Probleme beim Einloggen
Dr. Nico Rose

Dr. Nico Rose

für Human Resources & Positive Psychologie

Die Mitarbeiter sind unser höchstes Gut. Ja wirklich?

www.gratisography.com

Sätze wie jenen im Titel dieses Beitrags lese ich häufig in ähnlich lautenden Variationen auf den Webseiten vieler Unternehmen. Eine solche Aussage ist in den meisten Fällen gut gemeint. Sie soll zeigen, dass den Inhabern oder der Geschäftsführung des Unternehmens das Wohl der Mitarbeiter am Herzen liegt – und dass „der Mensch“ letztlich den Unterschied macht. Ich bin nicht so zynisch, anzunehmen, dass dies immer ausschließlich eine inhaltleere Floskel ist. Ich kenne genug Unternehmen, denen ihre Mitarbeiter tatsächlich sehr am Herzen liegen. Ich bin allerdings auch nicht so naiv, anzunehmen, dass dies überall gleichermaßen gelebt wird.

Der springende Punkt ist für mich im Rahmen dieses Beitrags allerdings sowieso ein anderer: Am Ende des Tages ist ein solcher Satz – organisationspsychologisch und betriebswirtschaftlich betrachtet – ziemlich großer Quatsch. Eine Organisation kann individuell betrachtet die außergewöhnlichsten Menschen an Bord haben, doch wenn diese nicht auch (außergewöhnlich) gut zusammenarbeiten, ist das Ganze im Sinne organisationaler Effektivität letztlich Kokolores. Ein wesentlich intelligenterer Satz in Zeiten unserer hypervernetzten Arbeitswelt wäre:

Die Beziehungen zwischen unseren Mitarbeitern sind unser höchstes Gut.

Es reicht nachweislich nicht, ein paar Stars einzustellen und dann zu hoffen, dass diese im Alleingang ein Spiel entscheiden. So mag es vielleicht in der Rückschau in der Presse stehen, aber im Grunde muss jedem von uns klar sein, dass solche Aussagen grober Unfug sind. Es mag manchmal Situationen im Sport geben, wo ein Spieler sein Team durch außergewöhnliche Einzelaktionen zum Sieg führt. Doch zum einen braucht auch ein Ronaldo vorher den entscheidenden Pass – und zum anderen ist das Geschehen auf einem Fußballplatz nahezu unendlich weniger komplex als die Steuerung eines (Groß-)Unternehmens.

Aus diesem Grund kriege ich auch immer das Grausen, wenn schlaue Berater mir erzählen wollen, was "das Management" vom Sportler X oder dem Team Y lernen kann. Die ehrliche Aussage lautet ausnahmslos: Nix! Außer vielleicht: Üben, üben, üben. Die Verwendung unterkomplexer Metaphern ist vermutlich eine der größten Schwachstellen der Management- und Führungsliteratur, aber das ist ein anderes Thema.

Was kann das nun in der Praxis heißen: „Die Beziehungen zwischen unseren Mitarbeitern sind unser höchstes Gut"?

Ein Beispiel: Psychological Safety

Der Begriff „Psychological Safety“ ist in den letzten Jahren dank eines Teams um den vormaligen Chief People Officer von Google, Laszlo Bock, einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Das People Analytics-Team von Google wollte durch ein mehrere Jahre laufendes internes Forschungsprogramm verstehen, was die sehr gut funktionierenden Teams von weniger performanten Gruppen beim Suchmaschinenriesen unterscheidet. Zu Beginn waren die Forscher der Auffassung, die Teamexzellenz sei auf die individuelle Qualität der Teammitglieder zurückzuführen; nach dem Motto: je mehr Stanford-Doktoren, desto performanter.

Doch sie fanden etwas komplett anderes: Der mit weitem Abstand wichtigste Faktor ist eine bestimmte Art und Weise, wie die Menschen innerhalb der Gruppe miteinander umgehen. Das Konzept "Psychology Safety" wurde zuerst von der Forscherin Amy Edmondson beschrieben. Gemeint ist in diesem Kontext, ob es einem Team gelingt, eine Atmosphäre zu kreieren, in der - vereinfacht ausgedrückt -  alle Mitglieder, unabhängig von Hierarchie, Expertise, Geschlecht usw. das Gefühl haben, ihre Ideen frei äußern zu können.

Menschen haben das grundlegende Bedürfnis, kompetent zu wirken – zumal im beruflichen Kontext, wo es auch um Beförderungen und Gehalt geht. Wir schätzen es nicht, wenn man unsere Fehler und Schwächen entdeckt. Genau hier zeigt sich oft das Geheimnis erfolgreicher Teams. Wenn wir mit Menschen arbeiten, die uns ermutigen, ins Risiko zu gehen, die unsere Verwundbarkeit sehen und besonnen damit umgehen: dann entsteht Höchstleistung.

"Psychological Safety" ist leider keine Eigenschaft eines Teams, die man einfach an- oder ausknipsen könnte. Sie ist eine von Menschen geteilte mental-emotionale Anmutung, die mit der Zeit wächst, durch ein hohes Maß an Authentizität beim Einzelnen und gegenseitigen Respekt im Kollektiv - woraus sich allseitiges Vertrauen speist. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, alle in diesem Kontext relevanten Einflussfaktoren zu benennen. Stattdessen möchte ich mieinen Tweet des Stanford-Professors Robert Sutton schließen...

Über den Autor

Dr. Nico Rose
Dr. Nico Rose

Vice President Employer Branding & Talent Acquisition, Bertelsmann SE & Co. KGaA

für Human Resources & Positive Psychologie

"Einer der führenden Experten und Keynote-Speaker für Positive Psychologie in Deutschland" (Harvard Business Manager). Fasziniert von New Work und alternativen Führungsmodellen. Verheiratet, Vater von 2 Kindern. Heavy-Metal-Fan und Katzenfreund. Mitglied im Wirtschaftsforum der FDP.
Mehr anzeigen