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Oliver Rößling

Oliver Rößling

für Virtual Reality (AR/VR), Digitales & Podcast

Demystifizierung von Innovation

Bild von Oliver Rößling
Innovation ist nicht immer ein raketenhafter Aufstieg, sondern allzu oft erstmal eine Aufholjagt mit ungewissem Ende.

"Wir müssen innovativer sein als die anderen, sonst überholen sie uns alle ganz schnell ein und unsere Welt, wie wir sie kennen, wird für immer untergehen." So, oder so ähnlich wurde sicher der eine oder andere schon einmal im Meeting von seinem Chef, der erst kürzlich von der letzten Branchen-Messe wiederkam, in Empfang genommen.

Tatsächlich machen sich viele in die Jahre gekommene Chefs einen Sport daraus, wie die Made im Speck, den Innovationsbedarf im Unternehmen bis zum eigenen Ruhestand auszusitzen. Dabei sehen sie meist nicht (oder ignorieren es einfach), dass der besagte Speck oder besser das Wohlstandsbäuchlein der Firma immer und immer schneller schrumpft und sich dahinter kein knackiger Sixpack versteckt, sondern nur morsche Rippen und Gedärm, die die Firma mit Ach und Krach für eine kurze Weile am Leben halten. Doch die Chefs und Manager, denen es nicht vergönnt ist, einfach à la "nach mir die Sintflut" den Kopf rechtzeitig aus der Schlinge zu ziehen, sowie diejenigen, denen wirklich etwas an dem Wohlergehen der Firma und deren Mitarbeitern liegt, bekommen langsam Panik. Sie legen die Scheuklappen ab und belesen sich. Sie besuchen Messen, Konferenzen und Kongresse, um zu schauen, was nötig ist, um mit den Marktbegleitern zumindest wieder gleichzuziehen und überschlagen welche Investitionen dafür getätigt und welche Prozesse geändert werden müssen. Bei der Ermittlung des Umfanges der zu tätigenden Anstrengungen gelangt man schnell an seine Grenzen. Häufig wird dann folgerichtig festgestellt, dass die Komplexität der Neuerungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Man steht vor einem riesigen Berg und sucht vergebens nach dem richtigen Pfad, diesen zu überqueren. Doch was nun?

Wenn Probleme so komplex sind, dass eine fertige Lösung nicht mal eben aus dem Hut gezaubert und in Ikea-Manier zusammengesteckt werden kann, braucht es Innovation.

Innovation ist ein Modewort unser Zeit - auch Buzzword genannt. Einfach gesagt, ist Innovation aus Unternehmenssicht alles das, was ein Unternehmen tun muss, um nachhaltig mit dem Wettbewerb mindestens gleichzuziehen oder sollte man schon gleichauf sein, einen signifikanten Vorsprung zu erlangen. Nur besagt diese einfache Definition auch nicht, wie das von statten gehen soll.

In klassisch hierarchisch geführten Unternehmen stellt sich die Theamtik aus Führungssicht vergleichsweise einfach dar: der jeweilige Vorgesetzte deligiert die Arbeit so lange in der Hackordnung weiter, bis es tatsächlich eine Arbeitsgruppe oder Abteilung trifft, die zur Tat schreitet (bzw. schreiten muss).

Erschwerend kommt beim Innovationsbegriff hinzu, dass dieser nur mangelhaft umrissen werden kann und eher ein Mindset als eine Arbeitsanweisung ist. Das führt dazu, dass in ewig langen Meeting-Orgien nun der Begriff Innovation zersetzt, interpretiert und analysiert wird. Denn es gilt genau zu wissen, was der Chef will, um auch eine passende Lösung liefern zu können. "Was bedeutet in unserem Unternehmenskontext Innovation" ist eine beliebte Frage in solchen Meetings, da der Chef natürlich auch nicht weiß, was Innovation nun genau für sein Unternehmen bedeuten soll bzw. wie er den passenden Pfad über den oben genannten Berg findet.

