...dass sie sich in einer ganz bestimmten Hinsicht "zurückentwickeln" und das aus guten Gründen.
Ich weiß nicht, wie viele von Euch mit den Konzepten der Transaktionsanalyse (TA) vertraut sind (http://de.wikipedia.org/wiki/Transaktionsanalyse). Dort gibt es das Konzept der Ich-Zustände, die wir ganz wesentlich in der Kindheit erlernen und zwar in der Interaktion mit unseren Eltern und mit anderen Erwachsenen. Auf diese Weise werden wir sehr unterschiedlich geprägt, denn wir sind ganz einfach unterschiedlich oft in den unterschiedlichen Ich-Zuständen. Also ein Kind, das häufig im "natürlichen Kind" sein darf, ist auch später als Erwachsener fähig, leicht und oft in diesen Ich-Zustand zu gehen. Ebenso Rebellisches Kind-Zustand, angepasstes-Kind-Zustand. Und auch umgekehrt: Die Eltern-Ich-Zustände, die wir erlebt haben, sind uns leichter zugänglich als die, die wir weniger oft erlebt haben: Fürsorgliches Eltern-Ich, Kritisches-Eltern-Ich und Erwachsenen-Ich. Das ganze basiert auch stark auf den Spiegelneuronen, d.h. man wird von außen angetriggert und geht dann fast reflexartig in den entsprechenden Ich-Zustand. Man kann damit natürlich bewusst umgehen und sein Spektrum als Erwachsener deutlich erweitern, aber die ursprüngliche Prägung aus der eigenen Kindheit wird für einen immer eine Rolle spielen - sie ist sozusagen der Ausgangspunkt, wenn wir in unsere beruflichen Umwelten gehen und dort die Transaktionen und Spiele unserer Kindheit weiterentwickeln. - Unter tätiger Mitwirkung des Umfelds, das wir dort vorfinden. Also: Welche Ich-Zustände dort, im beruflichen Kontext besonders häufig angetriggert werden.
In Konzernen scheint es so zu sein, dass der Ich-Zustand des "natürlichen Kinds" besonders selten angetriggert wird und Raum bekommt. Dagegen scheint das Kritische-Eltern-Ich besonders häufig vorzukommen - und entsprechend oft Verhaltensweisen aus dem Repertoir des angepassten oder des rebellischen Kinds auszulösen (das sind die Pendants des kritischen Eltern-Ich-Zustands).
Was wir aber immer wieder BESONDERS auffällt:
Die Vollversorgung, an die man sich in Konzernen gewöhnt. Also: Die ganzen Versicherungen, Regelungen, die Betriebs-Kita, die Benefits, die ständige Verfügbarkeit von Essen und Trinken, die Raumpflege, das Hauseigene Fitnessstudio, etc. --- hier wird AUF EINER SYSTEMISCHEN EBENE (also unabhängig vom Verhalten von Einzelpersonen) etwas Dauer-angetriggert, was stark an das FÜRSORGLICHE ELTERN-ICH erinnert. Mit den entsprechenden Wirkungen auf die Mitarbeiter: Sie kommen sehr häufig in eine Kind-Position, noch dazu in eine, die erst mal nicht besonders unangenehm ist.
Aber, und ich bin hier einmal spitz, um es auf den Punkt zu bringen, was ich dabei empfinde: All das ist ganz "wie bei Muttern": Der Preis für die Vollumsorgung mit mütterlicher Energie durch "meinen Konzern" ist die Wahlfreiheit, die mir genommen wird. D.h. ich kann wenig selber entscheiden, ich werde in mehreren ganz bestimmten, benennbaren Hinsichten träge und höre mir auf, über solche Dinge Gedanken zu machen. Ja, ich gewöhne mich daran und beginne es, als angenehem zu empfinden, dass da immer jemand ist, der für mich Entscheidungen trifft, die mich und mein Wohlergehen unmittelbar betreffen. Und - das geht meist recht schnell, wenn man im Konzern-Kontext arbeitet - man wird auch fordernd: Man beginnt zu ERWARTEN, dass da bitteschön jemand sein soll, der das alles für einen regelt. Man wird anspruchsvoll - eben ganz genau wie ein leicht oder auch stärker von Muttern verwöhntes Kind.
