Laura Lewandowski

Laura Lewandowski

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Diese Überraschungen habe ich erlebt, als ich wegen Corona zum ersten Mal ein Online -Workout gemacht habe

Business Insider Deutschland/ Shutterstock / Pindyurin Vasil

Mit Fitnessstudios verhält es sich ähnlich wie mit Coworking-Spaces: Ich zahle in erster Linie für die Motivation und in zweiter für die eigene Disziplin. Einmal da, gibt es kein Zurück. Keine Ausrede, um nicht produktiv zu sein oder ordentlich zu schwitzen. Hättet ihr mich vor einem Monat gefragt, ob ich mich freiwillig in der Küche vorm Bildschirm verrenke? Niemals!

Aber damals war das Coronavirus auch noch nicht so richtig in Deutschland angekommen, es gab keinen Lockdown und kein Social Distancing. Jetzt, einen Monat später, hatte ich also nur zwei Möglichkeiten: vor lauter Bewegungsdrang einen Marathon auf dem Balkon zu laufen oder meinen ersten Online-Yoga-Kurs zu starten. Ich entschied mich für letzteres. Wie sich herausstellte, brachte der Kurs nicht nur überraschend viele Vorteile, sondern sogar Erkenntnisse fürs Leben.

Hektisch suche ich den Zoom-Link und pfeffere meine Yogamatte auf den Boden

Yoga ist für mich im Alltag ein Highlight. Allein, wenn ich den Raum meines Lieblings-Studios in Berlin-Mitte betrete, fällt jeglicher Stress von mir ab. Doch jetzt war bereits der Gedanke an den Kurs unangenehm. 95 Minuten Bildschirm, allein in der Küche. Ich fürchtete mich vor grausamer Langweile. Die erste sportliche Tat war es deshalb, über den eigenen Schatten zu springen. Oder sich bestenfalls schon mal in Zen-Position auf den Kurs vorzubereiten.

Stattdessen beantwortete ich allerdings noch bis zwei Minuten vor Beginn Mails, suchte hektisch den Zoom-Link für die Live-Schalte raus und pfefferte meine Matte auf den Boden. Zumindest störe ich die anderen nicht, wenn ich zu spät komme, dachte ich. Doch wie ging das mit dem Einloggen gleich? Shit, Akku leer. Matte noch mal neu justieren, Steckdose suchen, Podest mit Sichtfeld bauen. Not macht erfinderisch! 

Das bewies auch die Online-Plattform Urban Sports Club (USC)*, die es mir ermöglichte, in meinen eigenen vier Wänden überhaupt erst an diesem Kurs teilzunehmen. Normalerweise habe ich mit meiner Mitgliedschaft Zugang zu allen möglichen Gyms deutschlandweit. Das Problem zu Covid-19-Zeiten: Wir bleiben zu Hause, die Studios demnach leer. Um deren Existenz zu retten, schaltete USC innerhalb kürzester Zeit in ganz Europa reale Livestreams frei. Heute Boxen in Paris, morgen Meditation in Mailand. Praktisch. 

Ich höre die Nachbarn poltern und auf meinem Bildschirm poppt eine Mail auf

Doch zurück nach Berlin. Auf meinem 13-Zoll-Bildschirm war eine Menge los. Knacken, Rauschen, Tippen. Inmitten unzähliger kleiner Live-Fenster, saß meine Lehrerin samt Hund auf der Matte. Home Office kennt offenbar auch bei Yogis keine Grenzen. Irgendwo muss das arme Tier ja hin. Bis die Menge zum Schweigen kam und ihre Technik verstand, vergingen Minuten. Auch ich nutzte die Zeit und fotografierte meinen Bildschirm, um das Foto auf Instagram hochzuladen. Fast hätte ich das “Ohmm” zu Beginn verpasst.

Der erste herabschauende Hund war ein klares Signal: Mein Körper war steif wie ein Besen und lechzte nach Bewegung. Genüsslich streckte ich Arme und Beine, Rücken und Nacken. Im Hintergrund hörte ich den Anweisungen zu und versuchte mich auf meine Matte zu konzentrieren. Unter mir hörte ich die Schritte meiner Nachbarn poltern, zwischendrin ploppte eine E-Mail auf und ab Minute zehn verwandelte sich mein Bildschirm plötzlich in eine Südsee-Oase. Irgendein Teilnehmer hatte seinen Desktop-Hintergrund versehentlich mit uns geteilt. Das kann ja was werden, dachte ich. Doch es wurde.

Raus aus der Komfortzone!

Auch wenn der Ton aus meinem Lautsprecher immer wieder nach sowjetischem Funkgerät klang, war die Stimme meiner Lehrerin so vertraut, dass ich mich darauf einließ. “Im Hier und jetzt sein. Auf den Atem achten”. Ich schloss die Augen und war plötzlich im Yogastudio. Die Matte unter meinen nackten Füßen fühlte sich genauso an wie dort. Mein Atem war der gleiche wie sonst und das Gefühl der tiefen Dehnung in meinen Muskeln unbezahlbar. Ich kam in den Flow und fing tatsächlich an, es zu genießen.

Sollten wir nicht öfter neuen Sachen eine Chance geben? Erfahrungen zulassen und nicht alles von vornherein verteufeln? Am Ende ist es die eigene Erfahrung, die zählt. Wenn ich mich recht besinne, waren es meistens Erlebnisse außerhalb der Komfortzone, die mich am Ende bereichert hatten: Meditation und Sport zur Routine werden lassen, auf eine gesunde Ernährung achten und schlechte Dinge vom Speiseplan streichen — und nicht wieder zehn Argumente dafür finden, erst morgen damit anzufangen.

