, zuversichtlichen und harmonischen Ausgang der Veranstaltung. Die Tagung wurde den am Morgen geäußerten Wünschen gerecht, da sie nicht aus klassischen Vorträgen bestand, sondern durch viel interaktive Teamarbeit, Kreativität und freien Entfaltungsmöglichkeiten eine neue Art zu arbeiten und des Austausches bot.
>>Damit die Projektideen [...] in die Goslarsche Welt getragen werden, gab es am Abend ein Pressegespräch, zu dem auch Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk eingeladen war. [... Er] zeigte sich positiv überrascht von der großen Anzahl an engagierten Teilnehmer_innen und stellte vor allem die konkrete Planung der Ideen heraus.
Und wie geht es weiter? (Auszug)

>>Erfahrungsgemäß hat die Durchführung einer Zukunftswerkstatt mehrere Effekte zur Folge: Durch die gleichberechtigte und konstruktive Zusammenarbeit entsteht ein Demokratisierungseffekt, durch das spielerische Erarbeiten der Thematik ein Lerneffekt; im Zusammenspiel verschiedener Erfahrungshintergründe entstehen Synergien. Nicht zuletzt führt das kreative, partizipative Zusammenarbeiten zu einem neuen Motivationsschub.
>>Leider konnten an diesem Tag nicht alle aufgekommenen Ideen aufgenommen und umgesetzt werden. Eine Idee war das generationsübergreifende Wohnen, bei dem Jung und Alt sich gegenseitig unterstützen und in Kontakt kommen oder die Aktion „Freundliches Grüßen“, die auf mehr Freundlichkeit im Umgang untereinander abzielt. Andere Ideen waren „Brillenräume“, in denen man andere Kulturen und Milieus kennen lernen kann und durch eine „fremde Brille“ schaut. Oder das Projekt „Bunte Kochtöpfe“, bei dem Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern oder Regionen durch gemeinsames Kochen und Essen vereint werden und in Kontakt kommen. Einige Teilnehmer_innen äußerten den Wunsch nach kreativen und sportlichen Aktivitäten für Kinder, regionalen Wirtschaftskreisläufen mit eigener Regionalwährung oder einem „Politiker-Wachrüttel-Verein“.
Sprechen Sie die Referentinnen des St. Jakobushaus in Goslar oder das Moderations-Team von parto gUG an, wenn Sie einen Blick in die ganze Dokumentation werfen wollen. Ihre Kontaktadressen: "Ort der Bildung und der lebendigen Diskussion" http://www.jakobushaus.de/content/referentinnen-und-referenten , "Partizipation und Organisationentwicklung" http://www.part-o.de/profil-und-team
Zur Vertiefung empfehle ich diese drei Links:
* Zukunftswerkstatt in der Bürgerbeteiligung http://buergerbeteiligung.lpb-bw.de/zukunftswerkstatt.html
* Zukunftswerkstatt in der politischen Frauenbildung http://www.lpb-bw.de/publikationen/did_reihe/band18/frauen.htm
* Zukunftswerkstatt als Grundlagen-Methode der Politischen Bildung http://alt.politischebildung.ch/grundlagen/methoden/zukunftswerkstatt