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Marco Maas

Marco Maas

Insiderfür Datenjournalismus/Sensorjournalismus/IoT

Ein Abgesang auf Apps. Und Webseiten.

Bundesarchiv/Wikipedia unter CC-By-Lizenz
Those were the days...

Es wird Zeit für eine apokalyptische These: Das Ende der Apps (und das des WWW) ist nahe. Seit Aufkommen von Smartphones und mobilen Apps konnte ich mir nicht vorstellen, dass der Doppelaufwand, Webseiten und Apps zu entwickeln, notwendig und effizient ist - ich postulierte noch 2010, dass sich Apps niemals durchsetzen würden und setzte auf konsequente Weiterentwicklung von HTML5 und responsive Webseiten. 2016 zeigt, dass ich recht hatte, was das responsive Design angeht, aber unrecht, was die Verbreitung von Apps angeht.

Zwar ist es so, dass der US-Amerikaner durchschnittlich 1,5 Apps pro Monat installiert, aber kaum neue Apps zusätzlich dazukommen. Die Platzhirsche werden intensiver genutzt - allen voran Facebook, Mail und vor allem Chat-Programme wie WhatsApp, WeChat, oder auch Snapchat. Für alle weiteren Anwendungen gibt es kaum einen Markt es herrscht eine App-Fatigue.

Inhalte und Services ohne Heimat

Seit nun knapp einem Jahr kündigen sich neue Trends an: Conversational OS, Chatbots, Homeless Media sowie kontextbezogene Ausspielung von Inhalten. Neben ihrer bequemen Nutzung richten sie sich vor allem gegen die bestehende App-Infrastruktur.

Die neue Logik, mit der bereits der Facebook-Erfolg erklärt wird: Nutzer wollen Inhalte dort abholen, wo sie agieren - das war in der ersten Ausbaustufe das Mobiltelefon, inzwischen ist es WhatsApp, der Facebook-Messenger - oder perspektivisch: Jede App, die sich per Schnittstelle ansteuern lassen kann.

Wer die Design-Vorgaben und die App-Gestaltung der Google-Apps mit Material Design analysiert, kann klar erkennen, wohin es geht: Die Kachel ist visuell das neue Mantra - und diese Kachel findet intensiv in der Google-App, bei Google-Now (jetzt: Google Assistent) sowie allen anderen neugestalteten Google-Apps statt. Die Kachel wird zur App.

Noch fühlen sich die Dialoge bei Resi (nach dem Vorbild der Quartz-App) oder auch Spectrm etwas hölzern an, aber das Chat-, Conversational- oder Audio-Interface, das sich mit natürlicher Sprache bedienen lässt, ist omnipräsent - gerade auch sehr gut bei Alexa oder Google Home zu beobachten, den neuen Assistenten zur Steuerung des Smart Homes von Amazon und Google.

Es lohnt ein Blick weg vom Silicon Valley hin nach China und zu dem dort erfolgreichstem Messenger WeChat (eigentlich WeiXin bzw. QQ), um zu erahnen, was künftig alles conversational angeboten werden wird: Taxi oder Pizza bestellen, Bezahlen, Routen finden, Pakete nachverfolgen - fast alle Aspekte des täglichen Lebens lassen sich innerhalb des WhatsApp-Klons bereits komfortabel erledigen.

Marken werden wichtiger

Für Inhalte-Anbieter ist das Fluch und Segen zugleich. Ein Nutzer muss keine App installieren oder eine Website finden, um einen Dienst in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig ist er der Plattform ausgeliefert und muss perspektivisch digitale Schutzgelder dafür zahlen, dass sein Dienst der erste ist, wenn ein User generisch Pizza bestellt und nicht explizit nach “Luigis Pizza” fragt. Bei Amazon Alexa in den USA ist genau dieses Szenario bereits Realität - bestellt ein Nutzer per Alexa mittels "No-Click"-Bestellung und Same-Hour-Delivery-Garantie eine Flasche Champagner, kann Amazon sich aussuchen, welche Marke eine Stunde später per Kurier geliefert wird - und mit dem Hersteller über die Marge verhandeln.

Es ist spannend zu beobachten, wie sich beispielsweise Google hier positioniert - der Konzern lebt noch davon, dass Menschen suchen und er Werbung neben den nützlichen Ergebnissen zeigen kann. In dialogischer Form könnte es sein, dass sich Anzeigen in aktueller Ausprägung überhaupt nicht mehr darstellen lassen. Noch ist das Conversional OS der Ausnahmefall, aber wie in jeder Disruption könnte sich Google durch das Material-Designkonzept hier selbst angreifen.

