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Das Grundeinkommen gab mir den Mut zu meinem wichtigsten Karrieresprung

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Martina Pelz bekam ein Jahr lang ein Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat. Sie dachte nicht daran, deshalb nicht mehr zu arbeiten – trotzdem änderte sich ihr Leben nachhaltig.

Ein Gastbeitrag von Martina Pelz

Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, dass der Verein „mein Grundeinkommen“ regelmäßig für ein ganzes Jahr bedingungslose Grundeinkommen im Wert von 1000 Euro im Monat bezahlt, habe ich das für einen Witz gehalten. Es gibt Menschen, die für so etwas spenden? Und dann wird das Geld verlost? Einfach so, egal wer gewinnt?

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Hier findet Ihr unsere weiteren Beiträge zum Thema Grundeinkommen:

Interview mit dem Leiter der Studie „Pilotprojekt Grundeinkommen“, Prof. Jürgen Schupp: „In Deutschland wird mehr als eine Billion Euro verteilt

Grundeinkommen, Grundsicherung, Bürgergeld: die verschiedenen Ansätze erklärt

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Ironisch, dass ausgerechnet ich, die Skeptische, mich bewarb und wenige Monate später zu den Gewinnerinnen zählte. Die ersten 1000 Euro, die ich im Dezember 2018 erhielt, gab ich komplett aus. Ich kaufte Geschenke für den Kindergarten meiner Tochter, Weihnachtsgeschenke für die Familie und schenkte der Freundin, die mich überhaupt erst auf die Verlosung aufmerksam gemacht hatte, einen Teil, damit sie sich etwas für sich und ihren Sohn gönnt.

Auf die Idee, nicht mehr zu arbeiten, kam ich nicht eine Sekunde. Ich arbeite gerne und freue mich, wenn ich mit meiner Arbeit etwas bewegen kann. Was ich mir allerdings leistete, war Zeit. Ich tat etwas, was für viele besser Verdienende selbstverständlich ist. Kurz vor der Einschulung meiner Tochter nahm ich mir noch einmal acht Wochen Elternzeit. Ohne das Grundeinkommen hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, meine Chefin danach zu fragen. Finanziell hätte ich mir diese Auszeit auch nicht leisten können.

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, eine Verlängerung abzulehnen

Der richtig große Schritt kam jedoch danach. Während der Zeit, in der ich das Grundeinkommen erhielt, arbeitete ich bei der Hochschule München in einer für mich perfekten Rolle. Ich dachte damals sogar, dass ich bereits in meinem Traumjob gelandet sei. Ich hatte viele eigene Projekte, und die Stelle war auf mich zugeschnitten. Es gab nur ein Problem: Schon seit vielen Jahren hangelte ich mich von einem befristeten Projektvertrag zum nächsten. Als alleinerziehende Mutter wäre ich aber niemals auf die Idee gekommen, eine Verlängerung abzulehnen, wenn man sie mir anbot. Da mein Vertrag noch gut zwei Jahre lief, gab es für mich auch keinen Grund, mich nach einer unbefristeten Stelle umzusehen. Wie so viele ging ich den Weg des geringsten Widerstands.

Das änderte sich erheblich durch das Grundeinkommen. Mit dem finanziellen Polster im Hintergrund fand ich den Mut, meinem Arbeitgeber im Gespräch über eine weitere Verlängerung zu sagen: Entweder ihr bietet mir eine bessere Perspektive, oder ich muss leider gehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, wie sehr diese eine Forderung mein Leben verändern würde – zum Positiven.

