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Dr. Daniel Stelter

Dr. Daniel Stelter

für Strategy Corporate Finance, Finanzkrisen

Die Rechnung – eine Bilanz zu 13 Jahren Merkel

Foto: bluejayphoto/Getty Images

"Selten wurde in Friedenszeiten so viel Wohlstand vernichtet wie von den Regierungen unter Angela Merkel. Wirtschaftlich, politisch und sozial stehen uns stürmische Zeiten bevor. Sie sind das teure Erbe von 13 Jahren voller politischer Fehlentscheidungen." – So beginnt meine Titelgeschichte in der aktuellen Ausgabe des Magazins Cicero. Vorerst nur im Heft oder gegen Zahlung im Internet.

Der Chefredakteur des Magazins schreibt dazu: "Wenn der SPIEGEL auf dem Cover in der Raute der Kanzlerin als Sanduhr die letzte Zeit verrinnen lässt, wenn der glühendste Merkelianer der Zeit seinen schmachtenden Nachruf mit dem ‚Abendlied‘ von Matthias Claudius umflicht, wenn selbst in der New York Times ein namhafter Kolumnist zum Schluss kommt, dass Angela Merkel Europa mit einem Rücktritt einen letzten Dienst erweisen würde, dann ist es Zeit. Zeit, sich dem politischen Vermächtnis und dem finanziellen Erbe der Dauerkanzlerin in unserer aktuellen Titelgeschichte zu widmen.

Als Mediatorin angetreten, aber das Land gespalten

Politisch gesehen hat wohl keiner ihrer Vorgänger das Land so gespalten wie die Frau aus Templin. Das ist insofern ein unerwartetes Resümee ihrer Kanzlerschaft, weil sie nach ihrem neoliberalen Leipzigerlebnis stets die Rolle der Moderatorin und Mediatorin gesucht und lange auch gefunden hat. Dennoch hat nicht einmal ein Basta-Kanzler Gerhard Schröder oder ein am Ende selbstherrlich entrückter Helmut Kohl einen solch tiefen Graben in der Gesellschaft aufgerissen wie Angela Merkel. Der Wendepunkt des klassischen Dramas, die Peripetie ihrer Amtszeit, vollzog sich im Herbst 2015. Die einsame Migrationspolitik der deutschen Kanzlerin wird dieses Land noch lange in zwei Lager teilen und Deutschland wird in Europa vereinsamen.

Deutschland geht mit einem Rucksack in die Zukunft

Jenseits dessen ist die Stunde gekommen, ganz nüchtern eine volkswirtschaftliche Bilanz dieser Kanzlerschaft zu ziehen. Unser Finanzexperte Daniel Stelter kommt zu einem vernichtenden Ergebnis. Wie atomarer Müll werden die politischen Gaus dieser langen Amtszeit über Generationen weiterstrahlen, Deutschland im kommenden halben Jahrhundert mit einem schweren Rucksack in die Zukunft schicken."

Lesenswert ist der Artikel sicherlich. HUFFINGTON POST war am schnellsten und fasst meinen Beitrag so zusammen, wobei ich nicht mit allem eilnverstanden bin:

  • "Die These im ›Cicero‹ lautet: Die Bundesrepublik steht derzeit wirtschaftlich gut da. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig (im Juni lag die Arbeitslosenquote bei fünf Prozent) und die Wirtschaft erzielt zuverlässig Handelsüberschüsse 2017 lag der bei 7,8 Prozent)." – Stelter: Ja, so kann man es nur beschreiben, es geht und vordergründig gut.
  • "Aber: Der Erfolg der deutschen Wirtschaft basiere auf besonderen Faktoren wie dem schwachen Euro, den niedrigen Zinsen und einer ‚Angebotspalette, die besonders vom Aufschwung der Weltkonjunktur – maßgeblich getrieben von China – profitiert‘."
  • "Der Autor warnt: ‚Es ist absehbar, dass unsere Sonderkonjunktur ein schmerzhaftes Ende findet.‘ Dann würden uns die Fehler der Merkel-Regierung teuer zu stehen kommen. Stelter schreibt: ‚Die Lasten, die in den zurückliegenden 13 Jahren zusätzlich geschaffen wurden, betragen geschätzt zwischen 3700 und 4700 Milliarden Euro, die langfristigen Kosten könnten noch darüber liegen. Diese Kosten kommen zusätzlich zu den Lasten, die sich aus der Alterung der Gesellschaft ohnehin ergeben und für die keine Regierung der letzten 40 Jahre vorgesorgt hat.‘" – Stelter: Und das ist keineswegs "Worst Case" wie HUFFINGTON dann schreibt. Worst Case wäre noch schlimmer.

