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Das Zukunfts-Format der XING Redaktion

So machen Führungskräfte aus ihrem Bürozoo ein Hochleistungsteam

Foto: Getty Images

Gute Führung heißt auch, sich seinen Mitarbeitern anzupassen. Die meisten von ihnen lassen sich einer von fünf Bürozoo-Tierarten zuordnen. Und die Führungskraft? Ist am besten Chamäleon.

Von Paul Weißhaar

„Einmal mit Profis arbeiten!“ Dieser Ausspruch zählt wohl zu den meist benutzen in der Welt von Führungskräften. So gut ich das selbst nachfühlen kann, eigentlich ist es eine unsinnige Aussage. Denn die Mitarbeiter sind in der Regel Profis – alle auf ihrem Gebiet. Ich rede hier nicht nur von fachlichen Fähigkeiten, sondern vor allem davon, was sie motiviert und antreibt. Das kann sich sehr stark von den eigenen Motivationsmotiven unterscheiden. Daher vielleicht der Ausspruch. Da sich die wenigsten ihre Kollegen und sogar Angestellten wirklich selbst aussuchen können, sind Führungskräfte gezwungen, mit unterschiedlichen Typen zusammenzuarbeiten. Dafür benötigt es eine Führungsqualität vor allen anderen: Anpassung. Wer sich als Führungskraft an seine Mitarbeiter anpasst und auch das Verständnis unter ihnen fördert, wird schon bald – statt mit gefühlten Amateuren – mit Erfolgsteams arbeiten. So geht’s:

Schritt 1: Beschäftige dich mit deinen Mitarbeitern

Den meisten Führungskräften stellen sich bei dieser Aussage die Nackenhaare auf. Das halte ich für ein großes Problem. Denn ich bin der Überzeugung, dass jeder Chef und jede Chefin sich viel Zeit dafür nehmen sollte, die eigenen Mitarbeiter kennenzulernen. Das gehört zu den wichtigsten Führungsaufgaben. Wer gut beobachtet und zuhört, findet schnell heraus, was seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter antreibt. Ich prophezeie: Wenn du daran kein Interesse hast, wirst du ein Team nicht erfolgreich führen können. Oder möchtest du ständig dafür sorgen, dass sich deine Mitarbeiter nicht gegenseitig an die Gurgel gehen?

Sind die Kollegen mit ihren Aufgaben unzufrieden und müssen ständig Jobs erledigen, die ihnen nicht liegen und die sie schon gar nicht begeistern, sind Zwistigkeiten vorprogrammiert. Die arten dann schnell in unnötigen Stress aus, der jeden blockiert. Ich kann mich aus meiner Laufbahn bei AIRBUS an unzählige Besprechungen erinnern, in denen ich mich wie ein Zoodirektor gefühlt habe – umzingelt von wilden Tieren, die sich gegenseitig oder auch mich am liebsten auffressen wollten. Dabei war es nach näherer Betrachtung gar nicht mehr so schwer, meinen imaginären Zoo zu einem echten Team zu formen.

Schritt 2: Identifiziere die Charaktere deiner Mitarbeiter

Prof. Dr. Werner Corell hat seinerzeit fünf Motivationstypen identifiziert. Ausgehend von seinen Forschungen habe ich fünf Tiere in meinem Bürozoo erkannt:

„Der Löwe“ oder „der Selbstdarsteller“

Der König der Tierwelt zeigt seinen Status mit seinem Auftreten. In auffällige Marken gekleidet stolziert er erhaben durchs Büro. Ganz klar: Er möchte wahrgenommen werden und zu jeder Zeit sein Revier und sein Rudel selbstbewusst dominieren. Sein großes Ego lässt aber noch genug Raum für unerschütterlichen Optimismus. Er bringt außerdem richtig PS auf die Straße und sorgt dafür, dass auch alle anderen wissen: Er hat alles im Griff.

„Der Elefant“ oder „der Ängstliche“

Sein Motto: Bloß nicht auffallen. Obwohl er durch seine Größe und Erfahrung im Grunde viel Raum einnehmen sollte, hält er sich bewusst so klein wie eine Maus, damit ihn keiner sieht. Was er weiß, und das ist eine Menge, teilt er gerne und jederzeit. Nur Veränderungen kann er nicht leiden und wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, seine altbewährte Komfortzone zu verlassen.

