Eine der aus meinem Erleben ganz besonders interessante Aktion im öffentlichen Raum während des Zukunftswerkstätten-Jahrestreffens 2013 in Salzburg http://www.zwnetz.de/pages/kunst_der_partizipation.html war die Partizipationbühne zu "ANTIpartiZIPATION". Mitwirkende waren: Birgit Carstensen (Hamburg) http://www.zwnetz.de/pages/portrait-no.html#Anchor-Name-BC , Hans Holzinger (Salzburg), Peter Luckner (Halle/Saale), Lars Meyer (Krefeld) http://www.zwnetz.de/pages/portrait-we.html#Anchor-Name-LM , Barbara Rodinger (Salzburg) und Tobias Wetzelhütter (Salzburg). Sie wollten gemeinsam herausfinden, was Partizipation schwer macht oder verhindert. Für sie stand der Verdacht im Raum, dass es gute Gründe dafür geben kann, sich nicht zu engagieren.
In einer internationalen Kooperation zwischen
- Hamburg: KONTRAST VEREIN für folgenreiche Fortbildung http://www.kontrast-ev.de
- Salzburg: JBZ Robert Jungk Bibliothek für Zukunftsfragen http://jungk-bibliothek.at und Salzburger FORUM ZIVILGESELLSCHAFT http://salzburgerforumzivilgesellschaft.wordpress.com
- Krefeld: DIE.WERKSTATT http://www.werkstatt-meyer.de
wurde am 4. Mai 2013 auf dem Fuß- und Fahrradweg Giselakai am nördlichen Salzach-Ufer ein offener Prozess initiiert. Die Mitwirkenden berichten:
"Die Interaktion war vielfältig. Viele radelten schnell vorbei - wir hätten ihnen den Weg versperren, sie fesseln müssen, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Andere zeigten eine Spur von Neugier, wollten aber nicht ins Gespräch einsteigen. Dritte ließen sich auf längere Gespräche ein. Ein älterer Herr etwa berichtete von einer Anti-Fluglärm-Bürgerinitiative, die ihm ein besonderes Anliegen ist. Er zeigte sich überrascht, dass sein Thema nun von uns auf einem großen Plakat niedergeschrieben wurde - öffentlich sichtbar. 'Wenn das meine Leute sehen würden', sagte er strahlend. Diese Aufmerksamkeit für sein Engagement führte dazu, dass er mehrfach wie der zu uns zurück kam, um das Gespräch fortzuführen.
Und wo engagieren sich die Menschen denn nun? Die Mehrheit der Befragten ist in einer Gruppe bzw. einem Verein aktiv (Reitclub, Kita, Gesangsverein, Zumba-Fitnesstanz), nur wenige in politischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Der größte Teil von ihnen fühlt sich im selbstgewählten Freizeitverein gut aufgehoben. Zugleich zeigt sich, dass politisches Engagement immer auch mit persönlicher Betroffenheit zu tun hat, sei es beim Einsatz gegen Fluglärm oder gegen Diskriminierung von Homosexualität. Gesellschaftspolitisch brisante Fragestellungen, z. B. gegen Atomenergie, bewegten nur wenige der Befragten.
Das Fazit aus unserer Sicht heißt ANTIZIPATION. Es gilt, die Faktoren auszuloten, die politisch dem Engagement entgegen stehen, und Barrieren abzubauen. Es gilt, Aufmerksamkeit zu wecken und dafür klare, transparente Information zu geben. Beziehungsaufbau und vertrauensbildende Maßnahmen erhöhen die Chance auf Beteiligung. Es gilt aber auch zu akzeptieren, dass sich Menschen (jetzt, hier, so) nicht beteiligen wollen. Gut zuzuhören, dem Widerstand Raum zu geben und die Entscheidungsfreiheit zu respektieren, sind Voraussetzungen für gelungene Beteiligung - wenn die Zeit dafür reif ist."
Soweit das erste von drei Zitaten. Der ausführliche Bericht von Birgit Carstensen, Hans Holzinger und Lars Meyer ist hier zu lesen (veröffentlicht im JBZ-Arbeitspapier Nr. 28 "Die Kunst der Partizipation", Salzburg 2013, Seite 43-46): http://www.zwnetz.de/Datas13/43-46_Kunst_der-Partizipation.pdf
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In diesem thematischen Zusammenhang steht auch eine Veröffentlichung von Antonia Coffey aus dem Jahr 2009. Ihre Fragestellung ist, wann Menschen gesellschaftspolitisch aktiv werden. Sie schreibt:
"Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung durch die Gemeinschaft hat. Daher stellt die Erfahrung von Ausgrenzung - das Gefühl, nicht (mehr) dazu zu gehören - ein massives Hindernis für Partizipation dar.
