Catharina Bruns

Catharina Bruns

for Entrepreneurship, Neues Arbeiten, Selbstständigkeit, Arbeitskultur

Coronavirus in Deutschland: Was bedeutet das für Selbstständige, wo gibt es Hilfe und was kann man selbst tun?

  • Die Ausweitung des ersten Maßnahmenpakets ist richtig und notwendig
  • Jetzt müssen die zuständigen Stellen unbürokratisch arbeiten
  • Für uns Selbstständige gilt einmal mehr: keine Panik, sondern mehr Unternehmertum

Der Umgang mit COVID-19 bestimmt den Alltag in den Ländern Europas und der Welt. Um den negativen wirtschaftlichen und teils existenziellen Auswirkungen auf Unternehmen und Beschäftigte entgegenzutreten, hat die Bundesregierung ein umfassendes Maßnahmenpaket verabschiedet.

Erfreulich ist, dass auch wir Selbstständige und Freiberufler*innen Förderung durch die Programme der KfW und Landesförderinstitute erhalten können. Wer jetzt betroffen ist, wird schon versucht haben sich im Netz mit Infos zu versorgen - die Flut an Informationen schafft aber bisher für den Einzelnen nicht immer Klarheit. Viele Selbstständige berichten mir, dass die offiziellen Anlaufstellen überlastet sind - das Land ist im Ausnahmezustand.

Der erste Wurf eines Maßnahmenpakets war gut - aber für Selbstständige nicht ausreichend.

Die staatlichen Hilfen umfassen günstige KfW-Kreditbedingungen und steuerliche Liquiditätshilfen, Stundungen und Bürgschaften, sowie zusätzliche „Sonderprogramme“ bei der KfW.

Nachdem am 13.03.2020 das erste Maßnahmenpaket verkündet wurde, war schnell erkennbar: Die großzügigen Hilfsangebote gehen an vielen Selbstständigen vorbei.

Beispielsweise muss die Vergabe von Krediten auch den Erfordernissen von jenen Selbstständigen und Kleinunternehmer*innen gerecht werden, die unter normalen Umständen nicht als kreditwürdig eingestuft werden.

Aber Kredite (Verschuldung) sind kein Allheilmittel in einer Krise.

Spürbare Entlastungen bei Steuern und Sozialversicherungen scheinen mir grundsätzlich zielführender als Kreditangebote. Für uns Selbstständige gilt: Die zu leistenden Beträge bemessen sich nach einem vorangegangenen Geschäftsjahr und bilden daher die Vergangenheit ab und nicht den Status Quo. Das Herabsetzen der laufenden Steuervorauszahlung und Stundung fälliger Steuerzahlungen kann der Hebel sein, um Liquidität zu erhalten. Und darum geht es im Moment.

Die zuständigen Finanzämter müssen jetzt schnell und unbürokratisch weiterhelfen.

Inzwischen hat die Bundesregierung nachgebessert: „Finanzielle Soforthilfen (Zuschüsse) für kleine Unternehmen gelten für alle Wirtschaftsbereiche sowie Solo-Selbständige und Angehörige der Freien Berufe bis zu 10 Beschäftigten. Das Programmvolumen umfasst bis zu 50 Milliarden Euro“ heißt es in der Pressemitteilung des BmWi vom 23.03.2020.

Konkret soll gelten:

  • bis 9000 € Einmalzahlung für 3 Monate bei bis zu 5 Beschäftigten,
  • bis 15.000 € Einmalzahlung für 3 Monate bei bis zu 10 Beschäftigten.

Weiterhin soll der Zugang zur Grundsicherung erleichtert werden, indem für einen festgelegten Zeitraum auf die Vermögensprüfung verzichtet wird. Damit müssten etwaige als Vermögen angesehene Rücklagen und Besitz nicht erst aufgezehrt oder veräußert werden, um die Bezüge zu erhalten. (Hierzu PM BMAS)

Die rasche Reaktion der Politik macht zuversichtlich, dass es für die vielfältigen selbstständigen Lebensentwürfe, Freiberufler*innen und Kleinstunternehmer*innen das passende Verständnis gibt. Die jetzt geplanten Zuschüsse, die nicht zurückbezahlt werden müssen, werden vielen über die schwierige Zeit helfen.

