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Dipl.-Ing. Jens Thaele

Dipl.-Ing. Jens Thaele

for Telekommunikation, Digitalen Wandel

Buchmessen im Spannungsfeld von Digitalisierung, dem Kampf um Leser und Meinungsfreiheit

Wohin bewegt sich die Buchbranche?

Die deutsche Medienlandschaft ist gleich mit zwei der bedeutendsten Buchmessen der Welt gesegnet – die Leipziger Buchmesse im Frühjahr und die Frankfurter Buchmesse, die im Herbst eines jeden Jahres stattfindet; letztere ging jüngst erst mit einem Zuwachs an Ausstellern zu Ende und auch die Leipziger können sich über ein stetig wachsendes Interesse sowohl bei Ausstellern als auch bei Besuchern erfreuen.

Und doch – trotz aller Erfolgsmeldungen – steckt die Branche in einer Art Sinnkrise: Die Umsätze der meisten Aussteller schwächeln bedenklich, viele Verlage kämpfen wirtschaftlich ums Überleben.

Die vordergründigen, wirtschaftlichen Probleme der Branche sind eher technischer Natur – der Digitalisierung geschuldet – während die aus dem digitalen Wandel folgende menschliche, gesellschaftliche Entwicklung sehr viel hintergründiger, aber dafür umso bedeutender ist und für die Zukunft der Branche entscheidende Konsequenzen haben wird.

Der digitale Wandel mischt die Karten neu

Nach Erfindung des Buchdruckes wurden die Prozesse rund um Buchherstellung und Vertrieb ein halbes Jahrtausend lang zwar technologisch perfektioniert, jedoch niemals vom Grundsatz her in Frage gestellt – bis das Internetzeitalter alles änderte. Die digitale Revolution verändert nicht nur die gesamte Gesellschaft, sondern auch die Spielregeln des Buchhandels wesentlich umfassender und hundertfach schneller, als es die Erfindung des Buchdruckes vor über 500 Jahren je vermochte. Die Technologiesprünge der digitalen Revolution mischen die Karten sowohl hinsichtlich der Anforderungen als auch bezüglich der Rollenverteilungen von Verlagen, Autoren und Lesern komplett neu.

Leser und Autoren gewinnen an Bedeutung, rücken enger zusammen; während Verlage eher eine Dienstleisterrolle im Buchmarkt übernehmen werden, da sie weder zur Produktion noch zur Verteilung von Büchern – die Digitalisierung macht es möglich – zwingend erforderlich sind.

Wer hat die beste Geschäftsidee zum Next Big Thing?

Apropos Technologiesprünge: Was wir heute in der Branche sehen ist lediglich ein klitzekleiner Vorgeschmack auf dasjenige, was künftig auf uns zukommt. Dabei wird weniger entscheidend für den geschäftlichen Erfolg des Einzelnen sein, welche Art von Technologie die nächste Disruption auslöst, sondern wie nutzerfreundlich und elegant die daraus resultierenden Geschäftsmodelle umgesetzt werden. Schlussendlich waren es bisher beispielsweise nicht das Internet oder die digitalen Ebooks, welche den Branchenführern so zugesetzt haben, sondern insbesondere der aus der Technologie erst möglich gewordene Online-Versandhandel mit all seinen neuen Möglichkeiten für Anbieter, Produzenten und Käufer.

Das spannende daran: Niemand kann wirklich seriös die Entwicklung vorhersehen. Ist es eventuell ein günstiger 3D-Drucker für Jedermann, der quasi über Nacht den Versandhandel faktisch überflüssig macht oder ist es eine heute noch unsichtbare, ganz neue Innovation?

Buchmessen als Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels

Die menschliche Komponente ist – durch den interaktiven Charakter der sozialen Netzwerke - ein wesentlicher Treiber der gerade stattfindenden Medienrevolte. Alle können nicht nur passiv dabei sein, sondern werden sogar zum Mitmachen ermutig – nicht nur online, auch live und möglichst auf Augenhöhe.

In den Messehallen wird das am auffälligsten durch die vielen neuen Medienformate und das aufstrebende Selfpublishing; abgerundet um Veranstaltungen rund um das Buch, das Schreiben sowie Bildung, Kunst und Musik.

In Zukunft erfolgreich sein werden alle diejenigen Marktteilnehmer, die sich am schnellsten und besten auf diese neuen Kundenbedürfnisse einstellen. Am Beispiel der Leipziger Buchmesse wird dies sehr deutlich. Nach langen Jahren in einem schwierigen politischen Umfeld und einem daraus resultierendem Nischendasein in der ehemaligen DDR, hatte man nach der Wende eine neue Strategie entwickelt, die sich genau diesen sozio-gesellschaftlichen Wandel zunutze machte: Eine Art Publikumsmesse zum Mitmachen.

So konnte – zumindest von den Besucherzahlen her – zu der etablierten Frankfurter Buchmesse aufgeschlossen werden, die sich in einem politisch freiheitlichen Klima zur weltweit unangefochtenen Leitmesse des Buchhandels entwickeln konnte.