Kaum hatte ich für mich selbst beschlossen, dass ich mich mit der mir gebotenen Perspektive in meinem Job nicht zufriedengeben möchte, begann ich mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Ich erhielt auf einmal von allen möglichen Freunden und Bekannten Tipps und Hinweise, welche offenen Stellen wohl zu mir passen könnten. Eine dieser Stellen war bei der Landeshauptstadt München ausgeschrieben. Ich bewarb mich kurzerhand – und bekam den Job. Dank des Grundeinkommens wagte ich den Schritt weg aus der seriellen Befristung, hin zu meinem wahren Traumjob. Natürlich hätte ich mich auch ohne die zusätzliche finanzielle Sicherheit einfach weg bewerben können. Aber ich hatte einfach nicht die gedankliche und emotionale Freiheit, das auch wirklich zu tun. Und ich bin überzeugt, dass es vielen Menschen so geht wie mir.

Ein Geschenk für die psychische Gesundheit

Bin ich nun, nachdem mein Jahr als Empfängerin geendet ist, zu 100 Prozent vom bedingungslosen Grundeinkommen überzeugt? Ich möchte nichts romantisieren. Natürlich könnte es bei einer flächendeckenden Einführung Menschen geben, die sich zurücklehnen und eventuell nichts mehr zur Gesellschaft beitragen. Aber aus meiner Erfahrung heraus würde ich behaupten: Ein Grundeinkommen ist vor allen Dingen ein Geschenk und eine Entlastung für die eigene psychische Gesundheit. Und eine Chance, sich Wegen zuzuwenden, die man im Kampf um die finanzielle Sicherheit wohl nie in Betracht gezogen hätte.

Das größte Geschenk war für mich das Gefühl von Entspannung und die Entschleunigung, welche es mit sich gebracht hat. Ich habe mir in dieser Zeit viel weniger Sorgen gemacht als zuvor – und konnte diese neue Energie für meine Tochter, für mich und ja, auch an meinem Arbeitsplatz entsprechend positiv einbringen.

Der große Unterschied zu bisher üblichen Hilfeleistungen vom Staat ist für mich klar: Ich spare mir die Zeit, die Ressourcen und den Ärger, die sonst für Bürokratie und Papierkram draufgehen. Ich selbst bekam eine Zeitlang die Krippenkosten für meine Tochter vom Jugendamt finanziert. Dazu reichte ich damals ein 60-seitiges, numerisch geordnetes Päckchen mit Anträgen und Nachweisen ein, was mir als junge, arbeitende, alleinerziehende Mutter sehr viel Energie geraubt hat. Ich kann mir vieles vorstellen, womit ich diese Zeit anders, vielleicht sogar sinnvoller genutzt hätte. Und es geht ja nicht nur mir so. Genug Familien scheitern an dieser Bürokratie, obwohl ihnen das Geld eigentlich zustünde.

Ein weiteres wichtiges Argument für das Grundeinkommen ist die Tatsache, dass damit keine Menschen benachteiligt werden, die ihr Geld selbst verdienen. Als ich meine Arbeitszeit aufstockte, um meinen Job besser erledigen zu können, wurde mir das zusätzlich verdiente Gehalt vollständig von meiner damaligen Förderung abgezogen. Ich hatte also weniger Zeit und weniger Einkommen – genau der falsche Anreiz.

Die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens ist nicht perfekt. Aber ich habe gemerkt, wie befreiend es sein kann. Wie viel Mut es spenden kann. Vielleicht ist es Zeit, auch bei dieser Debatte ein wenig mutiger zu werden.

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Dies ist das Format der XING Redaktion, das sich mit den entscheidenden Fragen der Zukunft beschäftigt. In Video-Interviews, Gastbeiträgen, Interviews und Podcasts geben wir hier Expert·innen und Vordenker·innen, Wissenschaftler·innen und Influencer·innen ein Forum für ihre Lösungsansätze, wie eine gelungene Zukunft zum Wohle aller gelingen kann. Nicht nur die Corona-Krise zeigt: Wir leben in einer volatilen, sich schnell verändernden Welt, die von uns eine neue Qualität der Anpassungsfähigkeit verlangt. Der Schwerpunkt von Zukunft.machen. liegt auf der Arbeits- und Wirtschaftswelt von morgen - die heute schon begonnen hat.
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