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Dr. Kathrin Niewiarra

Dr. Kathrin Niewiarra

for Compliance, Menschen, Unternehmen, Corporate Governance

Fuzzy Logic, Compliance und die Richter

©Axel Lischke
Driver der unternehmerischen Compliance-Entscheidung

Gesetze und Regelungen basieren meistens auf dem Gedanken, dass alles entweder richtig oder falsch ist. Wir versuchen damit, Sicherheit, Ordnung und Belastbarkeit in unseren Alltag und unser Miteinander zu bringen. Wie ich meine, mehr als nachvollziehbar: Das Zusammenleben und die Komplexität unserer Welt erfordert eine Struktur und damit auch Regeln. Aber die starre Unterscheidung in RICHTIG oder FALSCH bzw. JA oder NEIN funktioniert nicht in allen Lebenslagen. Das Leben findet ja nicht auf dem Reißbrett statt, sondern ist voll von Überraschungen, Unwägbarkeiten und leider auch Dilemmata. Und dies gilt natürlich auch für unseren Berufsalltag – und dort vielfach im Zusammenhang mit Compliance-Entscheidungen.

Irren ist menschlich und mögliche Fehler sind unausweichlich

Jeder Entscheider, jeder Manager und Mitarbeiter: Jeder von uns muss mit potenziellen Risiken leben und umgehen. Sie sind immer Teil einer jeden Entscheidung. Nicht nur im Privatleben, sondern auch bei Entscheidungen geschäftlicher Natur wiegen Fehler schwer, zerstören Wert(e), Karrieren und letztendlich Menschen. Daher ist es von maßgeblicher Bedeutung, etwaige Risiken, Fehlerquellen und vor allem den Umgang damit zu beleuchten und zu kennen, um die sinnvollste Wahl zu treffen.

Compliance-Entscheidungen werden meist rational auf der Grundlage von Fakten, Recht, Gesetz, Unternehmensrichtlinien und Prozessen getroffen. Checklisten unterstützen die Filterung des Sachverhalts. Dieser wird dann häufig in ein System eingeordnet oder mithilfe eines Ampelpapiers gewichtet. Die Entscheidung ist vorbereitet, alle entscheidungserheblichen Informationen liegen vor, so dass einer rationalen – und auch „richtigen“ - Wahl zwischen JA oder NEIN eigentlich nichts im Wege steht. Aber ist das tatsächlich so simpel?

Ich meine, dass es nicht (immer) so einfach ist: Fakten sind nicht der alleinige Driver, der eine Entscheidung beeinflusst. Vielmehr sollten wir unser Augenmerk auf den Driverseat lenken – und den der dort sitzt: den Menschen.

Faktor Mensch

Welche Einflüsse und Auswirkungen schon Müdigkeit und Hunger auf die von uns gefällten Entscheidungen haben, zeigt anschaulich die folgende Studie über israelische Richter, die Daniel Kahnemann in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ anführt: Die Richter hatten die Aufgabe, über Begnadigungen zu entscheiden. Es wurde untersucht, ob es eine Korrelation zwischen den Urteilen und (Essens-)Pausen gibt. Im Schnitt dauerte eine Urteilsfindung sechs Minuten, die Standardentscheidung war die Ablehnung des Entlassungsgesuchs. Je näher die Mittagspause rückte, desto hungriger und erschöpfter die Richter waren, desto weniger Haftentlassungen sprachen sie aus. Die Richter fällten also eher die Standardentscheidung, den Weg des geringsten Risikos und damit wohl die auf den ersten Blick einfachste und schnellste Lösung, die sie nicht zum Nachdenken zwang. Denken verbraucht Energie – erschöpften und hungrigen Richtern fielen rationale Entscheidungen also anscheinend schwerer und die Tendenz zur leichteren (und vielleicht auch vertrauteren Alternative) Standardentscheidung stieg.