Nun stellt sich die Frage, wie mächtige technologische Sprünge – aktuell die Digitalisierung – Gesellschaft und Politik verändern. Welche Chancen und Gefahren bringen solche Entwicklungen; wie können Buchmessen – als Aushängeschild der gesamten Medienbranche – hier positiv wirken? Ein Blick in die Vergangenheit bietet Ansatzpunkte:

Technologiesprünge: Von guten und bösen Geistern des Fortschrittes

Der letzte große mediale Megasprung war die Erfindung und wirtschaftliche Nutzung des Buchdruckes. Er hat die Zeit der Aufklärung und Reformation gebracht, in dessen Folge in einer sich gegenseitig verstärkenden Wirkung der europäische Buchhandel – mit Frankfurt als Zentrum – seine Hochzeit erlebte. Bildung und Aufklärung stießen jedoch auf wenig Gegenliebe der damals Mächtigen – allen voran der katholischen Kirche und dem Kaiser. Zensur und Kontrolle sollten es richten und so kontrollierten alsbald kaiserliche Bücherkommissare die Einhaltung der „guten Sitten“. Die Gegenreformation war geboren und nicht nur die Schriften Martin Luthers wurden verboten.

Eine sehr ähnliche Entwicklung sehen wir heute bereits in den Auswirkungen der digitalen Revolution auf Gesellschaft und Politik. War anfangs der technologische Sprung Auslöser und Beschleuniger, um den Zielen von politischer Freiheit, gesellschaftlicher Toleranz und umfassenden Bürgerrechten ein Stück näher zu kommen – der „Arabische Frühling“ wäre ohne soziale Medien so nicht möglich gewesen – so zeigen sich mittlerweile abermals mächtige Gegner, die ihre Macht durch freie soziale Medien bedroht sehen.

Dazu zählen nicht nur die Despoten mit ihren autokratischen Systemen – und die gibt es zahlreich auf der Welt – sondern auch alle politischen und wirtschaftlichen Gruppen, die ihre Deutungshoheit bedroht sehen – und die gibt es noch viel zahlreicher auf der Welt. Nur, die Erfüllungsgehilfen von Kontrolle und Zensur sind im 21. Jahrhundert nicht Bücherkommissare, sondern digitale Filter, die unliebsame politische Meinungen eliminieren, die „Täter“ möglichst gleich identifizieren und ggf. einer staatlichen Terrorjustiz zuführen.

Ein schmaler Pfad: Meinungsfreiheit ja, Hass und Hetze nein

Die Lehren für die Buchmessen sind eindeutig: Meinungs- und Publikationsfreiheit ist stets Treiber und Grundvoraussetzung für das Entstehen und Gedeihen einer emanzipierten Bürgergesellschaft gewesen. Dazu gehören eine strikte politische Neutralität sowie das Zulassen von kontroversen, polarisierenden Meinungen, die dem Mainstream meist zuwiderlaufen und daher auf massive Kritik vieler Akteure stoßen.

Und genau dies bereitet den Machern der Buchmessen zunehmend Probleme. Eine Auseinandersetzung zwischen kontroversen Meinungen sollte stets argumentativ erfolgen und die Messe dafür einen geschützten Raum bieten. Doch die zunehmende Spaltung und Radikalisierung großer Gesellschaftsgruppen zeigt auch auf dem Parkett der Buchmessen seine hässliche Fratze. Die oft gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den sogenannten neurechten Verlagen spricht hier eine deutliche Sprache und stellt die Messedirektoren vor eine harte Bewährungsprobe, ob sie es mit der Durchsetzung der propagierten Meinungsfreiheit tatsächlich ernst nehmen. Die Zeit Redakteurin Miriam Lau hat dazu einen aufschlussreichen Artikel verfasst, den man mit den Worten „Abgrenzung von Hass und Volksverhetzung ja, verordnete Diskurshygiene von oben nein“ zusammenfassen könnte.

Werden die Direktoren der Buchmessen hier den richtigen Weg finden – ein zugegeben sehr schmaler Grat – so wird der stattfindende Wettbewerb an Ideen und Gedankenspielen sich zu einem Fels in der Brandung, zu einem Orientierungspunkt in politisch unruhigen Zeiten mausern. Als Bewahrer des Alten, als Trittbrettfahrer des Mainstreams, haben sie in einer freien, aufgeklärten Demokratie keine Zukunft.

Und da war noch etwas: Das gedruckte Buch, um das sich alles dreht, könnte hier im digitalen Zeitalter eine sehr wichtige Rolle übernehmen. Im Gegensatz zu elektronischen Medien, die beliebig gelöscht, verändert, sprich korrumpiert werden können, bietet es eine jahrhundertelang bewährte, batterieunabhängige, nicht hackbare, sichere Speichermethode.

About the author

Dipl.-Ing. Jens Thaele
Dipl.-Ing. Jens Thaele

Consultant und Autor, Jens Thaele Consulting

for Telekommunikation, Digitalen Wandel

Die rasante Entwicklung der Telekommunikationsbranche ist mir bestens bekannt. Früher durch Einsätze bei namhaften Unternehmen im In- und Ausland, heute durch meine Tätigkeit als Berater und Autor. Dabei gebe ich Menschen hilfreiche Tipps zu Chancen, Gefahren, Umgang sowie Einsatz von Technologie.
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