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Kai Schmidhuber

Kai Schmidhuber

for Internet & Technologie, Marketing & Werbung, Personalwesen, Wirtschaft & Management

Analoge Unterhaltung disruptiert Digital.

(c) pixabay

Analoge Brettspiele disruptieren gerade unsere schöne Digitalisierung. Und Smartphones landen in der Ecke. Wie konnte es nur so weit kommen?

Rollen Sie schon mit den Augen, wenn Sie "Monopoly" nur hören? Dann lesen Sie gerne mal weiter. Apropos Monopoly - wussten Sie, dass der eigentliche Ursprung von Monopoly genau das Gegenteil von dem bezwecken sollte, was Monopoly heute ist?  Es war ein Protest-Spiel. Es war im Grunde genommen gegen Menschen, die nur vom Landbesitz profitierten. Es wurde erfunden, um die Ungerechtigkeit der Schere zwischen Arm und Reich (an Land/Eigentum) aufzuzeigen. Das ist dann wohl grandios nach hinten losgegangen...

Brettspiele und die digitale Rolle Rückwärts

Aber um Monopoly geht es in diesem Artikel auch gar nicht. Sondern um Brettspiele, die gerade klammheimlich die Rolle Rückwärts der digitalen Transformation einläuten. Und die Menschen von ihren Smartphones wieder an die Küchentische ziehen. Zumindest für ein paar Stunden. Aber von vorn:

Brettspiele haben lange Zeit den Ruf gehabt,  eine Aktivität für Großmütter und Neandertaler im Keller zu sein. Aber dieser Stereotyp ist inzwischen längst verschwunden. Jeder - Sie sicherlich auch - hat irgendwann in seinem Leben Monopoly oder Uno gespielt, aber in den letzten zehn Jahren hat eine ganz neue Generation von Brettspielen - mit hochwertigen Gestaltungen, komplexen, aber lustigen Regeln und in einigen Fällen mit variablen Handlungssträngen - die Art und Weise revolutioniert, wie man einen Freitagabend mit seinen Freunden verbringen kann.

Der Hype kommt aus Europa!

Verkehrte Welt - nicht aus den USA stammt dieser Hype, sondern aus Europa! "Eurogames" wird inzwischen eine ganze Kategorie von Brettspielen bezeichnet.

Die Eurospiele sind dafür bekannt, kooperativ und strategisch zu sein und komplexere Spielstile und Regelsysteme zu integrieren. Dies steht im Vergleich zu Spielen im amerikanischen Stil ("Ameritrash"), die eher glücksbasiert sind und eher auf dem Eliminieren von Spielern basieren.  

Während der Begriff "Brettspiel" an das Spielen langer Monopoly-Sitzungen erinnern mag, begann die Renaissance der Brettspiele vor einigen Jahren Jahren mit einem zunehmenden Interesse an Spielen, die im allgemeinen Strategie und Zusammenarbeit über Konflikte und Glück betonen und sich oft um wirtschaftliche Themen drehen. 

Ein wenig Kennerwissen für Sie: Eines der besten Beispiele für Brettspiele im Euro-Stil ist sicher "Die Siedler von Catan", das bereits 1995 sein Debüt gab und als Pate für Strategiespiele gilt. Das Spiel fordert von den Spielern, eine Insel zu kolonisieren und eine zu Siedlung bauen. Sie müssen dabei mit Ressourcen handeln und Kooperation, Verhandlungsgeschick sowie soziale Kompetenz sprechen lassen. In "Pandemie", einem der weltweit beliebtesten kooperativen Spiele, arbeiten die Spieler zusammen, um die Ausbreitung von vier Krankheiten zu stoppen. Es werden außerdem an heimischen Spieltischen Eisenbahnstrecken gebaut, um Städte zu verbinden (Zug um Zug) oder eine mittelalterliche französische Stadt (Carcassonne) entwickelt.

Wieso sind Brettspiele wieder so im Kommen?

Die Videospielindustrie hat sicherlich den Appetit der Spieler auf hochwertiges Design, Story-Elemente und komplexere Regelsysteme geweckt. Die alten "klassischen" Brettspiele wie Monopoly und Scrabble konkurrieren nun mit jüngeren, flexibleren und hoch entwickelten Spielen. Nunmehr beliebte Review-Foren wie "Boardgamegeek" zeigen die große Community, die rund um die neue analoge Unterhaltung der Brettspiele entstanden ist. Schauen Sie sich das doch einmal selbst an - HunterundCron sind ein Paradebeispiel hierfür. Die beiden jungen Männer aus Berlin scharen inzwischen Tausende begeisterte Anhänger, Mitspieler und Zuseher um sich und ihre digitalen Kanäle zum Thema "analoger Unterhaltung" - Brettspiele.

Und Ja: Wir leben in einer digitalen Welt, das ist klar. Aber die Menschen suchen zunehmend nach sozialer Unterhaltung - von Angesicht zu Angesicht.