„Das Zebra“ oder „das Herdentier“

Das Zebra ist „everybody‘s darling“ und auch dein bester Freund. Es liebt das Team und lebt nach dem Motto „Einer für alle und alle für Einen“. Ferner schlichtet es jeden Streit. Denn nichts ist ihm wichtiger als Harmonie. Ein geborener Diplomat mit allen nötigen Softskills ausgestattet. Nicht selten verliert es sich jedoch in ausgiebigen Gesprächen mit den Kollegen und hält sie dabei von der Arbeit ab.

„Der Kranich“ oder „der Erbsenzähler“

Nichts begeistert ihn mehr als Zucht und Ordnung. Regeln und Prozesse kennt er in- und auswendig. Du kannst davon ausgehen, dass er jede Anomalie sofort bemerkt. Jeden Rechtschreibfehler, jedes Komma an der falschen Stelle und auch Rechenfehler in deiner Budgetplanung. Dieser Vogel bremst jedoch alle aus, wenn es gilt, Aufgaben mal nicht gemäß Prozess zu erledigen. Das löst, seiner Ansicht nach, ein Chaos aus, das er auf den Tod nicht leiden kann.

„Der Jaguar“ oder „der Individualist“

Der schwarze Jaguar kommt in der Natur, wie auch im Büro, sehr selten vor. Die wenigen, die mir begegnet sind, waren meist richtig gute Führungskräfte mit positiver, lässiger Ausstrahlung und Charisma, denen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz von selbst folgten. Sie sind empathisch, zielstrebig, entscheidungsfreudig und wollen jeden Tag ein bisschen besser sein als gestern. Wenn du durch Glück einen dieser seltenen Spezies in deinem Team hast, sei besser nett zu ihm – er könnte schon bald dein Chef oder deine Chefin sein.

Hochleistungsteams haben alle Charaktere

Besteht dein Team aus allen beschriebenen Charakteren, kann ich dir nur gratulieren. Dein Team ist auf dem besten Weg zu Höchstleistungen. Denn ein solches Hochleistungsteam braucht nicht nur Löwen, die PS auf die Straße bringen und ständig bereit sind, etwas Neues auszuprobieren. Sich an Prozesse zu halten und nicht alles Altbewährte ständig über Bord zu werfen, ist ebenso wichtig. Ein Hauch von Diplomatie kann aber auch nicht schaden. Es kommt also auf das Zusammenspiel der einzelnen Charaktere an. Ein Zusammenspiel, welches du als Führungskraft clever steuern musst.

Schritt 3: Delegiere gemäß der Motivation deiner Mitarbeiter

Da du als Führungskraft ja nicht alles selbst erledigen kannst – dann wäre es natürlich perfekt – kommt dem Delegieren eine besondere Rolle zu. So unterschiedlich die Charaktertypen deines Bürozoos anmuten, so verschieden musst du mit ihnen kommunizieren. Es gilt, sich auf jeden einzelnen individuell einzustellen und seine Sprache zu sprechen. Dieselbe Aufgabe musst du somit auf fünf verschiedenen Wegen delegieren können, um sicherzustellen, dass sie zu deiner Zufriedenheit erledigt wird. Ein Beispiel: Du brauchst eine Präsentation über alle laufenden Projekte, um sie dem Topmanagement vorzustellen.

So sagst du es dem Löwen

Nächste Woche habe ich ein wichtiges Treffen mit dem Topmanagement. Dazu brauche ich eine Präsentation zu unseren laufenden Projekten. Du weißt schon, Zahlen, Daten, Fakten, aktuellen Stand und einen Forecast – das Übliche. Es ist wichtig, dass die Präsentation sehr professionell aussieht. Daher möchte ich, dass du diese Aufgabe erledigst. Du kannst dich super in die Denkweise unseres Topmanagements versetzen und weißt genau, was sie sehen wollen. Ganz wichtig: Schreib deinen Namen direkt auf das Cover, sodass unser Management dich in den Fokus nimmt.