Oft machen sich dann aber einige pfiffige Mitarbeiter ans Werk und schauen, was andere Firmen treiben, um innovativ zu sein und werden meist schnell fündig. Es gibt abertausende von Fallstudien und Best-Practice-Lesestoff zu dem Thema Innovation. Kaum glaubt man sich also den heiligen Gral gefunden zu haben, stellen eben diese pfiffigen Mitarbeiter fest, dass das Thema Innovation ein hoch individuelles ist und es dutzende und aberdutzende Definitionen und Lösungsansetze für Probleme anderer gibt, aber nur wenige, die weiterhelfen, die eigenen Probleme durch Innovation zu lösen.

Durch die Lektüre zu und über die Innovation anderer, lernen die mit ihr betrauten Mitarbeiter nun eine Menge und verstehen die einhergehende Methodologie und Vorgehensweisen wie beispielsweise "Lean Startup". Man versteht, dass durch Innovation nicht zwangläufig ein Pfad über den Berg - aus der vorher herangezogenen Metapher - zu Tage tritt, sondern auch andere Lösungen ein noch größeres Innovationspotential hegen können. Um bei der Metapher zu bleiben, könnte man demnach auch einen Tunnel durch den Berg graben, ihn aus dem Weg sprengen oder diesen mit einem Hubschrauber überfliegen. Diese querdenkerischen Lösungen werden häufig als disruptive Ansätze bezeichnet. Mit der Disruptiven Innvoation haben jetzt wir ein weiteres Buzzword genannt, das die Existenz unseres Berges, der einen Markt und dessen Anforderungen repräsentiert, gar gänzlich in Frage stellt. Im Kontext dieses Artikels, lässt sich Disruption als Teilbereich der Innovation jedoch vernachlässigen, denn es gilt Lösungen zu finden, die ressourcensparend Innovation erlauben und Innovation selbst in jedweder Ausprägung zur Lösung des Unternehmensproblems werden lassen.

Derzeit ist es bei größeren Unternehmen en vogue Acceleratoren oder Incubatoren aus der Taufe zu heben. Das sollen im Idealfall von außen an das Mutterschiff "Konzern" angedockte Speed-Boote, die mit Infrastruktur und Ressourcen, wie Geld und Personal, Ideen weiterentwickeln oder gar die Ideengenerierung selbst begünstigen sollen. Klingt sinnvoll, ist aber nicht immer.

Bei vielen Firmen liegen Selbst- und Fremdwahrnehmung weiter auseinander, als man es annehmen würde.

Es ist schwierig in einem bestehenden (Startup) Ökosystem die richtigen Ideen, Gründer und Experten zu erreichen. Insbesondere, wenn das Vehikel, dass die erofften Lösungen erbringen soll vergleisweise teuer ist und sich nicht besonders durch seine Einzigartigkeit im Vergleich mit anderen Programmen anderer Firmen hervorhebt.

Natürlich besteht auch die Möglichkeit Innovation direkt in der Unternehmenskultur zu verankern und gezielt Change-Agenten oder Intrapreneure einzusetzen, deren Aufgabe es ist, die über Jahre und Jahrzehnte gewachsene Unternehmenskultur so zu beeinflussen, dass zukunftsgerichtetes Denken und Transparenz fest in den Köpfen Unternehmensmitgliedern verankert wird. Ein Change-Prozess auf Grundlage bestehender Strukturen zu initiiren dauert Jahre und geht mit sehr hohen finanziellen und zeitlichen Investitionen einher. Um langfristig Innovation von Innen oder Außen zuzulassen und genug Akzeptanz für neue Ideen zu erreichen ist der Weg über die Unternehmenskultur unumgänglich.

