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Markus Väth

Markus Väth

für New Work, Psychologie

Die Glosse: Was nützt ein Job, wenn man kein Leben hat?

© Ruslan Burlaka | pexels.com

Fragt man Sie auf Parties auch immer, was Sie beruflich machen? Mich nervt das mittlerweile. Ich würde dann gerne was Exotisches antworten, um interessant zu wirken. Go-Go-Tänzer auf Sylt vielleicht oder Gerichtsvollzieher in München-Bogenhausen. Aber in der Regel nippe ich dann doch an meinem Orangensaft (habe ich schon erwähnt, dass ich nicht trinke?) und nuschele „Psychologe“ in das Jackett des eher mäßig interessierten Gegenübers. In Blusen nuschele ich kaum. Das gehört sich erstens nicht, und zweitens gibt es nicht so viele Blusen bei den Parties, auf denen ich bin. Schade eigentlich. (Notiz an mich: Ich sollte definitiv meine Party-Auswahl-Strategie überdenken.)

Sag’ mir, was du tust und ich sag’ dir, wer du bist

Was mir immer wieder auffällt: Menschen benutzen ihren Beruf als Visitenkarte des Lebens. Status, Interessen, Horizont drücken wir damit aus. Wir „sind“ Marketing-Referent, Betriebsleiter, Putzkraft oder LKW-Fahrer. Herz-Chirurg, Laborassistent oder Sekretärin. Sag’ mir, was du tust und ich sag’ dir, wer du bist. Auf das Leben als Ganzes betrachtet im Grunde ein sehr eindimensionales Spiel. Wie „Risiko“, nur ohne Amerika und Asien. Aber eines, das die mentale Grundierung unserer Gesellschaft perfekt wiedergibt. Der Job ist das Wichtigste in unserem Leben. War es, ist es und wird es immer sein - sogar in der Rente. Denn dann ist eben der Job das, was man nun nicht mehr hat. Ein verlorener Fixstern am Firmament der Existenz.

Was wir tun, wird immer unwichtiger

Aber wissen Sie was? Beruf ist überbewertet. Hoffnungslos. Mit dieser Aussage habe ich nicht nur alle Animateure der Robinson-Clubs hinter mir, sondern auch die moderne Organisationstheorie. Die sagt nämlich: Es wird in Zukunft nicht mehr so wichtig sein, was Sie tun, sondern mit wem Sie es tun. Also, beruflich. Kollaboration und so. Sie wissen schon. Das agile Dings, das dem Chef so gut gefällt. Der amerikanische Philosoph Richard Sennett nennt das den „Verlust der handwerklichen Einstellung“, also letztlich die Dominanz der Soft Skills über die Hard Skills. Die Zusammenarbeit, das Soziale, wird wichtiger als die fachliche Arbeit im stillen Kämmerlein.

Wer sind wir ohne Arbeit?

Und ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich bin Arbeitskraft, schon klar. Aber andere Rollen habe ich auch: Vater, Ehemann, Sportler, Musiker und was weiß ich noch alles. Nur bislang drängt sich die Berufsrolle wie ein unhöflicher Rüpel am Buffett immer nach vorne und schreit: Ich bin der Wichtigste hier! Stimmt aber gar nicht. Denn auch hier sagt die Organisationstheorie: Einen guten Job machen Sie künftig nur dann, wenn Sie Ihren Restmenschen (was für ein Wort) mit einbringen. Und damit Sie das können, müssen Sie erst mal einen Restmenschen haben. Also, ein Leben, sozusagen. Freunde, Familie, Genuss. Eben das, was das Leben lebenswert macht. Ohne ein Leben ist auch ein Job sinnlos. Denken Sie während Ihrer nächsten Überstunde darüber nach.

Über den Autor

Markus Väth
Markus Väth

Co-Founder, humanfy | Think Tank

für New Work, Psychologie

Leidenschaftlicher Psychologe, New Work - Vordenker und Co-Founder des Think Tanks humanfy. Aktuelles Buch: "Arbeit - die schönste Nebensache der Welt" ("Buchempfehlung des Jahres", HANDELSBLATT).