Diese Ausstrahlung haben nahezu alle Menschen für mich, die sich länger in Konzern-Kontexten bewegen. Es scheint sich geradezu um eine "unvermeidliche Entwicklung" zu halten. Ganz egal, wie man sie bewertet. Für mich ist das Ganze bis hierher eine sachliche, nicht-bewertende Beschreibung dessen "was ist", was ich hinsichtlich der psychischen Gegebenheiten und Prozesse bei Menschen in Konzernen wahrnehme.
Das alles tut aus meiner Sicht der hohen Professionalität von "Konzern-Menschen" keinen Abbruch - im Gegenteil: Dort habe ich bisher mit die professionelsten Mitarbeiter mit der höchsten Selbst-Disziplin vorgefunden, die ich in meinen vielen verschiedenen beruflichen Umfeldern kennen lernen durfte. D.h.: Auch das Erwachsenen-Ich (Zahlen, Daten, Fakten) ist in Konzernen vital vertreten. Das schließt sich - gerade wenn man mit der Transaktionsanalyse-Brille drauf schaut - auch keineswegs aus: Beides kommt eben in Konzernen sehr häufig vor: Transaktionen mit Beteiligung des Ich-Zustands des "Angepassten Kinds" und Transaktionen mit Beteiligung des Ich-Zustands des "Erwachsenen-Ichs".
Konzern-Mitarbeiter, die kleinlich an Dingen herummäkeln, die für einen, der Konzern-Umwelten nicht gewohnt ist, geradezu absurd wirken, sind übrigens nach dem TA-Konzept gerade im Ich-Zustand des "Kritischen Eltern-Ichs". D.h. sie stellen sich über den Konzern und spiegeln damit, dass sie selber oft mit dem Ich-Zustand des "Kritischen Eltern-Ichs" bei anderen im Konzern (der Chef, der Kollege, der BR, der Kunde, der HRler, Finance, Legal, etc.) konfrontiert sind.
Das faszinierende für mich ist: Dass diese verbreitete Anspruchshaltung im Konzern als völlig normal gesehen wird. D.h. z.B. kommt ein Mitarbeiter bei der Umstellung auf eine neue Home-Office-Regelung zur Personalabteilung und fordert, dass er doch eine Entschädigung vom Konzern bekommen müsse, weil er, da er jetzt mehr zu Hause arbeiten darf (!), höhrere Stromkosten hat, DANN SETZT MAN SICH IN DER PERSONALABTEILUNG IN DER REGEL ERNSTHAFT MIT DIESEM ANSPRUCH AUSEINANDER. - Es wird dann bei HR untereinander vielleicht durchaus herablassend und kritisch über den MA XY geredet, nach dem Motto "der scho wieder", aber man geht dem nach und sucht "Lösungen für dieses Problem".
D.h. es herrscht in den meisten Konzernen ein Klima, in dem die Transaktion zwischen Kritischem-Eltern-Ich und angepasstem und (schwach ausgedrückten) rebellischen Kind systemisch gestützt ist. Dadurch beginnen sich die Mitarbeiter in ihren Mustern, die sie bereits aus der Kindheit mitbringen, nach und nach anzupassen. D.h. die entsprechenden Ich-Zustände "schleifen sich ein im Gehirn und im Körper", so wie vielbegangene Trampelpfade sich auch immer tiefer in den Erdboden drücken.
Weil das im Konzern aber alle Mitarbeiter auf allen Positionen und in allen Aufgabenbereichen gleichermaßen betrifft, fällt diese "Formung" nicht sonderlich auf, wenn man Teil der Geschichte ist. Denn dann erlebt man das einfach als "Normalität". Und glaubt: "Die Welt ist so". Oder zumindest: "Die Arbeitswelt ist so".
Nur wenn man von Außen kommt, sieht man, das in Konzernen bestimmte Ich-Zustände stark überrepräsentiert sind und der des Natürlichen Kinds stark unterrepräsentiert ist.