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Frank Stratmann

Frank Stratmann

for Gesundheitsbeziehungen, Digital Health, Gesundheit & Soziales, Medialisierung

Datenmedizin hat zwei Seiten einer Medaille

Frank Stratmann (2019)
ERROR – The Art of Imperfection, Ausstellung im DRIVE Volkswagen Group Forum Berlin

Vor einigen Tagen habe ich die Frage zur Cybersicherheit deutscher Krankenhäuser drüben in der HEALZZ.community schon einmal oder sagen wir wieder einmal aufgeworfen. Anlass war ein Bericht von Report Mainz, der auch den Fall des Neusser Lukaskrankenhauses aus 2016 noch einmal aufgriff. Heute teilt die Düsseldorfer Anwältin und Berliner Professorin Alexandra Jorzig den Link zu einem interessanten Artikel aus dem Netzwerk der Security Blogger über Twitter. Das sind 350 bloggende Sicherheitsexperten, die sich unter securityboulevard.com redaktionell organisieren.

Der Artikel stellt Chancen und Risiken, also Hoffnungen und die damit verbundenen Herausforderungen bei den Digitalisierungsbemühungen unserer Versorgungslandschaft gegenüber.

Hören Sie diesen Artikel (testweise) als Episode meines Podcast Projekts und geben Sie mir gern Feedback. Vielen Dank.

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Gesundheitseinrichtungen im Fadenkreuz

Laut Thales Data Threat Report aus dem Jahre 2018 waren zum Zeitpunkt der Erhebung 77% der US-amerikanischen Gesundheitseinrichtungen von Verletzungen Ihrer Sicherheit durch Cyberangriffe betroffen. 48% der Angriffe sollen sich allein im Jahre 2018 abgespielt haben.

Gesundheitseinrichtungen rücken weltweit in den Fokus von Hackern, da die Angriffe offenbar einfacher sind als in anderen Branchen. Immense Sicherheitslücken erleichtern den Angreifern ihre Arbeit und machen das Ergebnis profitabel. Das Umgehen von Sicherheitsbarrieren ist bei Gesundheitseinrichtungen insgesamt leichter.

Das setzt auch hierzulande die Gesundheitsbranche unter Druck. Deutschland gilt aufgrund seines Rückstands längst als anfällig. Das Dilemma für den medizinischen Bereich liegt auf der Hand. Zum einen verspricht die Digitalisierung unserer Versorgungslandschaft dringend benötigte, ökonomische aber vor allem medizinische Vorteile. Andererseits müssen wir dazu nicht nur in Medizinprodukte, Personal und Expertenwissen investieren. Sondern auch in die Datensicherheit und den Datenschutz. Und das alles unter Berücksichtigung eines sich nicht aufzulösenden Investitionsstaus.

Die Medizin soll profitieren. Medizin war immer schon eine datengetriebene Angelegenheit und mit der Überführung analoger Daten in die elektronischen Register der Einrichtungen braucht es ein neues Paradigma im Umgang mit Daten im Krankenhaus. Auch die von Patientennutzern hinzugebrachte Daten, sollen helfen Krankheiten schneller zu heilen, weil sich ein vollständigeres Bild in Einzelfall ergibt. Künftig geht das individuell soweit, dass die Medizin einen Sprung in ihrer Präzision machen wird. Allerdings nur, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen. 

Wenden wir uns zunächst den drei Hoffnungen zu.

