Problems logging in
Dr. Ulrich Goldschmidt

Dr. Ulrich Goldschmidt

for Führung, Leadership, Aufsichtsräte

Fehlende Fairness im Diskurs zerstört die Gesellschaft

© European Union 2019 – Source: EP
Oft unfair: Meinungen über Politikerinnen wie Ursula von der Leyen, hier bei der Wahl zur Kommisionpräsidentin.

Werte wie Respekt und Fairness spielen im Umgang miteinander oft keine Rolle mehr. Sollten die eigenen Kommentare den Fairness-Test nicht bestehen: Einfach mal den Mund halten, findet Dr. Ulrich Goldschmidt.

Fehlende Fairness im Diskurs zerstört die Gesellschaft

Über den Fortbestand des Abendlandes wird in Berlin und Brüssel entschieden. Diesen Eindruck konnte man zumindest in den letzten Tagen und Wochen gewinnen, wenn man die Empörungswelle über die Wahl von Ursula von der Leyen zur neuen EU-Kommissionspräsidentin und die Ernennung von Annegret Kramp-Karrenbauer zur neuen Bundesverteidigungsministerin verfolgt hat.

Sicherlich kann man über die Art und Weise enttäuscht und vielleicht sogar empört sein, wie der europäische Kompromiss zustande kam, vom eigentlich den Wählern versprochenen Spitzenkandidaten-Modell abzuweichen und mit Ursula von der Leyen eine ganz neue Kandidatin ins Rennen zu schicken. Aber Kompromisslösungen sind ein Wesensmerkmal der EU seit ihrer Gründung. Will man in der Zukunft etwas anderes, muss man die Spielregeln ändern.

Bezeichnend ist aber etwas ganz anderes. Während unsere europäischen Nachbarn überwiegend die Vorteile einer stark europäisch geprägten Kandidatin hervorhoben, sieht man einmal vom Briten Nigel Farage ab, der von der Leyen für eine Kommunistin hält, ging es in Deutschland schon gar nicht mehr um Inhalte. Noch bevor die Kandidatin sich das erste mal inhaltlich geäußert hatte, stand für viele Kommentatoren das Urteil schon fest: Komplett inkompetent, ungeeignet, ein Fehlgriff. Und genau das beschreibt perfekt den Niveauabsturz des politischen Diskurses hierzulande.

Politische Ämter nur noch für Sado-Masochisten?

Ja, Ursula von der Leyen hat in der Vergangenheit Fehler in ihrem Berufsleben begangen, sie hat mit Sicherheit Fehler als Ministerin begangen und gewiss war nicht jede ihrer öffentlichen Äußerungen von Klarheit, Weisheit und Brillanz geprägt. Und genau dasselbe trifft auch auf Annegret Kramp-Karrenbauer zu. Aber genau dasselbe trifft auch auf alle Politiker in Deutschland und weltweit zu. Keiner von ihnen ist fehlerfrei. Solche übermenschlichen Lichtgestalten und politischen Superhelden gibt es einfach nicht, kann es nicht geben. Und das wird auch so bleiben, so lange wir uns nicht entscheiden, die politische Verantwortung einem seelenlosen Algorithmus mit künstlicher Intelligenz zu übertragen. Ein Szenario, das hoffentlich nie eintreten wird. Menschliches Verhalten ist immer fehlerbehaftet. Das gilt nicht nur für Politiker, sondern auch für Manager und ebenso für alle anderen Berufsgruppen. Wenn wir daraus auf die Ungeeignetheit für politische Spitzenämter schließen wollten, werden wir uns schwer tun, diese Ämter überhaupt noch zu besetzen. Schlimmer noch, werden sich hochqualifizierte Menschen dafür auch nicht mehr zur Verfügung stellen. Man müsste schon im hohen Maße sado-masochistisch veranlagt sein, um daran Gefallen zu finden, übel beschimpft zu werden, bevor man die Aufgabe überhaupt übernommen hat. Denn genau so sieht der politische Diskurs inzwischen aus.

Natürlich sollen und müssen sich auch Politiker der öffentlichen Kritik stellen. Die Politik ist kein Schutzbiotop für empfindsame Politikerseelen. Aber diese Kritik muss sachlich sein und bleiben. Die Kritik darf auch scharf und pointiert sein aber bitte ohne herabwürdigende persönliche Angriffe, wie wir sie immer häufiger erleben.

