Stefan Mauer

Stefan Mauer

for Politik, Wirtschaft und Medien

Big-Data-Experte: Gamestop ist eine Zäsur für die Finanzmärkte

Foto: Pat Mazzera/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa

Mit seinem Unternehmen untersucht Stefan Nann seit rund zehn Jahren die Massenpsychologie zum Thema Finanzmärkte auf Social Media. Der Fall Gamestop überrascht ihn nicht. Zur Geheimwaffe gegen Finanzhaie werden Onlineforen aber wahrscheinlich trotzdem nicht.

Die Zahlen des Big-Data-Unternehmens Stockpulse zeigen besser als viele Worte, wie extrem sich die Spekulationen um die Aktie des Computerspielehändlers „Gamestop“ in den vergangenen Tagen verselbstständigt haben. Weit mehr als eine Million Menschen waren vor wenigen Tagen gleichzeitig online auf dem Reddit-Forum „Wallstreetbets“, von dem die bisher wohl größte koordinierte Attacke gegen einen Hedgefonds ausgeführt wird, die ihren Ursprung in den Sozialen Medien hat. Eine fast hundertfache Steigerung innerhalb weniger Wochen. Die Zahl der registrieren Nutzer·innen, die der Seite folgen, hat sich in weniger als zwei Wochen vervierfacht – von knapp zwei Millionen auf mehr als acht.

Stockpulse überwacht seit rund zehn Jahren verschiedene Social-Media-Netzwerke auf Kommunikation zu den Finanzmärkten. Die ausgewerteten Daten, die täglich aus Millionen verschiedener Nachrichten gewonnen werden, nutzen unter anderem die Deutsche Börse und die Nasdaq in den USA für ihre Handelsüberwachung. Zuletzt gab es keine Aktie, die in diesen Nachrichten häufiger auftauchte, als die von Gamestop. An Rekordtagen war das Wertpapier in mehr als 250.000 von ihnen Thema.

Was war passiert?

Das Forum „Wallstreetbets“ hat sich in den vergangenen Wochen zum Zentrum eines Börsenbebens entwickelt, das die Gepflogenheiten bei der Geldanlage kräftig durcheinander wirbeln könnte. Innerhalb weniger Wochen explodierte der Aktienkurs der Firma „Gamestop“. Hedgefonds hatten zuvor mithilfe so genannter Leerverkäufe große Wetten auf fallende Kurse bei der Aktie abgeschlossen. So groß, dass es die versammelte Nutzerschaft des Reddit-Forums „Wallstreetbets“ mobilisierte, sich diesen Wetten entgegen zu stellen und Aktien des Unternehmens zu kaufen. Sie zwangen den Hedgefonds in einen so genannten „Short Squeeze“, wodurch die Preise immer weiter in die Höhe getrieben wurden. Wie genau das funktioniert, erklärt die Redaktion der „Tagesschau“ in diesem Artikel. Einigen Medienberichten zufolge verloren die Großinvestoren dadurch bis zu 20 Milliarden US-Dollar.

Wie groß der Andrang im Forum war, legen die Stockpulse-Daten offen. Vor der Coronapandemie, zu Beginn des Jahres 2020, folgten weniger als 800.000 Nutzer·innen „Wallstreetbets“. Mehr als ein paar Tausend davon waren so gut wie nie gleichzeitig online. Die Pandemie sorgte anschließend für mehr Interesse, zu Beginn des Jahres 2021 lag die Abonnentenzahl bei knapp 1,8 Millionen und die Zahl der gleichzeitig aktiven Nutzer·innen bei immerhin bis zu 30.000. Das ist jedoch alles nichts gegen die Spitzenwerte, die kurz darauf erreicht wurden. Den bisherigen Höhepunkt markiert der 29. Januar 2021 mit mehr als 1,4 Millionen Menschen, die gleichzeitig nur in diesem einen Forum online waren. Seitdem ist diese Zahl zwar gesunken, aber immer noch auf extrem hohem Niveau. Auch in der Nacht auf den 2. Februar waren in der Spitze mehr als 700.000 Menschen auf „Wallstreetbets“

Sinken die Kurse nun wieder?

Die Privatanleger·innen auf Reddit sind also immer noch zahlreich. Trotzdem ist der Gamestop-Kurs zuletzt deutlich gesunken. Ein Grund dafür ist, dass zahlreiche Onlinebroker zuletzt den Handel mit den Papieren beschränkten – allerdings nur in eine Richtung. Privatmenschen konnten so die Aktie zwar noch verkaufen, aber nicht mehr kaufen. Das interpretierten viele als Marktmanipulation der Broker, die oft einen Großteil ihrer Einnahmen über große Hedgefonds machen. Was genau die Broker teilweise immer noch machen und eine Debatte dazu, wie legal das überhaupt ist, haben die Kolleg·innen bei der Wirtschaftswoche aufgeschrieben.

Ob der Kurs nun weiter abstürzt oder zwischendurch noch einmal einen Ausflug nach oben macht, können selbst gestandene Analyst·innen aktuell nur raten. Viel hängt vom Verhalten der Broker ab und auch davon, wie viele Short-Positionen – also Wetten auf fallende Aktienkurse – noch im Markt sind. Den Stand von Dienstagabend findet Ihr drüben bei der „Süddeutschen Zeitung“.

Was bedeutet das alles langfristig?

„Was wir hier gesehen haben ist ein Phänomen, das nicht wieder weggehen wird“, sagt Stefan Nann, Geschäftsführer und Co-Gründer von Stockpulse. „Erstmalig wird einer großen Zahl Menschen bewusst, wie groß der Einfluss von Social Media auf die Kurse von Finanzprodukten sein kann.“

Er warnt allerdings davor, jetzt schon über die große Demokratisierung des Aktienhandels zu jubeln. „Die Unterhaltungen in den Foren sind öffentlich, auch die Hedgefonds können mitlesen und ihre Strategie falls nötig anpassen.“ Er geht davon aus, dass es in Zukunft eine große Nachfrage nach Lösungen geben wird, die entsprechende Nachrichten automatisiert auslesen und bewerten.

„Es ist immer noch vieles unklar“, sagt Nann. Die Rolle der Broker stehe derzeit zur Debatte, ebenso wie die Strategie einiger besonders aggressiver Fonds, teilweise mehr Wertpapiere leer zu verkaufen, als überhaupt am Markt verfügbar sind – eine Praxis, die das europäische Recht zum Beispiel gar nicht erlaubt. „Die großen Player werden in Zukunft an einigen Stellen vorsichtiger agieren und vielleicht auch auf die ein oder andere Strategie verzichten“, schätzt er. „Es handelt sich hier um ein Börsenbeben, keine Frage. Wer am Ende als Sieger daraus hervorgeht, werden wir aber erst wissen, wenn der Staub sich gelegt hat.“

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Hauptstadtkorrespondent, XING News GmbH

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Stefan Mauer ist Hauptstadtkorrespondent der Redaktion von XING Klartext. Der Wirtschaftsjournalist arbeitete zuvor unter anderem als Südasien-Korrespondent für die Deutsche Presse-Agentur und als Redakteur und Autor für die Online- und Print-Ausgaben zahlreicher überregionaler Zeitungen.
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