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Coworking auf dem Land: „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“

©Foto: gschafft.com

Coworking – geht das auch in der Kleinstadt? Zwei junge Gründer aus Bad Tölz haben das Experiment gewagt – mit Erfolg. Ihr „Gschafft“ und andere Beispiele zeigen, wie Kreative, Homeworker und die ganze Region von ländlichen Coworking-Angeboten profitieren können.

Coworking-Spaces kennt man – aus Großstädten wie München, Berlin oder Hamburg. Doch funktioniert das auch in einer Kleinstadt wie Bad Tölz mit knapp 18.000 Einwohnern? Diese Frage haben sich Henrik Heubl und Maximilian Mayr gestellt – und 2017 das „Gschafft“ gegründet. 

Die „Gschafftler“ sind 18 und 21 Jahre alt

Die Idee entstand aus reinem Eigennutz, denn die beiden bieten neben Instagram-Marketing und Webseiten-Design auch die App „Abi-Calc“ an, mit der schon 40.000 Schüler ihre Abinoten errechnen. „Wir saßen immer zuhause am Küchentisch und mussten einfach irgendwo hin – in einem anderen Coworking-Space hätten wir drei Monate auf einen Platz warten müssen“, sagt Maximilian Mayr. Zweifel, dass Bad Tölz zu klein sein könnte – oder dass sie mit der Idee zu früh dran sein könnten, kamen immer wieder: „Aber wir haben uns gegenseitig aufgebaut und wussten, dass wir selbst den Worst Case mit dem, was wir mit unseren Unternehmen schon verdient hatten, hinnehmen könnten“, sagt Heubl. Er ist 18, sein Partner 21. 

„Mit einem Cowork wird man nicht reich“

Auf Instagram und Facebook machten die beiden Werbung und heute ist der Laden schon ein voller Erfolg. Freelancer, die feste Plätze gebucht haben, Besuch aus Berlin, der mal für einen Tag reinkommt, Angestellte aus München, die ihre Home-Office-Zeit im „Gschafft“ verbringen. 100 Euro kostet der Platz im Monat für Gründer, danach 150 Euro, wer Stauraum braucht, kann bis 300 Euro ausgeben. Dennoch: Um das große Geld zu verdienen, haben die beiden den Ort nicht gegründet: „Mit einem Cowork an sich wird man nicht reich, man muss das mit Herzblut machen. Uns ist wichtig, dass wir auch eine Ideenschmiede sind. Wir lieben Tölz und wollen hier leben – und wir wollen gern dran mitwirken, dass vielleicht ein paar junge Tölzer die Stadt nicht verlassen, sondern hier etwas auf die Beine stellen“, sagt Maximilian Mayr. Auch dass die beiden so jung und damit nah an der Zielgruppe sind, könnte helfen, damit Erfolg zu haben.

„Arbeiten, wo andere Urlaub machen“

So sieht es auch Johanna Gabriel: Sie hat gerade ihre Bachelor-Arbeit zum Thema Coworking im ländlichen Raum geschrieben, mit zahlreichen Coworkern gesprochen und Studien zum Thema recherchiert: „Die einhellige Meinung ist, dass Coworking Spaces dafür sorgen können, dass die Menschen in der Region eine andere Bedeutung sehen, sie steigern die Attraktivität der ländlichen Räume als Arbeitsplatz und können auch andere Kreativschaffende mitziehen, weil auch die Vorzüge der ländlichen Umgebung die Work-Life-Balance“ stärken“, sagt sie. „Wir arbeiten da, wo andere Urlaub machen“, formuliert es Henrik Heubl.

Vorteil: Eine Großstadt in der Nähe

Doch kann das überall funktionieren? „Kreativität gibt’s überall, nur die Räume fehlen“, sagt Johanna Gabriel. „Wichtig sind auf jeden Fall die Schlüsselakteure, die die Sicht auf den Raum verändern und Wellen schlagen – die müssen wie im „Gschafft“ vor Ort sein und für das Thema brennen. Heubl und Mayr sind wirklich zwei Leute, die überall gut ankommen: bei allen Behörden, bei den Unternehmen, beim Citymanager, der sie unterstützt.“ Dieses gute Image als „Lokalhelden“ sei ein wichtiger Punkt, sagt Gabriel: „Und die beiden sehen einfach überall Möglichkeiten.“ Heubl und Mayr halten es für ein Coworking auf dem Land für grundsätzlich wichtig, in der Region vernetzt zu sein. „Und man braucht Mut und Selbstsicherheit und muss sich seiner Sache sicher sein“, sagt Heubl.

Auch eine Großstadt in der Nähe zu haben, kann ein wichtiger Faktor sein – München ist 45 Kilometer von Bad Tölz entfernt und die beiden glauben, dass durch den zukünftig enormen Anstieg von Home-Office-Tagen auch Co-Works noch gefragter werden. „Denn nicht jeder hat ein Büro zuhause, nicht jeder will daheim arbeiten – wenn die Wäsche rumsteht und drei Kinder rumturnen“, sagt Mayr. Auch wenn wie im Winter Ende 2018 Schneemassen den Zugverkehr zusammenbrechen lassen, sind Coworks für Pendler eine willkommene Alternative.

Das Netzwerk und Kontakte sind unbezahlbar

Wie viele der rund 500 deutschen Coworking-Spaces im ländlichen Raum sitzen, ist schwer zu sagen: Eine Studie des Beratungsunternehmens ateneKOM aus dem Jahr 2018 listet sieben Beispiele ländlicher Coworks auf, zum Beispiel im rheinland-pfälzischen Prüm, in Eicklingen in Niedersachsen und Herrenberg in Baden-Württemberg. Einen besonderen Ansatz verfolgt das „Coconat“ im brandenburgischen Bad Belzig: Als „Workation Retreat“ bietet es Arbeiten, Übernachten und Entspannen in einem – für digitale Kreativarbeiter, die gerne mal zum Arbeiten in den Urlaub fahren möchten.

Für die „Gschafftlern“ ist der besondere Zusammenhalt, die Gemeinschaft und das Netzwerk: ein Grund für Ihren Erfolg: „Es fühlt sich einfach an, als wäre es eine Firma und nicht: Jeder macht seins“, sagt Henrik Heubl. Beim kostenlosen Kaffee und Getränken kommt man ins Gespräch und der Zugang zu solchen Netzwerken ist für viele Kreative unbezahlbar. 

Clemens Maucksch zum Beispiel, der seit einigen Monaten Mieter im “Gschafft“ ist und als freiberuflicher Filmemacher und 3D-Artist arbeitet, schätzt die neuen Kontakte, Kunden und den Austausch, die sich ergeben: „Ein Unterstützer des ‚Gschafft’ hat mich für eine größeren 3D-Auftrag für RedBull gebucht“, sagt er. Maucksch ist zwar nicht aus Bad Tölz, also kein junger Mensch, den die „Gschafftler“ halten konnten. Aber er ist "vor sieben Jahren aus München hergezogen“ - und durch die Möglichkeit des Coworkings wird er bleiben.

Text: Maria Zeitler

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