Dynamik der Gruppe spürte ich auch durch den Bildschirm

Ab der Halbzeit wusste ich: Auch diese Stunde wird ihren Effekt haben. Die Posen saßen, ich hatte Platz. Krieger eins, Krieger zwei. Keiner, der mich aufhielt. Kein Mann, der stöhnte und schwitzte. Keine Nachbarin, die realisierte, dass meine Fußnägel einen neuen Anstrich vertragen könnten. Ich drehte mich um hundertachtzig Grad, schwang meine Arme euphorisch nach hinten. Liegestütz. Dass ich mich zwischendrin am Küchentisch stieß, war schmerzhaft, aber zweitrangig.

Ich fokussierte mich auf das Wesentliche. Mehr denn je, denn was anderes stand ohnehin nicht zur Wahl. Selbst die Nachbarin, die auf dem Balkon gegenüber eine Kippe nach der anderen qualmte, brachte mich nicht aus dem Konzept. Ich wusste: Wenn hundert andere das schaffen, dann schaffe ich das auch.

Es war, als ob ich die Dynamik der Gruppe durch den Bildschirm spürte. Auch in der virtuellen Welt gilt: Einer für alle, alle für einen! “Ein starkes Team an deiner Seite kann dich motivieren, es nicht nur für dich zu tun, sondern für alle”, lautet eine der “Top 10 Roles for Success” des US-amerikanischen Erfolgstrainers Lewis Howes. Mit seinen Motivations-Talks begeistert der ehemalige Profi-Athlet Millionen seiner Fans im Netz und folgt eigentlich nur einem simplen Prinzip, das Maslow bereits in seiner Bedürfnispyramide festhielt: Menschen sehnen sich nach Beziehungen und Freunden.

Beim Home-Workout sieht niemand dein ungebügeltes Sportshirt

In Zeiten von Corona können wir Online-Sport in gewisser Weise sogar als Zeichen von Solidarität sehen: Stehen wir auf der Matte, sorgen wir nicht nur für unser Wohlergehen. Wir motivieren andere, ebenfalls für sich zu sorgen. Das zeigt auch Influencerin Pamela Reif. Die unangefochtene #gymqueen hat auf Instagram einen eigenen Hashtag, der mehr als zehntausend Treffer landet. Seitdem Home Office und Ausgangssperre zum Alltag wurden, brechen ihre Workouts im Netz alle Rekorde.

In ihrem Post schreibt sie, 90.000 Menschen hätten zur gleichen Zeit ihre YouTube-Videos trainiert und 1,9 Millionen schwitzten innerhalb von zwei Tagen vor dem Bildschirm. “Diese Menschenmenge siehst du beim Konzertvideo von Ed Sheeran”. Das Praktische beim Home-Workout: Keiner dieser Milionen Menschen da draußen sieht, wenn dein Sportoberteil ungebügelt ist oder der Handstand heute nicht klappt.

Wir alle wollen das Beste aus einer absurden Lage herausholen

Als ich aus dem Fenster schaute, leuchtete der Berliner Himmel rot in der Abendsonne. Ich legte mich zur Schlussmeditation auf den Boden. Räucherstäbchen gab es bei dieser Session nicht. Stattdessen höre ich in meiner Küche das Wasser in den Heizungsrohren gurgeln. Die Vorstellung, dass ich gleich ohne kalten Heimweg direkt in mein Bett fallen kann, ist so luxuriös, wie, wenn der Masseur zu dir nach Hause kommt.

Am Ende sitze ich kerzengerade vor meinem Bildschirm und sag “Ohmm”. Das grelle Licht des Computers strahlt in der Dunkelheit auf meine Stirn. Allein, zu wissen, dass gerade Dutzende andere in genau der gleichen Situation sind, rührt mich. Zu wissen, dass wir alle versuchen, aus dieser absurden Zeit das Beste zu machen, gibt mir Hoffnung. Social Distancing, Lockdown und Ausgangssperren mögen auf der Straße existieren. Aber im Kopf sind wir als Gesellschaft frei.

* Die Mitgliedschaft wurde mir von Urban Sports Club kostenfrei zur Verfügung gestellt, um diese Kolumne zu schreiben.

Besser, gesünder, nachhaltiger, produktiver und zugleich entspannter. Wir leben in der Ära der Selbstoptimierung. Aber was bringt uns wirklich weiter — und was können wir uns sparen? In ihrer Kolumne „Selbst optimiert“ schreibt Laura Lewandowski regelmäßig darüber, was dabei rauskommt, wenn sie (kluge) Ratschläge umsetzt oder aus eigenen Erfahrungen lernt. Im Leben, bei der Arbeit und überall dort, wo es zählt. Hauptsache selbst optimiert. 

Den Original Artikel finden Sie auf Business Insider DE.

About the author

Laura Lewandowski
Laura Lewandowski

Founder & Storytelling Evangelist, The Bucket List Agency

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Ich bin Top 30 u 30 Journalistin, Kolumnistin Business Insider DE & Gründerin von The Bucket List Agency. Meine Mission: Change yourself, then change the world. Hier dreht sich alles um Tools, die uns (wirklich) glücklich machen. Und Storytelling, das die Welt (nachhaltig) verändert.
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