So sagst du es dem Elefanten

Nächste Woche habe ich ein wichtiges Treffen mit dem Topmanagement. Dazu brauche ich eine Präsentation zu unseren laufenden Projekten. Bei diesem Treffen wird entschieden, ob wir alles in gewohnter Form weiterführen dürfen, oder ob wieder eine Anpassung durchgeführt werden muss. Im schlimmsten Fall bekommen wir kein Budget für das nächste Quartal und brauchen dann eine kreative Lösung. Daher ist es besonders wichtig, dass wir uns gut auf dieses Treffen vorbereiten. Ich brauche deinen Support und zähle darauf, dass du, wie immer, pünktlich lieferst.

So sagst du es dem Zebra

Unsere Afterwork-Party letzte Woche war echt klasse. Deine Witze kamen wieder super beim ganzen Team an. Ich habe mich auch köstlich amüsiert. Das müssen wir demnächst unbedingt wiederholen, sobald es zeitlich passt. Nächste Woche habe ich allerdings erst einmal ein wichtiges Treffen mit dem Topmanagement. Dazu brauche ich eine Präsentation zu unseren laufenden Projekten. Denkst du, du kriegst es hin, mir diese Arbeit abzunehmen? Ich weiß sonst nicht, wem ich das geben soll. Alle sind overloaded. Ich fürchte, sonst werden wir wieder Überstunden schieben müssen und so wird es diese Woche sicher nichts mit unserem Afterwork-Treff.

So sagst du es dem Kranich

Nächste Woche, am 03.09. um 10:30 Uhr muss ich zum Quartalsreview beim Topmanagement vorsprechen. Dazu benötige ich die Präsentation über unsere Projektstatistiken. Die Zahlen, Daten, Fakten entnimmst du bitte unserem standardisierten Reporting-Tool. Die Präsentation muss exakt zehn Folien mit den wichtigen Eckdaten umfassen. Die Anleitung zur Erstellung dieser Präsentation findest du in Anlage B der Betriebsvereinbarung von 2019. Dort stehen alle Anforderungen unseres Managements aufgelistet. Ich brauche die Präsentation spätestens am 02.09. zu unserer 09:00 Uhr Runde, damit ich sie in unserem Teammeeting mit euch vorbesprechen kann.

So sagst du es dem Jaguar

Nächste Woche habe ich ein wichtiges Treffen mit dem Topmanagement. Dazu brauche ich eine Präsentation zu unseren laufenden Projekten. Übernimmst du bitte – die Aufgabe hat Priorität.

Das Chamäleon ist Chefsache

So funktioniert angepasstes führen. Es ist keine Schande, wenn du als Chef das Chamäleon im Bürozoo verkörperst. Im Gegenteil. Das ist große Kunst. Denn ein Chamäleon schafft es, sich stets an die Gegebenheiten anzupassen. Dabei mag es für kurze Zeit sein Erscheinungsbild verändern, bleibt aber stets es selbst. Bei Führungskräften sorgt diese Art der Anpassungsfähigkeit dafür, dass sich ihr persönlicher Bürozoo zum erfolgreichen Hochleistungsteam entwickelt.

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Wer schreibt hier?

Foto: Christina Pörsch

Paul Weißhaar ist selbstständiger Unternehmensberater und spezialisiert auf „Führung im Wandel“. Als ehemaliger Projektleiter bei Airbus setzte er mit multifunktionalen Hochleistungsteams komplexe Changeprojekte um. In Kürze erscheint von ihm das Buch „Die Chamäleon-Methode. Angepasst führen – authentisch bleiben“.

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Dies ist das Format der XING Redaktion, das sich mit den entscheidenden Fragen der Zukunft beschäftigt. In Video-Interviews, Gastbeiträgen, Interviews und Podcasts geben wir hier Expert·innen und Vordenker·innen, Wissenschaftler·innen und Influencer·innen ein Forum für ihre Lösungsansätze, wie eine gelungene Zukunft zum Wohle aller gelingen kann. Nicht nur die Corona-Krise zeigt: Wir leben in einer volatilen, sich schnell verändernden Welt, die von uns eine neue Qualität der Anpassungsfähigkeit verlangt. Der Schwerpunkt von Zukunft.machen. liegt auf der Arbeits- und Wirtschaftswelt von morgen - die heute schon begonnen hat.
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