Als ein vergleichsweise ressourcenschonender Berührungspunkt mit dem Innovationsthema ziehen derzeit so genannte Hackathons die Aufmerkasamkeit von Firmen auf sich. Hackathons sind Veranstaltungen, den direkten Zugang zu Expeneten oder ganzen Ökosystemen in sehr kurzer Zeit erlauben. Firmen bringen hierzu mehr oder weniger weit gesteckte Problemstellungen oder nur ein grobes Interesse an einer z.B. neuen Technologie ein und lassen sich dann von stark intrinsisch motivieren Menschen Lösungsvorschläge innerhalb von ein bis drei Tagen in kleinen Gruppen erarbeiten. Die Teilnehmer eines Hackathons sind in Bezug auf das vorgegebene Thema der Veranstaltung größenteils Experten oder zumindest ausreichend gut qualifiziert und informiert. Niemand nimmt an einer solchen Veranstaltung teil, ohne den Hauch einer Ahung zu haben, da die Angst als Ahnungsloser aufzufliegen zu groß ist und demnach grundsätzlich eine hohe Qualität in der Selbsselektion bei Hackathons zu erwarten ist. Ein Hackathon bringt also Experten zusammen, die sich mit anderen Experten rein interessehalber austauschen und vernetzen wollen. Idealerweise entsteht im Rahmen dieses Austausches etwas spannendes, was ggf. sogar einen Nutzen stiftet oder ein Problem löst - quasi etwas Innovatives. Durch die Vielzahl qualifizierter Menschen, die zusammen intensiv und hochmotiviert an den Problemen arbeiten, bekommen Unternehmen so in kurzer Zeit, kostengünstig relevante Lösungsansätze präsentiert, die dann von den Firmen verfolgt oder verworfen werden können. Darüber hinaus lassen sich so einfach und effizient Personen, Profile und Gruppen identifizieren, mit denen ein Unternehmen künftig zusammenarbeiten könnte, um weiter innovativ zu bleiben.

Fazit: Innovation ist im Grunde nur eine Worthülse oder ein "Wieselwort" für die Bereitschaft und das Vorhaben um- oder anders denken oder Neues ausprobieren zu wollen. Viele Wege führen nach Rom und geeignete Werkzeuge, um Innovation in einer Firma zu verankern, gibt es genügend. Doch gilt es zunächst für jede Organisation folgende Fragen zu beantworten:

  • Warum denken wir darüber nach innovativer werden zu wollen und wie definieren wir Innovation für uns?
  • Welche Werkzeuge bieten sich in unserem Kontext in welcher Reihenfolge und Umfang an?
  • Was soll wann in welchem Umfang durch Innovation geändert werden?
  • Wer sollte uns wie bei der Umsetzung unseres Vorhabens zur Seite stehen oder schaffen wir es aus eigener Kraft?

Mit der Beantwortung dieser Fragen geht ein Lernprozess einher mit einer sich öffnenden Unternehmenskultur in Wechselwirkung steht. Das bedeutet, dass allein das Bewusstsein etwas verändern zu wollen, bereits der erste Schritt in die richtige Richtung ist.

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Oliver Rößling ist einer von mehr als 70 XING Branchen-Insidern, die ab sofort regelmäßig ihre persönlichen Einsichten mit den mehr als 10 Millionen XING Mitgliedern teilen. Sie können ihm und weiteren XING Branchen-Insidern hier folgen, um keinen der Beiträge mehr zu verpassen.

Über den Autor

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Oliver Rößling

Chief Digital Officer (CDO) - Mitglied der Geschäftsleitung, ABSOLUTE Reality by ABSOLUTE Software GmbH

für Virtual Reality (AR/VR), Digitales & Podcast

Ich beschäftige mich insbesondere mit technologischen Innovation, Startups und Trends. Insbesondere auf Augmented und Virtual Reality lege ich hier meinen Schwerpunkt. Ich podcaste gern über Zukunft, Digitales und Führung und organisiere europaweit diverse Business-Event-Formate (s. 12min.me).
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