Zukunft.machen.

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Das Zukunfts-Format der XING Redaktion

Lieber Sauerteig statt Shortselling - wie ich vom Vermögensverwalter zum Bäcker wurde

Fotocredit:  Seri Wada
Der Schweizer Seri Wada hat sein Glück als Bäcker gefunden. Seinem Job in der Finanzbranche trauert er nicht nach

Raus aus der Finanzindustrie, rein in die Backstube. Der Ostschweizer Seri Wada hat sein Hobby zum Beruf gemacht und damit seine Berufung gefunden. Mit Erfolg: Seine Baguettes, Croissants und Pains au Chocolat sind inzwischen bis über die Stadtgrenzen Zürichs hinaus bekannt.

Mein Ausbruch aus einem gut bezahlten, aber falschen Beruf begann sehr unverhofft. Ich war bei einem Vermögensverwalter als Client-Relationship-Manager angestellt und suchte eigentlich nur einen ähnlichen Job, der näher an meinem Wohnort liegt. Ich arbeitete in Zug, aber wohnte in Zürich. Darum habe ich beim Vermögensverwalter in Zug gekündigt und mich beim RAV (Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum) arbeitslos gemeldet. Ich war also auf Stellensuche, hatte mehr Zeit und entschied mich, mich in dieser Zeit mehr meinen Hobbys, dem Backen und Kochen, zu widmen.

Meine gebackenen Esswaren und Kochkünste habe ich dann auf Social Media wie Facebook und Instagram gepostet, ohne überhaupt eine Ahnung davon zu haben, wie man das richtig macht. Irgendwann wurde die Schweizer Frauenzeitschrift „Annabelle“ auf mich aufmerksam und fragte, ob ich nicht Interesse hätte, für sie zum Thema Food zu bloggen. Damals, vor sechs Jahren, war dieser Themenbereich fast ausschliesslich Frauen vorbehalten, und eigentlich ist das noch heute so. Dass ein Mann seine Backwaren (Brot und keine Cup-Cakes) auf Social Media postete und zugleich für eine Frauenzeitschrift bloggte, war ein seltenes Bild.

Zwischenzeitlich erfüllte ich meine Arbeitsbemühungen beim RAV und erhielt auch Einladungen zu Jobinterviews, aber ich konnte meine Gesprächspartner nicht überzeugen, wie ich es mir gewünscht hatte. Rückblickend hat dies vermutlich damit zu tun, dass ich tief in meinem Inneren wusste, dass ich nicht mehr zurückwollte in meinen alten Job. Zu dieser Zeit erhielt ich schon Catering- und Kursanfragen zum Thema Sauerteig. Es hatte sich also herumgesprochen, dass da ein Mann ziemlich rudimentär Baguettes und Brot bäckt.

Zwei Jahre lang One-Man-Show

So entschied ich, meine Zeit weiterhin in mein Hobby zu investieren. Ich wurde immer mehr zum Bäcker und Unternehmer, obwohl ich gar keine Ausbildung zum Bäckermeister hatte. Die ersten zweieinhalb Jahre waren eine absolute One-Man-Show. Ich musste wirklich alles selber machen. Zum Beispiel bin ich bereits am Vortag nachts aufgestanden, um die Backwaren für den Folgetag vorzubereiten. Von nachts um elf bis morgens um fünf habe ich gebacken. Dann folgte die Auslieferung an meine Kunden und die Betreuung von Social Media.

In meinem Job als Bäcker und Unternehmer habe ich meine Berufung gefunden. Ich rate jedem, der sich in seinem Job unglücklich fühlt, etwas zu wagen und zu verändern, was stört. Viele Menschen in der Schweiz bleiben einfach in ihrem „goldigen Käfig“, das heisst, das gesamte Leben wird nach dem Einkommen ausgerichtet, und man kann es sich nicht vorstellen, temporär auf das Auto, die Städtereise, Auswärtsessen, Kleidung et cetera zu verzichten.

Das Beste an meinem Job ist, dass ich drei Tätigkeiten ausüben kann, ohne überhaupt ein Diplom zu haben. Hätte ich mich als Bäcker beworben, hätte ich keinen Job bekommen. Hätte ich mich als Social Media Manager beworben, hätte ich keinen Job bekommen. Hätte ich mich als Business-Development-Manager bei einer Bäckereikette beworben, hätte ich auch diesen Job nicht bekommen. Nur weil mir die Ausbildung oder das notwendige Diplom fehlt.

