Probleme beim Einloggen
XING New Work Experience

XING New Work Experience

Alles zur Zukunft der Arbeit

„Wer die Freude am Entdecken und Gestalten verliert, verliert auch seine Lust am Leben“

Gerald Hüther: Neurobiologe, Autor und Speaker auf der NWX19

Gerald Hüther, Neurobiologe und Keynote-Speaker bei der XING New Work Experience, diskutiert mit Lysander Weiß, Partner bei Venture Idea und Co-Autor des Buches „Good Job!“, über die These „Selbstentwicklung statt Fremdbestimmung“.

Herr Hüther, eine Aussage von Ihnen lautet: „Wir sind Menschen, und wenn wir wollen, können wir uns jederzeit weiterentwickeln”. Sollte diese Erkenntnis nicht selbstverständlich sein? Warum muss dies betont werden?

Na ja, bis vor wenigen Jahren war ja noch gar nicht bekannt, dass die in unserem Gehirn irgendwann einmal herausgebildeten Nervenzellverknüpfungen zeitlebens überformbar und umbaubar sind. Da geht also immer noch etwas, bis ins hohe Alter. Nicht wenige Führungskräfte und Mitarbeiter in Unternehmen scheinen aber noch immer daran zu glauben, dass es darum geht, einen bestimmten Zustand zu erreichen und zu erhalten. Besitzstandwahrer nenne ich die gern. Die haben keine Lust, noch irgendwelche in ihnen angelegte Möglichkeiten zu entfalten. Wahrscheinlich sind es auch nicht allzu viele, die ernsthaft darüber nachgedacht haben, ob da nicht noch etwas in ihnen schlummert, das noch gar nicht herausgekommen ist. Und es ist wohl auch nur wenigen irgendwann einmal klar geworden, wie sehr sie sich bei dem Versuch zu lernen, wie das Leben geht, angesichts der vorgefundenen Bedingungen in Elternhaus, Schule, Ausbildung und Beruf ohne es gleich zu bemerken verwickelt haben. Wer sich aber einmal hinreichend verwickelt hat, der kann dann auch nichts mehr entfalten. Dazu müsste sich die betreffende Person ja zunächst erst einmal „ent-wickeln“. (Weiter)entwicklung wäre also die schrittweise Auflösung von zuvor entstandenen Verwicklungen. Ist das wirklich allen klar oder gar für alle selbstverständlich? 

Scheinbar ist es das nicht, denn oft scheint trotz einer immer steigenden Zahl an Möglichkeiten eher das Motto “Fremdbestimmung statt Selbstentwicklung” zu gelten. Warum schaffen es Menschen oft nicht, sich zu „ent-wickeln“ und ihre Potenziale zu frei zu entfalten?

Die Arbeitsweise unseres Gehirns wird von einem recht einfachen Prinzip bestimmt: Energie sparen. Deshalb suchen wir alle nach einem Zustand, in dem dann alles optimal passt. Den nennen die Hirnforscher Kohärenz und der verbraucht die wenigste Energie. Alles, was neu ist - also nicht mithilfe einer bereits erworbenen Routine abgearbeitet werden kann -, versetzt das Hirn in einen inkohärenten Zustand, der viel Energie verbraucht. Dieser Zustand hat auch eine ganze Reihe körperlicher Auswirkungen, er ist somit unangenehm und man will ihn möglichst schnell wieder loswerden. Dies geht (leider) am besten, indem man in seine alten, bisher bewährten Muster und vorgegebene Pfade zurückfällt. Deshalb ist es vielen Mitarbeiten lieber, der Chef sagt ihnen, was sie zu tun haben, statt selbst die Verantwortung für Ihr Handeln zu übernehmen.

Solchen Mitarbeitern ist scheinbar der Wille nach Selbstentwicklung abhanden gekommen. Der New Work “Erfinder” Frithjof Bergmann sagt dazu: “Wenn es um das Thema Arbeit geht, wissen die Menschen nicht, was sie wirklich wollen. (…) Schuld ist die Erziehung. Das Organ, mit dem man will, ist abgetötet worden.” Würden Sie der Aussage zustimmen?

