Astrid Maier

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Diversity Day: Warum alte deutsche Haudegen und die „Generation Woke“ öfter mal zusammen Filterkaffee trinken sollten

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Mein Diversity-Held heißt Ray Dalio. Er ist 71 Jahre alt, Hedgefonds-Guru, Milliardär. Genauer gesagt ist er Gründer des legendären Fonds Bridgewater Capital, der eine Weile lang die ganze Branche mit Traumrenditen vor sich hertrieb. 

Dalio hat in seinem Unternehmen eine Kultur etabliert, in der alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – vom Praktikanten bis zur Abteilungsleiterin – ermutigt werden, auf Probleme hinzuweisen. Er will keine Lösungen hören. Damit will Dalio verhindern, dass sein Unternehmen dem Gruppendenken zum Opfer fällt. Gruppendenken erkennt man daran, wenn sich alle sofort auf eine Lösung stürzen, bevor sie das Problem überhaupt in allen Facetten verstanden haben. Es ist der Grund, warum so viele Organisationen zur Mittelmäßigkeit verdammt sind.

Würden mehr Menschen wie Dalio die Vielfalt der Gedanken in ihren Organisationen fördern und fordern, wir hätten die Coronapandemie vermutlich weitsichtiger gemanaged. Wir hätten erst die Virologinnen angehört, dann aber auch sofort die Soziologen, die Eltern und die Kinder, die Arbeitgeber, die Lehrerinnen und die Intensivmediziner. Wir hätten dann am Ende vermutlich nicht eine ganze Generation verheizt, wie wir es in Deutschland mit unseren Kindern gerade getan haben. Wir hätten früh verstanden, dass monatelange Schulschließungen Ungleichheiten zementieren oder vergrößern. Wir hätten kapiert, dass Eltern auch nur Menschen sind und eine ausgebrannte Belegschaft keinem Arbeitgeber etwas nutzt. Wir hätten nach Corona sogar einen ziemlich glatten Neustart wagen können, hätten am Verhandlungstisch auch ein paar Mütter, Pädagogen oder Soziologinnen und hungernde Künstler mehr gesessen.

Die Haudegen bringen der "Generation Woke" einen Filterkaffee

Wann, wenn nicht jetzt, nach dieser globalen Pandemie, werden wir also in der Lage sein, Diversity als das anzuerkennen, was sie letzlich ist: die entscheidende Grundlage, damit wir in dieser sich schnell drehenden, allzeit vernetzen Welt überhaupt überleben können. Mit dem Klimawandel steht uns die nächste große Herausforderung bevor. Und wer wirklich noch glaubt, sein Unternehmen, seine NGO, sein Team, seinen Stab, seine Lehrkräfte (.... hier ist Platz für alles weitere, das Dir noch einfällt .... ) fit für die Zukunft machen zu können, indem er oder sie sich mit den besten Gleichgesinnten umgibt, der kann den Laden auch gleich dicht machen.

Und wie entsteht Vielfalt? Dadurch, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, dass Junge und Alte zum Zug kommen, dass Arm und Reich gefragt sind, dass die Erfahrenen und die Neulinge sich austauschen. Dass die deutschen Haudegen aus dem Mittelstand der „Generation Woke“ einen Filterkaffe ausschenken und umgekehrt einen Flat White. Dass die Zugezogenen und die Einheimischen, die vermeintlich Versehrten und die angeblich Perfekten, die Heteros und die LGBTQ-Community sich nicht in ihren eigenen Identitätsblasen einlullen, sondern diese mit Krach und Karacho von innen platzen lassen.

Klingt ungemütlich? Ist aber machbar. Nur so können wir die Welt retten. Und darum geht es gerade wirklich. Wenn wir uns nicht ändern, wenn wir nicht zuhören, wenn wir nicht begreifen, was Wissenschaftlerinnen uns schon seit Jahrzehnten über den Klimawandel erzählen, dann war’s das mit uns und dem Planeten. Wenn wir nicht zuhören, warum Wohlstand und Wohnungen und Anerkennung und Respekt in einer Gesellschaft einigermaßen gleich verteilt sein sollten, machen wir vielleicht schon früher als befürchtet Schluss mit der Demokratie. Weil sich dann Populisten und Demagogen daran machen, der Vielfalt das Ende zu bereiten. 

Nochmal nachdenken

Und wer jetzt in den Kommentaren schreibt, für ihn gebe es ohnehin keinen menschengemachten Klimawandel, denn früher sei es im Mai auch schonmal kalt gewesen, und es komme ja auch immer nur auf die Leistung an und nicht auf die Quote und man selbst sei für Hautfarben sowieso blind, dem/der empfehle ich heute zum Diversitytag ein Buch und einen Test:

  • In „Think Again“ hat Organisationspsychologe Adam Grant sehr schön aufgeschrieben, wie wir gelernt haben, entweder wie Politiker, Priesterinnen oder Juristen zu sprechen und zu argumentieren und dabei die Gedanken der anderen zu negieren
  • Hier geht es zum Project Implicit Test der Harvard Universität, wo alle feststellen können, welchen Stereotypinnen sie gerne verfallen

Also: Think again! Und Happy Diversity Day. 💃🏿

Wie versucht ihr, Vielfalt der Gedanken zuzulassen? Habt ihr einen Tipp, dann teilt ihn in den Kommentaren. 

Und dass das Problem mit der mangelnden Diversität sich nicht von alleine löst, kann jede·r hier überprüfen, beim XING News Diversity Special vom vergangenen Jahr. So viel hat sich seither leider nicht getan:

Es wird Zeit: Warum Diversität in Unternehmen so wichtig ist

About the author

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Chefredakteurin, XING SE

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Ich bin Chefredakteurin von XING News. Davor habe ich über die Digitalwirtschaft und wie sie Wirtschaft und Gesellschaft verändert geschrieben. Ich war Ressortleiterin Innovation & Digitales bei der WirtschaftsWoche und bin Absolventin des John S Knight Fellwoship Programms der Stanford Universität.
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