Der Gesetzgeber ist aus meiner Sicht außerdem gefragt, jetzt die Mindestbemessungsgrenze zur Beitragsermittlung für Selbstständige in der gesetzlichen Krankenkasse auf die Geringfügigkeitsgrenze von 450 Euro zu reduzieren. Und auch das Aussetzen von anderen Pflichtbeiträgen, wie etwa den Beitrag der IHK oder berufsständischen Kammern und die Öffnung der freiwilligen Arbeitslosenversicherung mit fairen Beiträgen für Selbstständige wären denkbare Maßnahmen.

Es gibt immer auch gute Nachrichten: I don’t want you to panic!

Bund und Länder werden viel Geld zur Überbrückung bereitstellen und man darf davon ausgehen, dass die kritische Lage zeitlich begrenzt sein wird.

Wir Selbstständigen rufen nicht oft nach dem Staat. Unternehmerisches Risiko gehört zum selbstständigen Lebensentwurf dazu. Das ist uns auch im Normalbetrieb immer bewusst. Wir wählen diesen Weg, weil wir selbstbestimmt und frei arbeiten wollen  –  mit allen Unsicherheiten und Herausforderungen.

Doch diese Krise ist nicht selbstverschuldet und viele werden staatliche Unterstützung zur Überbrückung brauchen. Trotzdem müssen und können wir uns auch selbst helfen.

Was können wir selbst tun? Mein Rat an Selbstständige:

Nicht alles infragestellen und die Nerven bewahren. Bitte bleibt pragmatisch. Angst ist bekanntlich kein guter Ratgeber und nur nach Rettung zu rufen, ohne kreativ zu werden, ist kein Indiz für unternehmerisches Denken und Handeln. Entrepreneurship heißt auch, mehr aus dem zu machen, was man hat und das ist viel!

  • Stellt, was ihr könnt, online zur Verfügung: Schafft ein neues Angebot, gebt euer Fachwissen weiter, lasst euch dafür via Paypal oder Patreon (siehe unten) bezahlen, seid online präsent oder bietet vorübergehend andere Services an, die ihr sonst vielleicht ausgelassen habt und die jetzt anderen helfen würden. Verkauft über Instagram, Facebook etc.
  • Seid umtriebig und resigniert nicht. Aus Krisen schlägt man kein Kapital, aber wenn man zur Beruhigung der Lage etwas beitragen kann, sollte man helfen, wo man kann. Auch wenn man nicht unmittelbar dafür bezahlt wird, ergeben sich neue Ideen und zukünftige Geschäftsbeziehungen.
  • Solidarisiert euch mit eurem Netzwerk: Wo kann man sich jetzt gegenseitig unterstützen? Welche Dienste und Services über Social Media Kanäle teilen?
  • Kümmert euch aktiv um fällige Einnahmen: (Teil-)Rechnungen jetzt stellen, bei Kund*innen um rasche Begleichung bitten. Viele werden derzeit dafür Verständnis haben. Umgekehrt bei den eigenen Ausgaben prüfen, was man zurückstellen, sparen oder stunden kann.
  • Für alle, die über die Künstlersozialkasse versichert sind:

    Es besteht zu jeder Zeit die Möglichkeit zur Anpassung des geschätzten Jahresarbeitseinkommens. Wenn es nun unerwartet zu Verdienstausfällen (oder höheren Einnahmen) kommt, kann die Schätzung und damit die Beiträge angepasst werden. Dies funktioniert allerdings nur für die Zukunft und gilt nicht für bereits gezahlte Beiträge. Hier geht’s zum Formular.

Wenn das alles nicht infrage kommt…

Nutzt die Zeit um euer Geschäftskonzept zu schärfen. Sicher kommt es einem unmöglich vor, einer Krise hinterherzureparieren. In einigen Branchen ist derzeit kaum etwas machbar. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig, außer unternehmerisch zu denken und etwas aus der Situation zu machen. Besonders wenn man solo arbeitet, kann man sich auch ohne großen Kapitalaufwand in neue Richtungen weiterentwickeln.