Das stimmt selbstverständlich. Wir kommen ja nicht als halbtote Wesen zur Welt, die nichts entdecken und nichts gestalten wollen. Aber beim Versuch, diese angeborene Entdeckerfreude und Gestaltungslust umzusetzen, geraten wir über kurz oder lang in Konflikte mit anderen Personen, die zu wissen meinen, worauf es im Leben ankommt. Und dann muss man oft schon als Kind die für diese intrinsische Motivation verantwortlichen Netzwerke im Hirn unterdrücken, sich also hemmende Verschaltungen darüber bauen. Wenn die dann erfolgreich aufgebaut und stark genug geworden sind, will man auch nichts mehr. Die betreffende Person ist dann so geworden, dass sie den anderen mit ihrer Entdeckerfreude und Gestaltungslust nicht mehr länger auf die Nerven geht und die von ihnen vorgegebenen Abläufe stört. Sie ist nun angepasst, die ständigen Probleme haben ein Ende, das Gehirn kann wieder kohärenter und damit energiesparender arbeiten. Mit der bis dahin vorhandenen Lebensfreude, dem Glück und der Lebendigkeit oder gar der einstigen Kreativität ist es dann aber auch vorbei.

Wenn es aber doch energiesparender ist, warum ist es dann überhaupt sinnvoll, eine „anstrengende“ dauerhafte Weiterentwicklung und Veränderung anzustreben?

Weil man nicht in einer sich ständig verändernden Welt überleben kann, indem man so bleibt, wie man mal geworden ist. Da muss man sich mit verändern, sonst bestraft einen das Leben. Es gibt tatsächlich Spezies, wie z.B. die Pfeilschwanzkrebse, die sich in Lebensräume zurückgezogen haben, die enorm konstant sind. Wer das schafft, braucht sich selbst dann auch nicht mehr zu verändern. Doch hat man dann ein Problem: Wenn sie diese Lebenswelt dann doch irgendwann mal verändert, kann man sich dann nicht mehr schnell genug anpassen, und wird über kurz oder lang aussterben (wie die meisten Spezialisten für ein Leben in ökologische Nischen).

Wir Menschen verändern aber unsere eigene Lebenswelt so grundlegend und auch so rasch wie kein anderes Lebewesen. Wir könne deshalb nur überleben, indem wir uns selber ständig mitverändern. Um uns anzupassen, müssen wir nach neuen Lösungen suchen statt in alten Mustern zu verharren. Damit verändern wir wiederum die Welt, und müssen wieder neue Lösungen zur Anpassung finden. Das ist der Motor, der unseren eigenen Transformationsprozess antreibt. Dass wir für das Überleben möglichst viel Stabilität brauchen, ist also ein Irrglaube. Wer in einer sich verändernden Welt so weitermachen will wie bisher, ist eigentlich schon gestorben. 

Dies klingt einleuchtend, jedoch auch sehr anstrengend. Wie kann ich als Mensch die notwendige Energie aufbringen?

Was anstrengend ist, funktioniert auch nicht. Es müsste Freude machen oder zumindest sehr attraktiv erscheinen, sonst geht es nicht. Wir nehmen doch alle gern etwas Unbill, also vorübergehende Inkohärenzen in Kauf, wenn wir wissen, wofür wir etwas tun. Wenn wir etwas anstreben, was uns wirklich wichtig ist. 

Wenn jemand z.B. Arzt werden will, wird er dafür sogar jahrelang viele Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen, bis das Ziel erreicht ist. Doch dann kommt das Problem: Ist das Ziel erreicht, macht man es sich bequem, statt weiterzugehen. Günstiger wäre es deshalb, anstelle eines erreichbaren Ziels ein Anliegen zu verfolgen, dem man sich nur schrittweise nähern, welches man aber nie ganz erreichen kann. Statt Arzt werden zu wollen, könnte man auch jemand werden wollen, der Menschen dabei hilft, wieder gesund oder gar nicht erst krank zu werden. Ein Anliegen, das jemand verfolgt hat also immer etwas mit Sinngebung des eigenen Daseins zu tun. Wenn Sie z.B. im Arbeitsleben nicht wissen, wofür Sie arbeiten, also statt einer Berufung zu folgen nur Geld verdienen wollen, kann es sehr anstrengend werden, die Tage an der Arbeit zu überstehen.

Wenn alle Weiterentwicklung und Selbstbestimmung maßgeblich sind, was muss sich ändern, damit diese gelingen können?

