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  • Fredy Obrecht
    Fredy Obrecht    Premium Member   Group moderator
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    Betriebsratsverseuchter Analogkäse mit Klimakompensation

    Sprache ist verbunden mit Assoziationen. Sprache ist subjektiv. Sprache entwickelt sich mit der Gesellschaft und nimmt gesellschaftsrelevante Themen auf. So entstehen neben neuen Wörtern auch „Unwörter“. Unwörter – schon ein Unwort für sich! Jedes Jahr küren Sprachwissenschaftler in Deutschland, Österreich und der Schweiz neben dem Wort des Jahres auch das Unwort des Jahres ihres Landes.

    Das Unwort des Jahres bezieht sich auf ein viel diskutiertes Thema, ein Ereignis oder ein Phänomen und bezeichnet „unschöne oder unerwünschte Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen“. Nicht selten haftet ihnen ein sarkastischer Unterton an.

    Interessant ist die Tatsache, dass in den drei deutschsprachigen Ländern im selben Jahr verschiedene Unwörter kursieren. Während es in Deutschland 2010 alternativlos, 2009 betriebsratverseucht und 2008 die notleidenden Banken ganz oben auf die Hitliste schafften, waren es in Österreich die Begriffe humane Abschiebung, Analogkäse und Gewinnwarnung und in der Schweiz Ventilklausel, Europhorie und Klimakompensation.

    Haben Sie sich schon mal Analogkäse aufs Brot geschmiert? Oder einer notleidenden Bank finanziell unter die Arme gegriffen? Oder mit einer Ventilklausel Ihre Heizung entlüftet? Das ist natürlich alles Blödsinn. Allerdings ist es nicht immer einfach zu erraten, was diese Begriffe alles beinhalten, vor allem wenn man die Diskussionen nicht mitverfolgt hat. Der Analogkäse ist insofern unsinnig und irreführend, da Analogkäse alles enthält, nur eben keinen Käse. Der Begriff notleidende Banken stellt das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf und macht die Banken zu Opfern ihrer eigenen Taten. Die Ventilklausel ist eigentlich eine Schutzklausel und betrifft die uneingeschränkte Personenfreizügigkeit, die im Rahmen der bilateralen Verträge ausgehandelt worden ist und (befristet) die Regulierung des Zustroms von Arbeitskräften aus der EU in die Schweiz erlaubt.

    Sie sehen: Unwörter sind genial. Statt sich seitenlang über ein Thema auszulassen, reicht ein einziger Begriff oder eine kurze Formulierung, um auf den Punkt zu bringen, was uns monatelang beschäftigt. Unwörter sind Kreativität pur: Herdprämie, Klimakompensation, Rentnerschwemme – der Fantasie sind da wirklich keine Grenzen gesetzt. Unwörter sind aber auch makaber: Humane Abschiebung, erweiterter Selbstmord, sozialverträgliches Frühableben sind Begriffe, die den unangenehmen Inhalt einer Aussage beschönigen und verschleiern. Und schliesslich sind Unwörter widersprüchlich und unsinnig, wie das Beispiel Negativzuwanderung zeigt. Wie kann eine Zuwanderung, also eine Zunahme, negativ sein? Nur wenn man etwas anderes meint, als man sagt, in diesem Fall also eher an eine Abwanderung unerwünschter Personen oder eine negative Form der Zuwanderung denkt.

    Unwörter werden zu einer Chronologie, einem historischen Abriss der Themen, die uns in den vergangenen Jahren beschäftigt haben. Es macht Spass, die alten Listen durchzugehen, über die unsinnigen Wörter zu schmunzeln und sich gleichzeitig daran zu erinnern, was uns denn damals so beschäftigt hat. Und ja, nicht selten wird aus dem Schmunzeln ein nachdenkliches Stirnrunzeln.

    Franziska Fausch
    writeright!

    Franziska Fausch arbeitet als freischaffende Lektorin für Publix.
 
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