Spätestens seit der gestrigen Vorstellung der neuen Google-Handys (“Pixel”) wird der neue Weg von Google klarer: Die Nachfolge-App von Google Now ist der “Google Assistent” und das KI-System ist tief in das Android-Betriebssystem integriert. KI und Assistenzfeatures in integrierter Hardware sollen Google so für die Zukunft positionieren.

Afrika als Vorreiter für dialogische Suche/Service

Interessanterweise kommt Innovation nicht nur aus Asien, sondern auch aus Afrika. In Gegenden ohne Internet-Versorgung haben sich Anbieter wie Nandimobile einen Markt erschlossen, indem sie website-artige SMS-Verzeichnisse anbieten. Die Autowerkstatt ohne eigenes Internet-Angebot kann so ihre Dienstleistungen per SMS-Abfrage ähnlich dem alten Faxabruf anbieten und Anfragen direkt vom Mobiltelefon des Chefs in einen Austausch treten. Standard-Preisinfos und Öffnungszeiten können automatisch abgefragt werden, komplexere Anfragen initiieren den direkten Dialog. Die klassische Website gibt es als kostenlosen Service vom Anbieter dazu, sind aber faktisch nicht mehr relevant - Innovation einmal andersherum.

Ich chatte also bin ich

Im Silicon Valley findet diese Art der direkten Kommunikation und der Wandel von Website zum Service gerade auch technologisch aufgebohrt mit künstlicher Intelligenz statt. Facebook, Twitter, Google (mit Allo), WhatsApp - alle Anbieter versuchen, vom chattenden Markt ein Stück abzubekommen. Hier ist in den nächsten Jahren betriebssystembedingt keine Marktbereinigung zu erwarten, mindestens Apple und Google werden eigene Lösungen haben, denn: Wie überall im Internet - wer die Plattform mit den Kunden hat, gewinnt am Ende. Der Kampf der Plattformen - zunächst im Browser, dann beim mobilen Betriebssystem, jetzt also auf Android, iOS, Amazon, Facebook, WhatsApp, SnapChat - alles wird mit der eigenen künstlichen Intelligenz angereichert.

Für den Kunden heißt das möglicherweise, dass er bei der OpenTable-Reservierung für vier Freunde mit unterschiedlichen Telefonbetriebs- und Chat-Systemen von 4-6 Chatbots der verschiedenen Apps angeschrieben werden wird.

Bei Homeless-Media wird das Ende der Websites postuliert, durch das Conversational-OS sind wir demnächst dazu in der Lage, sowohl diese Webseiten als auch Apps auf den digitalen Friedhof zu verbannen. Gleichzeitig könnte es auch den Untergang des sichtbaren WWW bedeuten - sodass das Netz vollends nur zur Infrastruktur hinter den Diensten der Zukunft mutiert. In gewisser Weise eine Rückbesinnung - im WWW haben dann alle Hobbyisten wieder ihre Spielwiese - einfach nur für Webseiten, ohne monetäre Interessen. Für den Rest bedeutet das dann: Willkommen im Silo.

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Wer sich hierzu intensiver austauschen möchte: Ich veranstalte mit dem Gründern von Resi und Spectrm ein Panel zum Conversational OS beim Vocer Innovation Day am 19.11. in Hamburg beim Spiegel (ich bin einer der Herausgeber von Vocer). Und ein letzter Transparenz- und Werbehinweis: Auch meine Firma schaufelt gerade am Grab des WWW, so wie wir es kennen: Mit xMinutes bauen wir eine Plattform für den perfekten Nachrichten-Stream - Nachrichten werden kontextbasiert dem Leser präsentiert - allerdings derzeit noch ganz ohne Chatbots, aber dafür algorithmenbasiert.

Über den Autor

Marco Maas
Marco Maas

Geschäftsführender Gesellschafter Datenfreunde GmbH/OpenDataCity, Datenfreunde GmbH

Insiderfür Datenjournalismus/Sensorjournalismus/IoT

Journalist, begleitet den digitalen Wandel der Medienbranche seit Ende der 90er. Als Gründer & Geschäftsführer von OpenDataCity einer der Pioniere im europäischen Datenjournalismus. Aktuell schwerpunktmäßig mit dem Internet der Dinge und der kontextbasierten Ausspielung von Inhalten beschäftigt.
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