So ist die Rechnung entstanden.

  • "Die Kosten der Griechenland-Krise: Wie für viele konservative Ökonomen ist die Rettung des hochverschuldeten Griechenlands während der Euro-Krise für Stelter eine Katastrophe. Und zwar hauptsächlich wegen der Politik der niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank." – Stelter: Das stimmt nicht, denn ich schreibe über die Eurokrise. Es ist eine Eurokrise, keine Griechenlandkrise!
  • "‚Allein der Zinsverlust für die deutschen Sparer wird auf über 250 Milliarden geschätzt, nachdem man die Wirkung billigerer Kredite gegengerechnet hat‘, heißt es im ‚Cicero‘-Text." – Stelter: Das zeigt, dass es eben die Eurokrise ist und nicht allein um Griechenland geht!
  • "Hinzu kommt: Die Krisenländer leihen sich Geld aus Deutschland. ‚Rund 1000 Milliarden Euro gewähren wir als Kredite an die Krisenländer des Euro, mehr als 12.000 Euro pro Kopf der hier lebenden Bevölkerung.‘ Zerfällt der Euro, blieben deutsche Banken auf dem Geld sitzen. Bleibt der Euro bestehen, seien die Kredite wegen der niedrigen Zinsen quasi wertlos." – Stelter: Aber das sind nicht alleine die Kosten.
  • "Die Bilanz von Stelter: ‚Je länger das Spiel weitergeht, desto größer werden die Kosten sein. 1000 Milliarden Euro zusätzliche Kosten dürften nicht zu hoch gegriffen sein.‘" 
  • "Kostspieliger Investitionsstau: Die Politik der ‚Schwarzen Null‘, also des ausgeglichenen Haushalts, sei nicht nur aufgrund der niedrigen Zinsen möglich gewesen, schreibt Stelter weiter. Sondern auch, weil weniger Geld ausgegeben wurde. Dabei hätte die Regierung in die Zukunft investieren müssen. Glasfaserausbau, Infrastruktur, Bundeswehr: Stelter zählt einige Bereiche auf, wo die Bundesregierung laut ihm zu wenig Geld ausgegeben hat. ‚Der unmittelbare Schaden des Sparens am falschen Ende liegt bei mindestens 250 Milliarden. Vermutlich noch deutlich darüber, schließlich steigen die Kosten mit der Verzögerung‘, schreibt er."

  • "Ungedeckte Versprechen: Stelter wirft der Bundesregierung zudem vor, bei der Buchhaltung zu schummeln. Denn in den Büchern müssten auch die Kosten für die zukünftigen Generationen aufgeführt werden. Implizite oder versteckte Staatsverschuldung nennen das Ökonomen. Die Schätzung von Stelter: ‚Allein die jüngsten Reformen führen im Jahr 2045 zu geschätzten Mehrausgaben von rund 100 Milliarden Euro pro Jahr. Die gesamten impliziten, also nicht offen ausgewiesenen Schulden Deutschlands betragen je nach Schätzung mindestens 100 Prozent des BIP, ein Drittel davon dürften wir den Regierungen unter Merkel verdanken. Das wären rund 1000 Milliarden Euro.‘"

  • "Die teure Energiewende: Die Subventionspolitik der Bundesregierung nach dem Reaktorunglück in Fukushima 2011 haben ihren Preis: ‚Nirgendwo in Europa muss man so viel für Strom zahlen wie bei uns, immerhin doppelt so viel wie in Frankreich‘, schreibt Stelter. ‚Bis 2025 kostet die Energiewende in Deutschland pro Kopf 6300 Euro; die Folgekosten werden noch höher sein‘, heißt es im ‚Cicero‘-Text. Hinzu kommen die Staatsausgaben für Subventionen von erneuerbaren Energien. Stelter schätzt die Kosten auf 500 bis 1000 Milliarden Euro." – Stelter: In der F.A.Z. vom 23. Juli 2018 waren es übrigens 1000 bis 2000.