In einer Gesellschaft, die ihre Werthaltungen fast ausschließlich auf einer geregelten Erwerbsarbeit aufbaut, führt beispielsweise Langzeitarbeitslosigkeit zusätzlich zu den damit verbundenen Existenzängsten häufig zum Rückzug aus der Gemeinschaft. Dasselbe gilt für Personen, die sich nicht akzeptiert fühlen, weil sie nicht einer allgemein gültigen Norm entsprechen, zum Beispiel weil sie anders aussehen, sich anders kleiden, eine andere Sprache sprechen, alt oder behindert sind. Damit in Zusammenhang stehen oft mangelndes Selbstvertrauen, Unterlegenheitsgefühle, Unkenntnis der eigenen Potentiale etc. [...]
PolitikerInnen sehen in Partizipation oft eine Konkurrenz für die repräsentative Demokratie. Aber wenn es nicht gelingt, konkret auf die Anliegen der BürgerInnen einzugehen, ihnen auch die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe an der Gesellschaft zu bieten und ihnen Wertschätzung entgegen zu bringen, ist die Gefahr groß, dass das Interesse an der repräsentativen Demokratie und das Vertrauen in die gewählten PolitikerInnen rasant sinken und darin verbirgt sich gefährlicher Sprengstoff!"
Soweit das zweite Zitat, ausführlich nachzulesen bei den Zukunftsdiskursen auf der Website "Partizipation & nachhaltige Entwicklung in Europa": http://www.partizipation.at/?id=962
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Und eine dritte Quelle will ich einbringen, um eine Diskussion zum Thema anzuregen. Unter der Überschrift "Was kann die Kunst?" schreibt Katharina Heilein, freischaffende Künstlerin aus Berlin http://www.arttransponder.net/320.0.html zu ihren Erfahrungen in einer Zukunfts- und Perspektivenwerkstatt in Berlin-Kreuzberg 2011. Hier versuchte das Moderations-Team der Bürgerbeteiligung mit einer ungewöhnlichen Aktion diejenigen zu erreichen, die üblicherweise nicht bei Partizipationsprozessen mitmachen. Die Moderatorinnen und Moderatoren überschritten die Begrenzungen ihrer eigenen Rolle:
"Mehr als verwundert waren die Leute am Samstagvormittag des 21. Mai 2011. Vier Leute in weißen Vollschutzanzügen begannen den verschmutzten Brunnen mit Schaufeln von Müll und Schlamm zu befreien. Und das mit gehöriger Lautstärke, um ihn anschließend mit knallblauem Wasser zu füllen. Diese befremdliche Erfahrung erzeugte aber gleichzeitig eine gewisse Sensibilität: 'Das sieht ja aus wie aus der Zukunft!' äußerte einer der Zuschauer.
Es war wichtig, dass die Reinigung des Brunnens durch das Team der Zukunftswerkstatt erfolgte. Es trug mit diesem Tun seine Bereitschaft in die Öffentlichkeit, die Grenzen der eigenen Profession und Position zu überschreiten und sich mit der Vielfalt der Kommentare und Sicht weisen anderer zu konfrontieren. Der Brunnen mit den Reinigenden wurde quasi zur öffentlichen Schau-Stelle, auf der gezeigt und erprobt wurde, wie eine Destabilisierung der eigenen Position produktiv werden kann. Mit einer „Kunst des Handelns“ im öffentlichen Raum markiert man diesen immer auch als potentiellen Raum, in den Akteure eingeladen werden können, die sich ansonsten an den Rändern einer Kiez-Gesellschaft bewegen."
Dies war das dritte Zitat. Der ausführliche Beitrag (mit Bildern der Brunnenreinigung) befindet sich hier: http://www.zwnetz.de/Team/Datas/015-016_Dokumentation_Zukunftsquelle.pdf
Und die Gesamtdokumentation der Zukunfts- und Perspektivenwerkstatt (über 150 Seiten) sowie ein "Ergebnistelegramm" dazu sind auf der Website des Quartiersmanagements am Mehringplatz zu finden: http://www.qm-mehringplatz.de/zukunftswerkstatt-2011.html
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Am Schluss dieser Anregungen zur Diskussion zitiere ich die Fragen aus dem JBZ-Arbeitspapier http://arbeitspapiere.org Nr. 28 "Die Kunst der Partizipation", Seite 46, die sich vor allem an Moderatorinnen und Moderatoren in Partizipationsprozessen und Bürgerbeteiligungen richten:
Blick nach vorne:
1. Gehen wir genügend auf Interessen, Anliegen und Beweggründe Einzelner ein?
2. Welche 'Tore' nehme ich als Moderator bei meinem Gegenüber wahr? (Anmerkung: Das bezieht sich auf das 'Modell der fünf Tore der Veränderung' in der zuerst genannten Quelle http://www.zwnetz.de/Datas13/43-46_Kunst_der-Partizipation.pdf )
3. Bin ich selbst kritisch genug, um Widerstände zuzulassen, zu thematisieren?
4. Bin ich mit meinem eigenen Anliegen vertraut?
5. Wie gehe ich mit Nähe und Distanz um?
6. Habe ich genügend Kenntnisse von Methoden aus der Systemischen Beratungsarbeit, um diese Themenfelder zu bearbeiten?
7. Gebe ich der Beziehungsarbeit im Vorfeld genügend Raum?
Ich freue mich auf Echos und auf Berichte aus Partizipationsprozessen, die zum Mitmachen bewegen.