Zukunft.machen.

Zukunft.machen.

Das Zukunfts-Format der XING Redaktion

Trauer im Job: Jedes Unternehmen sollte einen Notfallplan haben

Getty Images

Christine Kempkes ist Trauerbegleiterin und erklärt uns, wie wir mit trauernden Kolleg·innen umgehen können – und warum für Verlust immer auch Raum am Arbeitsplatz sein sollte.

Das Interview führte Henrietta Reese

XING News: Warum ist es so wichtig, dass wir am Arbeitsplatz über Trauer sprechen können?

Christine Kempkes: Weil sie nun mal dazu gehört. Wir legen die Emotion, wenn wir trauern, ja nicht an der Pforte ab. Wir sind als Mensch am Arbeitsplatz und bringen unsere Gefühle mit, die uns im Privaten beschäftigen. Umso wichtiger ist es für Führungskräfte, aber natürlich auch Team-Mitglieder, auf Ausnahmesituationen vorbereitet zu sein. Es kann ja zum Beispiel passieren, dass der Anruf, der über einen Todesfall informiert, jemanden am Arbeitsplatz erreicht. Was macht man dann als Teamleitung, als Kolleg·in? Wir erleben da im beruflichen Kontext die gleiche Unsicherheit und Sprachlosigkeit, die wir insgesamt in der Gesellschaft mit diesem Thema haben.

XING News: Welche Reaktion ist hier angebracht?

Christine Kempkes: Wenn die Nachricht am Arbeitsplatz kommt, muss sich unbedingt jemand direkt um den/die Kolleg·in kümmern und zum Beispiel dafür sorgen, dass die Person sicher nach Hause kommt. Viele können in so einer Situation nicht alleine Auto fahren oder sich in die Bahn setzen. Es hilft außerdem nachzufragen, was die Person gerade auf dem Tisch hat, wo man jetzt sofort Arbeit abnehmen kann. Ebenso wichtig ist es, die Rückkehr an den Arbeitsplatz vorzubereiten. Trauernde gehen natürlich ganz unterschiedlich damit um. Der eine möchte gerne angesprochen werden und über den Verlust reden, andere möchten der Trauer auf gar keinen Fall am Arbeitsplatz Raum geben. Vorgesetzte·r und Mitarbeiter·in sollten dazu im Gespräch bleiben. Und da wir im Vorfeld nicht wissen können, wie die Reaktion ausfällt, hilft nur nachfragen. ‚Was möchtest du?‘; ‚Wie möchtest du behandelt werden?‘ So kann dann auch das Team informiert werden und ist vorbereitet für die Zeit nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz.

XING News: Bei vielen Menschen löst der Umgang mit Trauer große Unsicherheit aus, hast Du da Tipps?

Christine Kempkes: Diese Unsicherheit ist damit verbunden, dass wir Trauernde nicht zusätzlich verletzen wollen. Wir möchten unterstützen, sie aber in keine vermeintlich unangenehme Situation bringen. Und für manche kann der Arbeitsplatz auch eine willkommene Abwechslung sein, eine trauerfreie Zone. Aber all das können wir immer nur herausfinden, wenn wir vorsichtig fragen: Ist dir das eigentlich recht? Kann ich dich darauf ansprechen? Magst du darüber reden, oder soll ich dich mit dem Thema lieber in Ruhe lassen?

Wir haben das Trauern verlernt

XING News: Liegt das auch daran, dass das Thema Tod immer noch ein Tabu ist?

Christine Kempkes: Wir haben das Trauern verlernt. Nach dem zweiten Weltkrieg war in Deutschland Aufbruchstimmung, die Menschen wollten mit Verlust, dem Sterben und mit diesen unendlich schmerzhaften Gefühlen nichts mehr zu tun haben. Das war damals auch eine überlebenswichtige Funktion, die traumatischen Erlebnisse des Krieges und die Gefühle dazu gut wegzupacken, um nach vorne zu schauen und zurück ins Leben zu finden. Das hatte aber zur Konsequenz, dass die Kinder, die da hineingeboren wurden, nicht gelernt haben, mit den anspruchsvolleren, den schwierigen Gefühlen umzugehen. Häufig wurden sie von Beerdigungen ferngehalten, man wollte ihnen das nicht zumuten. Über Gefühle wurde generell nicht viel geredet. Wenn Kinder aber nicht die normale Reaktion auf einen Verlust erleben können, dann wird ihnen die Chance verwehrt, etwas Wichtiges für ihr Leben zu lernen. So kommt Sprachlosigkeit zustande.

XING News: Wie kann denn ein Team, ein Unternehmen, damit umgehen, wenn jemand aus dem Kollegium verstirbt?