Mehr Fairness, bitte

Übertragen wir das auf die Arbeitswelt und das gesellschaftliche Miteinander insgesamt, hätten wir ohne Fairness und Respekt die Hölle auf Erden. Würden wir den neuen Kollegen im Büro mit dem Hinweis auf seine vermutliche Inkompetenz begrüßen? Würden wir den Handwerker, der bei uns daheim die Heizung reparieren soll, schon einmal wüst beschimpfen, noch bevor er sein Werkzeug ausgepackt hat? Oder würden wir der Bäckereifachverkäuferin noch vor unserer Bestellung sagen, dass sie doch wahrscheinlich die falschen Brötchen in die Tüte packen wird? Und wie würden wir uns selbst dabei fühlen, wenn genauso mit uns umgegangen würde?

Wir fordern alle Fairness im Umgang mit uns selbst ein. Aber warum fällt es vielen so extrem schwer, mit dieser Fairness auch anderen Menschen und speziell Politikern zu begegnen? Warum behandeln wir andere nicht so, wie wir selbst behandelt werden möchten? Was wir erleben, ist das Ergebnis einer zunehmenden Fixierung auf sich selbst in einer stark individualisierten Gesellschaft und in der Folge ein immer nachlässigerer Umgang mit anderen. Die persönliche Betroffenheit ist ein hoher Wert, die Achtsamkeit für andere eher nicht.

Man sieht dies auch in der Kritik an Annegret Kramp-Karrenbauer. Sachliche Gründe gegen ihre Ernennung zur Verteidigungsministerin wurden kaum diskutiert. Ihr wird aber erschwerend vorgehalten, dass sie noch vor wenigen Monaten erklärt hatte, wegen ihrer Parteiaufgaben kein Ministeramt anzustreben. Der reflexartige Vorwurf lautet: Unglaubwürdigkeit. Ein wenig lächerlich wirkt dieser Vorwurf schon. Wer noch nie ernsthaft daran gedacht hat, eine vorübergehende Entscheidung für den Berufsweg zu korrigieren, der möge hier den ersten Stein werfen. Die Bereitschaft, sich für ein schwieriges öffentliches Amt zur Verfügung zu stellen, hat gewiss keinen Vorwurf verdient.

Es gibt zudem gute Gründe, warum man keinen Arzt oder Apotheker zum Gesundheitsminister und keinen General zum Verteidigungsminister machen sollte. Die Unabhängigkeit von persönlichen oder partikularen Interessen ist ein nicht zu verachtender Wert. Ein Minister hat zudem andere Aufgaben als der Fachreferent in der Ministerialbürokratie. Der Hinweis, „AKK“ kenne sich mit der Bundeswehr nicht aus, geht daher ins Leere.

Auch mal den Mund halten

Die Verächtlichmachung von Personen beschädigt diese Menschen. Die Beschädigung von Menschen, die sich politisch engagieren, beschädigt die Demokratie, weil das Niveau des politischen Diskurses auf persönliche Angriffe ohne Inhalt reduziert wird. Die Beschädigung der Demokratie zerstört aber am Ende die Gesellschaft. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird nach und nach perforiert, wenn Werte wie Respekt und Fairness im Diskurs und im Umgang miteinander keine Rolle mehr spielen. Wir sollten uns um den Konsens in der Gesellschaft bemühen, dass dieser Preis zu hoch wäre. Stattdessen sollten wir uns alle immer wieder überprüfen, ob unsere Kommentare des politischen Geschehens den Fairness-Test bestehen. Sollte dies nicht der Fall sein, ist es nicht die schlechteste Übung, einfach mal den Mund zu halten.

About the author

Dr. Ulrich Goldschmidt
Dr. Ulrich Goldschmidt

Senior Advisor, CEO , Rechtsanwalt, DFK - Verband für Fach- und Führungskräfte

for Führung, Leadership, Aufsichtsräte

Als Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes DIE FÜHRUNGSKRÄFTE-DFK mit rund 25.000 Mitgliedern im Bundesgebiet beschäftige ich mich naturgemäß mit dem Thema Führung. Seit vielen Jahren berate ich außerdem Aufsichtsratsmitglieder, Vorstände und die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten.
Show more