Und das aus Quellen, die eindeutig analog sind. Dazu gehören auch Brettspiele. Allein in den letzten Jahren wuchs der Absatz von Brettspielen in den USA beispielsweise zweistellig. Ich denke, dass hier auch das Thema "Hygge" und der "Nestbau-Trend" eine große Rolle spielen. Wir kochen zu Hause, laden Freunde ein. Und in letzter Zeit kommen immer mehr Brettspiele dazu. Und die wachsende Popularität von Brettspielen beschränkt sich nicht nur auf die eigenen vier Wände. Es gibt eine wachsende Anzahl von Brettspielcafés und Brettspielbars, in denen man Brettspiele spielen kann, während man trinkt, isst und mit Freunden zusammen ist. Und ja - es gibt inzwischen sogar Brettspielsommeliers. Diese "Berater" schöpfen aus einer Auswahl von hunderten Spielen und empfehlen diese dann je nach Stimmung der Spieler und Gruppengröße.

Ich sehe das so:

Egal wie viele Stunden wir damit verbringen, uns in virtuelle Realitäten einzutauchen und auf unseren Bildschirmen zu tappen, wir sehnen uns irgendwann nach der realen Konnektivität mit anderen Menschen
Kai Schmidhuber

Hier zeigt sich ein großes Potenzial, mehr Erfahrungen zu schaffen, bei denen die soziale Verbindung im Vordergrund steht. Von diesem Trend zur sozialen Integration profitieren übrigens nicht nur Brettspiele, sondern auch neue Freizeitformate, die sich als Destinationen für interaktive Gesellschaftsspiele wie Minigolf (ganz neu: Moonlight-Golf oder 3D-Minigolf), Trampolinhallen und Fluchtspiele (Escape Rooms) etablieren. 

Mein Fazit zur Brettspiel-Revolution

  • Selbst in einer Welt der Handyspiele, VR- und 3D-Grafik sorgen Brettspiele für ein großes Revival. Und das Internet hat auch den Brettspielen geholfen. Es gibt mehr Geld für Brettspiele auf Kickstarter als für Videospiele.
  • Die Entwicklung von Brettspielen ist immer noch ein tragfähiges Geschäftsmodell für große Unternehmen und Spieleverlage. Aber diese stehen vor der Herausforderung, skalierbare Spiele zu vertreiben. In Millionenauflagen.  Daher geht es hier viel darum, aus dem "Spiel des Lebens" oder "Monopoly" und weiteren starken etablierten Marken, die sie bereits im Sortiment haben, Mehrwerte zu generieren. "Star Wars Monopoly" lässt grüßen. Innovationen sind da schwer zu finden.
  • Mehr Erfolg werden langfristig kleinere Verlage und autonome Spiele-Autoren haben, die große digitale Communitiesinter im Rücken haben und ihre Vorhaben über Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter ermöglichen.  

Aber warum sind Brettspiele heute so beliebt?

Die Wiedergeburt von Brettspielen - insbesondere neuer, witziger und innovativer Ideen - hat wichtige Auswirkungen auf die Fähigkeiten, die wir im Leben benötigen. Und sie lehren uns Dinge, die oftmals - zumindest "gefühlt" - in den heutigen Zeiten abhanden gekommen zu sein scheinen. Viele neue Spiele sind rein kooperativ. Es gibt keine Gewinner. Entweder gewinnt jeder am Tisch oder jeder verliert.  

Brettspiele lehren daher aus meiner Sicht auch die Lektion, dass es eine Notwendigkeit nach Zusammenarbeit gibt. Man kann nicht der individualistische Einzelgänger sein und einfach auf alle anderen treten, um erfolgreich zu sein. Selbst Gewinner stehen auf den Schultern anderer. So funktonieren im Übrigen auch erfolgreiche Unternehmenskulturen, die über diesen Weg die Herausforderungen der digitalen Transformation meistern.

So ganz verschwinden die Smartphones und sozialen Netzwerke natürlich dann aber doch nicht - denn die meisten "großen" Brettspiele werden überhaupt erst durch sie - also mit massiver Community-Unterstützung über Plattformen wie Kickstarter - finanziert.

Das Kartenspiel "Exploding Kittens" (Explodierende Katzen - rollen Sie gerne mit den Augen) hat zuletzt knapp 10 Millionen Dollar von mehr als 200.000 Unterstützern eingefahren. Animiert über geschicktes digitales Marketing und Social Media. Ein Rekord, über den sich so manches großes Verlagshaus grübelnd die Würfelaugen reibt. 

Und falls Sie es noch nicht wussten - ich bin im Übrigen auch leidenschaftlicher Brettspiel-Autor. Meine erste Spielidee habe ich mit 9 Jahren an 10 Verlage und Spielehersteller geschickt. Per Post.  

Und demnächst werde den Beweis antreten, dass analoger Spaß per Brettspiel und digitale Animation perfekt miteinander harmonieren. Darüber in Kürze dann mehr hier. Eines vorweg - ich werde Ihre Hilfe brauchen. :-)

Welches Brettspiel haben Sie denn zuletzt gespielt?

Ihr 

Kai Schmidhuber

About the author

Kai Schmidhuber
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Vorstand Digital & Innovation, Marketing Club Düsseldorf e.V.

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Ich liebe es, mit kreativem Pragmatismus Unternehmen dabei zu helfen, sich neu zu erfinden. In Top-Positionen bei LOREAL, HENKEL, DHL & FRAPORT ist mir das oft gelungen. Als Redner und Publizist gebe ich schonungslose Einblicke hinter die Kulissen und berichte über meine lehrreichsten Rückschläge.
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