Was bedeutet dies für uns und unsere (Compliance-) Entscheidungen? Ich glaube, die Antwort ist offensichtlich. Denn natürlich sind wir, unabhängig davon, ob Manager, Mitarbeiter oder Aufsichtsorgan im Unternehmen, den gleichen Situationen ausgesetzt wie die Richter bei ihrer Urteilsfindung. Schon vermeintliche Belanglosigkeiten wie Hunger, Ermüdung oder auch Störungen führen dazu, den kräftesparenderen Weg zu wählen, sich auf kurzfristige Folgen und Auswirkungen zu konzentrieren und damit die Standardlösung im Ergebnis zu wählen. Und hier ist noch nicht einmal der emotionale Zustand, in dem wir uns im Zeitpunkt der Entscheidung befinden in die Betrachtung eingeflossen…

Die Besonderheit der unternehmerischen Compliance-Entscheidung

Compliance-Entscheidungen sind unternehmerische Entscheidungen. Es geht dabei gerade nicht um Sachverhalte, um die sich ausschließlich die Experten, Juristen und die Compliance Officer oder Compliance Beauftragten kümmern müssen und sollten. Vielmehr handelt es sich auch hier um unternehmensrelevante Entscheidungen, die Auswirkungen auf das operative Geschäft, das Unternehmen, seine Mitarbeiter und sonstige Stakeholder entfalten. Stärker als bei vielen anderen Entscheidungen tritt bei Compliance-Entscheidungen aber noch ein anderer Aspekt hinzu. Es fließen häufig und verstärkt neben den rechtlichen auch ethische Bewertungen ein, die sich an unserem Wertesystem orientieren. Werte jedoch sind „fuzzy“ - für jeden von uns haben Werte wie z.B. Integrität, Vertragstreue oder Vertrauen eine etwas andere Bedeutung und dies prägt damit auch unsere Entscheidungsfindung und Handlungen individuell.

Was können wir also tun, um die „richtige“ Compliance-Entscheidung zu treffen?

Ein Durchdringen der Situation ist sicherlich - genauso wie bei jedem anderen (risikobehafteten) Sachverhalt - notwendig. Gesetzliche Regeln sowie Unternehmensrichtlinien sind vorhanden und sollen/müssen respektiert und eingehalten werden – sie geben quasi die „Leitplanken“ vor, innerhalb derer sich der Entscheider bewegt. Aber nachhaltige Compliance erfordert noch mehr. Innerhalb dieser Leitplanken gibt es viele Bereiche, die weder schwarz noch weiß sind, sondern sich in Grauschattierungen zeigen. Gefangen zwischen der „Fuzzy Logic“ unserer Werte und der Störungsanfälligkeit als Mensch gilt es einen Weg zu finden, diese Graubereiche bei der (Compliance-) Entscheidungsfindung zu berücksichtigen und sich auch so aufzustellen, dass wir unsere Wahlmöglichkeiten erkennen, Erschöpfungsentscheidungen zu vermeiden.

Der erste Schritt: „Awareness“.

Ich hoffe, der Beitrag ist ein Schubs in diese Richtung, schafft Bewusstsein für diesen Balanceakt und regt während der Sommerpause zum Nachdenken an. Mehr zu möglichen Lösungsansätzen nach der Urlaubszeit, wenn die Akkus wieder geladen sind.

About the author

Dr. Kathrin Niewiarra
Dr. Kathrin Niewiarra

Rechtsanwältin, bleu&orange® (eingetragene Marke)

for Compliance, Menschen, Unternehmen, Corporate Governance

Compliance und Governance sind Themen, die den Unternehmensalltag bestimmen. Aber allein das Wissen über Regeln reicht nicht aus. Es bedarf noch mehr: ein Verständnis der menschlichen Komponente. Der Mensch entscheidet, ob der Balanceakt gelingt, die unternehmerischen Herausforderungen zu meistern.
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