Am besten wäre es, wenn man sich gar nicht erst verwickeln muss und sich von Anfang an als selbstbestimmter Gestalter und Entdecker erleben kann. Wem dieses Glück nicht vergönnt war, kann dann nur versuchen, sich selbst wieder zu entwickeln. Das wird aber nur gelingen, wenn die betreffende Person eine Vorstellung davon hat, wofür das gut sein soll. Sie müsste sich also fragen, ob sie wirklich dieses Leben so leben will, wie sie es täglich macht, was sie sich selbst schuldig ist und wofür sie eigentlich da sein will. Das sind spannende Fragen, die aber nur selten gestellt werden. Sie erzeugen bei den meisten eine große Inkohärenz im Hirn.

Wie kann in dieser Situation die eigene Kohärenz aufgelöst werden? Braucht es vielleicht doch manchmal einen fremdbestimmten „Impuls“, um sich diese Fragen zu stellen?

Es ist richtig, dass es einen Impuls, also einen Anstoß geben muss, damit sich jemand tatsächlich noch einmal auf den Weg macht. Dieser ist aber keine Fremdbestimmung, wenn er funktioniert, dann eher im Sinne einer Berührung. Dabei kann es dazu kommen, dass jemand wieder in Kontakt mit den unterdrückten Teilen seines Selbst kommt und dadurch so etwas wie eine Sehnsucht oder ein Verlangen nach einem selbstbestimmten und selbstverantwortlichen Leben als Entdecker und Gestalter wieder wach wird.

Möglichkeiten dafür gibt es viele. So wurden z.B. viele Führungskräfte von dem Film „die stille Revolution“ berührt, als sie erkannt haben, dass Unternehmen ganz anders funktionieren und sie selber somit ganz anders arbeiten könnten. Wenn damit das Verlangen nach Entwicklung geweckt wurde, will man es bestenfalls nicht wieder hergeben, nur um kohärent zu bleiben, sondern sucht nach einem neuen Weg, der dorthin führt, wo man hinwill. 

Manche Unternehmen versuchen bereits, Mitarbeitern mehr Freiraum zur Selbstbestimmung zu ermöglichen. Was halten Sie von solchen Maßnahmen (z.B. “Googles 20% variable Zeit, Sabbaticals, 4-Tage-Woche, …)?

Freiraum ist schon wichtig, denn nur dann, wenn Menschen etwas selbst gestalten können, sind sie lebendig. Dort werden sie auch kreativ und bleiben gesund. Wo sie nichts gestalten und nur funktionieren müssen, gleichen sie eher Automaten. Und die werden im Zuge von Industrie 4.0. solche Tätigkeiten wohl auch bald übernehmen. Daher ist es für die Unternehmen sicherlich ebenso überlebenswichtig wie für die Mitarbeiter, Potentialentfaltung durch gestalterischen Freiraum zu ermöglichen. 

Doch wie weit kann das gehen? Laufen die Unternehmen damit nicht in Gefahr, dass die (bezahlte) Zeit gar nicht für das Unternehmen aufgewendet wird?

Dieses Argument gilt nur für solche Mitarbeiter, die nicht wissen, warum sie in der Firma arbeiten, also für all jene, die außer der Bezahlung kein Anliegen für ihre Arbeit haben. All jene Mitarbeiter aber, die gern arbeiten und sich einbringen und die auch wissen, wofür sie das tun, werden den Freiraum nutzen, um ihr Anliegen noch besser verfolgen zu können. Einfach den Freiraum zur Verfügung zu stellen und auf das Beste zu hoffen, funktioniert also tatsächlich nicht. Zuvor muss jeder Mitarbeiter Teil des gemeinsamen Anliegens werden. Dazu müsste allerdings auch das ganze Unternehmen ein Anliegen verfolgen, das über reines Geldverdienen hinausgeht.

Nur diese Variante wird langfristig funktionieren. Dafür gibt es auch jetzt schon sehr anschauliche Beispiele. Unter diesem Aspekt ist der Vergleich der beiden Drogeriemarktunternehmen Schlecker und dm sehr aufschlussreich: Das eine hat seine Mitarbeiter überwacht und kontrolliert, das andere hat ihnen einen maximalen Gestaltungsraum eingeräumt. Welches hat sehr erfolgreich überlebt? 