  • "Die Kosten der Zuwanderung: Die Zuwanderung belaste das Sozialsystem, schreibt der Ökonom weiter. Und zitiert einen Kollegen: ‚Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen rechnet vor, dass die Gesamtkosten der Zuwanderung des Jahres 2015 über die kommenden Jahrzehnte bei fast 900 Milliarden Euro liegen. Sollten sich die Nachkommen dieser Migranten nicht ähnlich gut in den Arbeitsmarkt integrieren wie der einheimische Nachwuchs, steigen die Kosten auf 1500 Milliarden.‘"

  • "Was an den Vorwürfen dran ist: In Summe ist es eine verheerende Bilanz, die Stelter Merkel ausstellt. Die Übersicht seiner Argumente ist hier verkürzt und teilweise vereinfacht wiedergegeben." – Stelter: und zwar stark, siehe Thema Eurokrise.

  • "Nicht alle Wirtschaftswissenschaftler teilen die Schätzungen Stelters. Oft gibt es auch eine Gegenmeinung, die der Autor auch selbst zitiert. So ist etwa die Frage unter Ökonomen umstrittenen, wie problematisch die Forderungen der deutschen Bundesbank an die Krisen-Länder sind. Solange der Euro besteht – Stelter geht von einem Scheitern der Währung aus – dürften die 1000 Milliarden Euro an Krediten, die der ‚Cicero‘-Autor nennt, nicht als Verlust an Deutschland fallen." – Stelter: Aber, ich schreibe "1000 ohne" und "2000 mit". Es gibt auch ohne Ausfall von Target2-Verlusten. Und zwar erhebliche.

  • "Auch die Rechnung zu den Kosten der Zuwanderung ist eine Rechnung mit vielen Variablen. Einerseits bekommen Asylbewerber Geld vom Staat und belasten womöglich die Sozialsysteme, andererseits könnten sie aber auch die Wirtschaft beleben. ‚Die langfristigen Kosten hängen sehr stark davon ab, wie gut oder schlecht uns die Integration gelingt‘ (...)." – Stelter: Es gibt kein Szenario mit Gewinn. Es ist nur eine Reduktion der Nettokosten möglich. Es geht ja um die Gesamtkosten und nicht nur um die Sozialbeiträge.

  • "Dass die Energiewende die deutschen Haushalte besonders belastet oder der Investitionsstau sich rächen kann, kritisieren allerdings nicht nur konservative Ökonomen." – Stelter: Und ich würde mich übrigens nicht als "konservativer Ökonom" bezeichnen.
  • "Selbst die ‚New York Times‘ bemängelte jüngst die Reformunwilligkeit der deutschen Kanzlerin und warnte, Merkel gefährde den Wohlstand Deutschlands. Führende Unternehmer im Land seien wegen Merkel besorgt, schrieb die Zeitung: ‚Sie beobachten etwas, das sie als Rückkehr zum erstarrten Deutschland der Vergangenheit erleben, unter einer unbeliebten Regierung ohne Ideen.‘"

  • "Stelter führt so etwas wie die worst-case-Rechnung für Merkels Regierungszeit der vergangenen 13 Jahre durch. Er wählt die düstersten Prognosen der Wirtschaftswissenschaft aus und nimmt eine aufziehende globale Wirtschaftskrise und ein baldiges Ende des Euros an." – Stelter: nein! Das ist fern davon, Worst Case zu sein UND der Schaden entsteht auch ohne Wirtschaftskrise und Eurocrash.

cicero.de: "Die Rechnung", 25. Juli 2018

cicero.de: "Die teure Kanzlerin", 25. Juli 2018

huffingtonpost.de: "‚Cicero‚-Magazin rechnet mit Merkel ab: ‚Selten soviel Wohlstand vernichtet‘", 25. Juli 2018

Über den Autor

Dr. Daniel Stelter
Dr. Daniel Stelter

Strategy Consultant, Finance Consulting, Autor, Publizist, Dr. Daniel Stelter

für Strategy Corporate Finance, Finanzkrisen

Ich berate seit 1990 internationale Unternehmen, bis 2013 u. a. als Senior-Partner und Mitglied des Executive Committee bei BCG, zu strategischen Fragen, seit 2007 speziell zur fortschreitenden Finanzkrise. Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Forums Beyond the Obvious.
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