Christine Kempkes: Das macht natürlich etwas mit dem Team und es ist wichtig, dass gerade die Führungskräfte darauf vorbereitet sind, denn es braucht in diesem Fall vor allem Fürsorge. Ich sehe das im Gesundheitsmanagement verortet, was meist von den Personalabteilungen gesteuert wird. Das Team gerät in eine Krise, wenn plötzlich ein Platz leer bleibt, da braucht es Raum für die Trauer, Team-Meetings, in denen man über den Verstorbenen sprechen kann, in denen gemeinsam Erlebtes geteilt werden und gelacht und geweint werden kann. Es sollte außerdem geklärt sein, wie zum Beispiel mit dem Thema Kondolenz umgegangen wird – schaltet die Firma eine Anzeige in der Zeitung, schickt sie einen Blumenkranz? Das sind Punkte, derer man sich bewusst sein sollte, noch bevor der Ernstfall eintritt. Genauso die Frage, was mit den persönlichen Dingen – etwa auf dem Schreibtisch – passieren soll. Ich empfehle immer, dass es wirklich eine kleine Gruppe im Unternehmen gibt, die sich mit genau diesen Themen auseinandersetzt und eine Art Notfallplan aufsetzt, damit nicht erst ganz grundsätzliche Entscheidungen getroffen werden müssen, wenn alle unter Schock stehen.

XING News: Wobei es ja verschiedene Formen der Trauer gibt, die uns im Arbeitsalltag beschäftigen können.

Christine Kempkes: Genau, Trauer ist die natürliche Reaktion auf jegliche Art von Verlusten. Wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere, löst das auch einen Trauerprozess aus. Auch wenn ich mich vielleicht bewusst dazu entscheide, den Job zu wechseln, so kann die Trennung von meinem Team natürlich traurig machen. Das gleiche gilt für Trennungen im Privaten, viele Menschen machen in der Zeit ihres Arbeitslebens eine Scheidung durch. Solche Abschiede kommen uns allen bekannt vor und es ist wichtig, auch hier der Trauer und den damit verbundenen Gefühlen Raum zu geben. Natürlich ist es individuell, wie viele dieser Emotionen jemand mit zur Arbeit bringt. Wenn eine Führungskraft das Gefühl hat, dass die betroffene Person alleine schwer wieder aus dem Trauerprozess herausfindet, kann es für das Unternehmen auch eine Möglichkeit sein – im Sinne der Gesundheit der Mitarbeitenden – hier eine professionelle Trauerbegleitung anzubieten.

XING News: Gibt es denn Möglichkeiten, sich auf solche Trauerprozesse emotional vorzubereiten, damit es mich nicht so hart trifft?

Christine Kempkes: Trauer und Verlust betrifft ja wirklich jeden von uns, darum ist uns schon geholfen, wenn wir eine Offenheit dem Thema gegenüber entwickeln und mit anderen darüber sprechen, anstatt es zu verdrängen. Aber wenn es mich dann wirklich selber trifft, wenn etwa jemand Nahestehendes stirbt, gibt es dafür keine Taktik, die ich einfach abrufen kann. Wichtig ist, sich von niemanden einreden zu lassen, wie man sich fühlen soll. Für mich ist das oberste Gebot, sich jeden Morgen auf der Bettkante zu fragen: Wie geht es mir heute? Was brauche ich heute? Welche klitzekleine Sache könnte mir heute helfen, um durch diesen Tag zu kommen.

Auch du hast schon einmal getrauert? Was hättest du dir am Arbeitsplatz gewünscht? Schreib's uns in die Kommentare.

___________

Zur Interviewpartnerin:

Christine Kempkes

Christine Kempkes arbeitet als Bestatterin, freie Trauerrednerin und Trauerbegleiterin (BVT). Sie plädiert für einen leichteren, lebensbejahenden Umgang mit den tabuisierten Themen Sterben, Tod und Trauer. Außerdem coacht sie Führungskräfte und bietet Workshops an zum Umgang mit Trauer in Unternehmen.

Zukunft.machen.
Zukunft.machen.

Das Zukunfts-Format der XING Redaktion

Dies ist das Format der XING Redaktion, das sich mit den entscheidenden Fragen der Zukunft beschäftigt. In Video-Interviews, Gastbeiträgen, Interviews und Podcasts geben wir hier Expert·innen und Vordenker·innen, Wissenschaftler·innen und Influencer·innen ein Forum für ihre Lösungsansätze, wie eine gelungene Zukunft zum Wohle aller gelingen kann. Nicht nur die Corona-Krise zeigt: Wir leben in einer volatilen, sich schnell verändernden Welt, die von uns eine neue Qualität der Anpassungsfähigkeit verlangt. Der Schwerpunkt von Zukunft.machen. liegt auf der Arbeits- und Wirtschaftswelt von morgen - die heute schon begonnen hat.
Show more