Es ist also offensichtlich, dass Selbstentwicklung statt Fremdbestimmung notwendig ist. Was kann ich jetzt konkret bei mir, in meinem Team oder Unternehmen tun, um Potentialentfaltung zu fördern?

Sie dürften fortan weder sich selbst noch andere zu Objekten ihrer Erwartungen, Belehrungen, Bewertungen, Maßnahmen oder gar Anordnungen machen. Die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Potentiale kann und braucht niemand zu fördern. Die entfalten sich von ganz allein und aus eigenem Antrieb. Aber eben erst dann, wenn all das weggeräumt worden ist, was diesen Entfaltungsprozess bisher verhindert hatte. 

Was passiert, wenn wir uns entscheiden, nichts zu ändern?

Dann läuft alles weiter so wie bisher und wir werden uns weiter gegenseitig einzureden versuchen, dass es doch eigentlich ganz gut ist, wie es läuft.

Am Ende geht es also um eine Entscheidung. Wenn ich die Entscheidung treffe, nichts zu tun, passiert auch nichts. Damit sich jemand dafür entscheiden kann, sich auf einen Veränderungsprozess einzulassen, muss es für sie oder ihn einen hinreichend gewichtigen Grund geben. Der aber kann nie von außen, sondern nur aus der betreffenden Person selbst herauskommen.

Prof. Dr. Gerald Hüther zählt zu den renommiertesten Hirnforschern Deutschlands. Er wurde 1951 in Gotha geboren, hat in Leipzig studiert und in Jena promoviert, bevor er zum Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin in Göttingen wechselte. Gerald Hüther interessiert sich vorwiegend für die frühen Erfahrungen im menschlichen Leben und deren Einfluss auf die Hirnentwicklung, wozu vor allem emotionale Reaktionen wie Angst und Stress gehören. Seine Erkenntnisse veröffentlicht Hüther nicht nur für die Fachwelt, sondern auch in - auch für Laien - gut zugänglichen Sachbüchern.

Lysander Weiß führt gemeinsam mit Alexander Kornelsen, Florian Lanzer, und Lucas Sauberschwarz die Strategieberatung Venture Idea, welche jüngst als Deutschlands beste mittelständische Beratung für Innovation & Wachstum von der WirtschaftsWoche ausgezeichnet wurde. Ihre Mission: Die Arbeit soll ein glückliches Leben ermöglichen. Dafür lassen sie die „alte Arbeitswelt“ hinter sich und gehen neue Wege. Nicht nur in Beratungsprojekten, sondern auch als Experten prägen sie Innovation & New Work bei Großunternehmen, zum Beispiel mit ihren Amazon-Bestsellern “Good Job!” und „Das Comeback der Konzerne“ ihren Tätigkeiten als Direktoren beim SGMI Management Institut St. Gallen und zahlreichen Beiträgen zu Veranstaltungen, Magazinen und Podcasts.

Die dritte New Work Experience (NWX19) findet am 7. März 2019 erneut in der wohl spektakulärsten Location Deutschlands statt – der Elbphilharmonie Hamburg. New Work bedeutet Diversität, Dialog, Wertschätzung und die Entwicklung individueller Antworten. Dazu braucht es Transparenz und Offenheit sowie Vertrauen und die Fähigkeit, Kontrolle abzugeben. Wie das möglich ist, was andere probiert und erfahren haben, was geklappt hat, aber auch, was sich nicht bewähren konnte – darum geht es auf der NWX19. New Work – make it work!

Weitere spannende Inhalte zum Thema New Work finden Sie auf nwx.xing.com

XING New Work Experience
XING New Work Experience

Alles zur Zukunft der Arbeit

Alles zur Zukunft der Arbeit: Auf dieser News-Seite finden alle New Work-Interessierten multimedialen Content rund um das Thema. Neben Experten-Interviews, Debatten, Studien, Tipps und Best Practices, erwarten die Leser auch Video- und Podcastformate. Und natürlich ein Überblick unserer gesamten New Work Events, die mehrmals im Jahr im gesamten deutschsprachigen Raum stattfinden. Weitere spannende Inhalte zum Thema New Work finden Sie auf: nwx.xing.com Anfragen gerne an: lisa.noelting@xing.com
Mehr anzeigen