Fotocredit: Ellin Anderegg
"Ich habe meine Berufung gefunden", sagt Wada heute über seinen Neustart als Bäcker

Nun bin ich mein eigener Chef, und niemand fragt, welche Diplome ich habe. Das befriedigt mich sehr. In unseren Businessmeetings sind unsere Gesprächspartner auf C-Level, und auch Produktionsleiter sind oft dabei. Wenn ich etwas über die Produktion erzähle, dann sind die Bäckermeister diejenigen, die sich Notizen machen – obwohl sie über Diplome verfügen. Das ist eine Genugtuung für mich: Auch ohne Diplom kann man vieles erreichen, wenn man sich reinkniet und sein Vorhaben umsetzt.

Nächster Stopp: Expansion und dann der französische Präsident

Im April 2018, also vor mittlerweile mehr als zwei Jahren, kam mein Geschäftspartner Dominic Largo auf mich zu und wir entschieden uns, ein Unternehmen zu gründen. Seither hat sich einiges getan. Wir arbeiten aktuell mit einem Produktionspartner zusammen, beliefern Cafés in Zürich und Bern mit unseren Waren, und somit hat sich auch die Zeit stark reduziert, in der ich backe. Jetzt backe ich nur noch die Baguettes im Jelmoli an der Bahnhofstrasse selber. Alle anderen Produkte werden von unserem Produktionspartner nach meinen Rezepten produziert, platziert und verkauft.

Neben dem Backen planen wir zwei weitere Läden, denken ständig über neue Produkte nach und machen uns Gedanken zu einem skalierbaren Geschäftsmodell, welches wir für einen Laden testen möchten. Wenn dieses funktioniert, dann möchten wir uns in jeder Schweizer Stadt etablieren. Für 2021 planen wir ausserdem einen Shop, in dem wir live vor Ort produzieren möchten.

Und dann wäre da noch das Praktikum in der Pariser Bäckerei, welches ich unbedingt absolvieren möchte, sofern Covid-19 es zulässt: Ich will am „Concours de la meilleure baguette de Paris“ teilnehmen. Das ist ein Wettbewerb darum, wer die besten Baguettes von Paris backt. Die Idee ist zugegebenermassen ziemlich vermessen, denn nur lokale Pariser Bäckereien können teilnehmen, und vor allem muss man Bäckermeister sein, was ich nicht bin.

Doch nachdem der Weg zu meinem Traumberuf in den vergangenen Jahren so ungewöhnlich verlaufen ist, habe ich auch vor dieser Herausforderung keine Scheu mehr. Aktuell aktiviere ich meine Netzwerke, um herauszufinden, ob jemand eine Pariser Bäckerei kennt, die mich für die Zeit vor dem Wettbewerb als Praktikant aufnehmen würde. Im Idealfall gewinne ich als Schweizer mit japanischen Wurzeln den Wettbewerb und beliefere den französischen Präsidenten für ein Jahr mit Baguettes, wobei ich persönlich die Erstauslieferung machen würde. Die Geschichte haben wir schon geschrieben, jetzt müssen wir sie nur noch wahr werden lassen.

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Fotocredit: Franziska Martin
Seri Wada in seiner Backstube mit seinem Erfolgsprodukt: französischem Baguette

Zum Autor: 

Seri Wada kündigte 2015 seinen Job als Finanzberater und entdeckte das Backen als Hobby, das er als Autodidakt zu seinem neuen Beruf ausbaute. Mitterweile hat er sich vor allem mit seinen französischen Backwaren in Zürich und in der Backszene einen Namen gemacht.

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Dies ist das Format der XING Redaktion, das sich mit den entscheidenden Fragen der Zukunft beschäftigt. In Video-Interviews, Gastbeiträgen, Interviews und Podcasts geben wir hier Expert·innen und Vordenker·innen, Wissenschaftler·innen und Influencer·innen ein Forum für ihre Lösungsansätze, wie eine gelungene Zukunft zum Wohle aller gelingen kann. Nicht nur die Corona-Krise zeigt: Wir leben in einer volatilen, sich schnell verändernden Welt, die von uns eine neue Qualität der Anpassungsfähigkeit verlangt. Der Schwerpunkt von Zukunft.machen. liegt auf der Arbeits- und Wirtschaftswelt von morgen - die heute schon begonnen hat.
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