  • Kosteneinsparungen: Eine Studie der University of Michigan ergab, dass digitale Patientenakten die Kosten für die Patientenversorgung im Vergleich zu herkömmlichen Papierakten in Durchschnitt um etwa 3 Prozent senken können. Ein enormes Einsparungspotenzial bei national über 18 Millionen Krankenhausaufenthalten pro Jahr. Ärzte brauchen keine Zeit mit manuellen Medienbrüchen oder mit Dateneingaben zu verbringen, wenn medizintechnische Geräte Daten direkt in die elektronische Patientenakte des Krankenhausinformationssystems schicken.
  • Mobilität: Digitale Aufzeichnungen und mobile Geräte unterstützen die Angehörigen der Gesundheitsberufe. Das optimiert die Patientenversorgung. Nicht nur, weil Informationen zur passenden Zeit am richtigen Ort sind. Durch eine digitale Assistenz im Hintergrund werden Szenarien denkbar, die den Arzt in seiner Arbeit und Entscheidungsfindung unterstützen. Ärzte könnten bei ausreichendem Grad an Vernetzung der Sektoren übergreifend und zusammenarbeitend besser informieren und gemeinsam mit dem Patienten entscheiden.
  • Zugänglichkeit: Sogenannte Electronic Health Records (EHRs) sind zunächst einrichtungsinterne Fallakten elektronischer Art. Sie bieten Patienten in einem zweiten Schritt einen besseren Zugang zu ihren Gesundheitsdaten. Daten können gezielter an die Patienten übergeben werden. Der administrative Aufwand sinkt. In der Folge können Patienten ihre Situation selbst besser einschätzen und verstehen oder sich häufiger mit ihren medizinischen Betreuern beraten. In den USA bieten bereits die meisten Gesundheitsdienstleister einen Online-Zugriff auf Krankenakten, Rechnungsinformationen und die Möglichkeit, Ärzte direkt zu kontaktieren.

Der gut gemeinten und mittlerweile gewollten Aufrüstung stehen Herausforderungen gegenüber, die gerade hierzulande noch zu stiefmütterlich behandelt werden. Der jüngere Datenklau bei über 1.000 Prominenten hat in der Gesellschaft einen kurzfristigen Schub an Sensibilisierung gebracht. Der einzelne Patient, aber vor allem kleine wie größere Versorgungseinheiten stehen vor Aufgaben, die mit der Medizin erst einmal wenig zu tun haben. Auch hierin begründen sich die Beharrungskräfte, die wir nach wie vor spüren.

Das Thema des digitalen Selbstschutzes wird nicht wegentschieden, sondern zieht ein in unsere Kultur. Auf allen Ebenen. Heute sind wir gezwungen Dinge zu tun, die uns noch vor wenigen Jahren als völlig absurd erschienen. Dazu gehört auch, eine Kompetenz im Umgang mit Medien und Daten aufzubauen.

In Zukunft, wenn Patienten noch enger an die Daten ihrer eigenen Erkrankung heranrücken, wird der Umgang mit Daten durch ein Krankenhaus zum Wettbewerbsfaktor bei der Bevorzugung. Dabei legen die Menschen vor allem wert auf einen befähigten, nutzer- und nutzenfreundlichen Umgang mit ihren Daten.

Seine Passwörter zu schützen, mit denen ich jeden Tag hantiere ist das eine. Im Krankheitsfalls geht es um ganz andere Tugenden, die sowohl Krankenhäuser als auch Patienten betreffen. Krankenhäuser betreiben in Zukunft nicht mehr nur Selbstschutz, in dem Sie sich vor Angreifern schützen. Sie sind gezwungen für eine anwenderfreundliche Umgebung zu sorgen, die es dem Patienten erlaubt, sich bestmöglich zurecht zu finden.

Wenden wir uns den drei wichtigsten Sorgen zu, denen sich Gesundheitseinrichtungen heute und in Zukunft unterworfen fühlen.