  • Schärft euer Geschäftskonzept, macht euch mit Prinzipien des Entrepreneurships vertraut.
  • Macht eure Website fit und optimiert sie auf Sichtbarkeit und Verkauf.
  • Akquiriert aktiv neue Kooperationspartner und bündelt wo möglich Kräfte.
  • Vernetzt euch in Online-Gruppen und über Social Media Kanäle, aber meidet negative Foren und Pöbler*innen. Sucht die Nähe zu potenziellen Kund*innen und Partnern.

Ob selbstständig oder nicht:

  • Unterstützt die Selbstständigen, bei denen ihr ohnehin Kunden seid weiterhin und schaut, ob ihr euren Bedarf nicht auch über kleine Label und selbstständige Anbieter stillen könnt: Wenn Jogastunden, Theaterkarten, Gassi-Service, Friseurtermin oder Catering schon gebucht sind aber ausfallen  –  wenn ihr könnt, findet einen Weg und solidarisiert euch mit den Menschen, bei denen ihr auch sonst gerne kauft.
  • Werdet kurzfristig alle zu Influencern: Nutzt eure Social Media Accounts und privates Netzwerk um auf die Arbeit von diesen Anbieter*innen hinzuweisen und sie sichtbar zu machen.
  • Zahlt eure Rechnungen rasch. Viele Selbstständige warten ewig auf fällige Zahlungen, trotz abgeschlossener Leistungen.
  • Unterstützt Künstler*innen und Kulturschaffende über die Plattform Patreon. Hier wird erklärt, was das ist, wie das geht und wenn ihr selbst Künstler*in seid, macht euch einen Account, damit man euch Geld senden kann.

Keine Panik, sondern mehr Unternehmertum

Denkt größer, nicht kleiner in dieser herausfordernden Zeit. Diese Durststrecke wird nicht ewig dauern und sobald das Virus im Griff ist und der Alltag zurück, können wir wieder durchstarten.

Wenn all das vorüber ist, dann gehen wir wieder feiern, (Tanzlustbarkeiten!), machen Meet ups und Konferenzen, gehen auf Konzerte und Veranstaltungen und wissen es vielleicht noch besser zu schätzen, was Kunst, Kultur, Community und die Möglichkeiten des Marktes bedeuten.

Die Hilfen durch den Staat darf man an dieser Stelle auch mal anerkennen: Danke an alle Politiker*innen, die sich jetzt auch über unsere Situation Gedanken machen. Ohne die Wirtschaft, Unternehmertum in all seiner Vielfalt, Kunst, Kultur und den vielen Selbstständigen und Mitarbeitenden* läuft nichts. Es ist richtig uns in dieser Ausnahmesituation zu stützen.

Wir von der Kontist Stiftung haben unter www.selbstwasmachen.com eine Info-Seite (work in progress!) mit Corona-Fakten, praktischen Hilfestellungen und Anlaufstellen für alle, die selbstständig und frei arbeiten, erstellt. Wir sind an der Seite der Selbstständigen und Freiberufler*innen und werden sie durch diese herausfordernde Zeit begleiten. Zu diesem Zweck bieten wir regelmäßig ein virtuelles Forum an. Hier geht es zur Teilnahme.

Die Gespräche und Webinare werden live auch auf der Facebook Seite der Kontist Stiftung und Youtube Kanal gestreamt, wo sie später auch als Aufzeichnung zu sehen sind.

Bleibt besonnen und unternehmerisch!

Dieser Text wurde am 25.03.2020 aktualisiert!

About the author

Catharina Bruns
Catharina Bruns

Entrepreneurin/Co-Founder, Happy New Monday

for Entrepreneurship, Neues Arbeiten, Selbstständigkeit, Arbeitskultur

Die von workisnotajob. und Happy New Monday. Vorsitzende der Kontist Stiftung für Citizen Entrepreneurship. Unternehmerin und gelegentlich Autorin. Engagiert für Entrepreneurship und freie Arbeitsmodelle. Verwechselt Freiheit nicht mit Freizeit und Arbeit nicht mit Job.
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