  • Hacking: Vor allem einrichtungsinterne, elektronische Patientenakten enthalten sensible Patienteninformationen und sind ein Hauptziel für Hacker. Ärzte, Patienten, medizinisches Personal und Administratoren haben Zugriff auf die elektronischen Hintergrundinformationen, wodurch Hacker mehr Zugangspunkte erhalten. Mit dem Aufkommen von IoT-Geräten - also Medizintechnik im Zeitalter des Internet der Dinge - die zur Überwachung von Patienten und Systemen in Krankenhäusern und medizinischen Zentren genutzt werden, haben Hacker mehr Möglichkeiten, einen anfälligen Zugangspunkt zu finden. Es gibt bereits Suchmaschinen, die mangelhaft angeschlossene Geräte auffindbar machen.
  • Mangel an angemessenem Datenschutz: Häufig verfügen Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen nicht über ausreichende Netzwerk-Firewalls, um die digital geführten Patientenakten und medizinischen Daten von IoT- und Gastgeräten zu trennen. Hier sprechen wir handfest auch von der Architektur, in der Daten die Seiten wechseln.
  • Ransomware: Digitale Gesundheitsdaten sind Teil der täglichen Patientenversorgung geworden. Ärzte und Pflegepersonal sind auf diese Informationen angewiesen, um eine ordnungsgemäße Behandlung zu gewährleisten. Cyberkriminelle müssen nicht unbedingt Daten stehlen, um ihre Opfer zu irritieren. Der britische National Health Service (NHS) wurde aufgrund der WannaCry-Ransomware, die Rechenressourcen sperrte, in die Knie gezwungen, weil sich die Angreifer zwischen die Daten und die Experten stellten und die Freigabe der Daten erpresserisch erzwangen.

Diese Anmerkungen sollen deutlich machen, dass wir die Digitalisierungsbemühungen in der Gesundheitswirtschaft nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Aus der Entwicklung verabschieden, können wir uns leider auch nicht. Die Zukunftsmedizin dreht sich um Daten. Die Heilung einer Krankheit entstofflicht, wenn auch der Chirurg mit oder ohne Roboter noch lange seine Hand anlegen wird. Bestenfalls werden wir nicht mehr krank. Aber das ist ein noch ganz anderes Zukunftsszenario, das sich heute in Daten gar nicht beschreiben lässt.

Zuletzt hatte sich Jens Spahn geäußert, der Krebs könne durchaus in 20 Jahren geheilt werden. Dafür bräuchte es klinische Daten, die nicht im Rechenzentrum des Krankenhauses versumpfen. Denn mutmaßlich werden wir die Heilung einer Krebserkrankung berechnen.

Ihm widersprachen führende Mediziner, die fein unterscheiden, um welchen Krebs es sich handelt. Krebs sei zudem Immer eine individuelle Erscheinung beim individuellen Menschen. Auch wenn die Medizin in Clustern denkt. Mit dieser Kritik verweisen die so oft als Bremser gescholtenen Ärzte auf das, was es jetzt braucht. Datengetriebene Szenarien in der Medizin.

Was früher völlig normal war. Nämlich einem Leiden ohne Apparat zu begegnen wird wieder so kommen. Die Apparate sind noch da, aber sie liegen im Verborgenen. So wie wir das heute von Cloudanwendungen kennen. In der Entstofflichung des Heilprozesses granuliert das Gesundheitsgeschehen mithilfe von Daten. Und die datengetriebene Medizin von Morgen hat genau so zwei Seiten einer Medaille wie die analoge, wissenschaftliche Medizin heute. Hoffnungen und Herausforderungen.

Wenn Du mit mir und anderen über diese und ähnliche Themen diskutieren willst, lade ich Dich herzlich ein in die plattformübergreifende HEALZZ.community hier auf XING und an anderen Kristallisationspunkten im Netz. 

Schreiben Sie auch gern ein Kommentar oder setzen Sie sich mit mir persönlich in Verbindung.

About the author

Frank Stratmann
Frank Stratmann

Director Hospital & Health, Edenspiekermann AG

for Gesundheitsbeziehungen, Digital Health, Gesundheit & Soziales, Medialisierung

Meine Überlegungen drehen sich um die digitale Transformation von Gesundheitsbeziehungen. Nach meiner Einschätzung verändert die Digitalisierung die Verhältnisse, in denen Gesundheit gelingt. Verändern sich die Verhältnisse, wandeln sich die Beziehungen.
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